In deutschen Kinos ist am Donnerstag, 3. September, ein Film angelaufen, der kaum besser in die Zeit passen könnte: „That’s Why The Lady Is A Champ“ erzählt die wahre Geschichte der amerikanischen Profiboxerin Christy Martin, die sich aus den Fängen ihres gewalttätig-manipulativen Mannes befreite. In Deutschland bekommt das Kinodrama eine besondere Dimension, denn es wird offiziell von Schauspielerin und Moderatorin Collien Fernandes präsentiert.

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Mit ihren Vorwürfen gegen Ex-Mann Christian Ulmen hat die 44-Jährige im März 2026 eine Debatte über Gewalt gegen Frauen entfacht. Im Interview erklärt Collien Fernandes, warum der Film sie so berührt, was sich in der Debatte noch ändern muss und was sie Betroffenen rät.
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Wir führen dieses Interview an einem Sonntag. Können Sie eigentlich noch unbeschwerte Wochenenden verbringen?
Collien Fernandes: Ich gehe gleich mit meiner Schwester auf den Flohmarkt. Ich versuche manchmal, mich bewusst herauszunehmen, was ich in dem Trubel aber tatsächlich nur sehr selten schaffe.
Collien Fernandes über Film zu häuslicher Gewalt: „Hat schon viel getriggert“
Vermutlich werden Sie ziemlich oft angesprochen, wenn Sie in der Öffentlichkeit sind. Ist das nicht störend?
Das ist meist sehr rührend. Permanent kommen ältere Frauen auf mich zu und umarmen mich. Sie sagen dann: „Ich habe in meiner Ehe auch ganz schlimme Sachen erlebt. Aber damals haben wir uns nicht getraut, den Mund aufzumachen. Ich freue mich, dass Ihre Generation das besser macht.“ Wobei ich gerade nicht unbedingt das Gefühl habe, dass sie es tatsächlich so viel besser macht.
Ihnen stehen jetzt verschiedenste öffentliche Auftritte bevor, denn Sie präsentieren den Film „That‘s Why The Lady Is A Champ“ über eine reale amerikanische Profiboxerin, die sich aus den Fängen ihres gewalttätig-manipulativen Mannes befreit. Was bedeutet diese Geschichte für Sie?
Der Film hat mich wahnsinnig umgehauen, denn er verdeutlicht intensiv, was ein Großteil der Menschen nicht versteht. Der Ehemann hat nach außen hin auch eine andere, nette Seite, weshalb ihn die Familie der Protagonistin toll findet und ihr erst mal nicht glauben will. Viele Frauen, die mir zum Thema „häusliche Gewalt“ schreiben, erleben genau das Gleiche. Ihnen wird unterstellt, dass sie lügen, weil sich die Leute nicht vorstellen können, dass zu Hause ganz andere Dinge passieren. Gerade weil das eine wahre Geschichte ist, bekommt man einen sehr guten Eindruck von der Realität.
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Wie haben Sie sich gefühlt, als Sie diesen Film angeschaut haben?
Er hat schon viel getriggert. Deshalb konnte ich ihn nicht am Stück schauen. Zum Glück hatte ich einen Screening-Link, den ich immer wieder unterbrechen konnte. Es war sehr herausfordernd, auch angesichts der Reaktionen, die ich aktuell von Männern bekomme.
Welche sind das?
Für viele Männer fühlt es sich so an, als würden alle Männer als Gewalttäter hingestellt. Deswegen muss das reflexartig immer sofort betont werden, dass es eben nicht alle Männer sind, anstatt sich mit dem auseinanderzusetzen, was Frauen so erleben. Viele wollen das auch einfach nicht wahrhaben und fangen an, feministische Frauen als „Männerhasserinnen“ zu beschimpfen. Dabei wollen wir einfach nur Gerechtigkeit.
Ich glaube, dass wir in der Gesellschaft momentan zu Extremen tendieren. Und hier können wir alle ansetzen. Je aggressiver die Debatte, desto weniger setzt man sich mit den Positionen des Gegenübers auseinander. Ich versuche daher selbst, möglichst wenig konfrontativ zu sein. Die Gesellschaft hat den sachlichen Diskurs verlernt. Bei Online-Diskussionen fangen die Leute ab dem dritten Kommentar an, sich zu beschimpfen. Dadurch verfestigen sich extreme Positionen, und die Fronten verhärten sich.
„Man ist nicht immer nur ein Dauerhäufchen Elend“
Nun haben Sie aber auch viel Solidarität erlebt. Bei öffentlichen Veranstaltungen haben Tausende Menschen für Sie demonstriert. Sehen Sie sich als Anführerin einer Bewegung?
Man darf nicht vergessen: Ich setze mich seit vielen Jahren in diesem Bereich ein. Das ist kein Themenbereich, mit dem man automatisch auf großen Anklang stößt. Ich hoffe, dass das für viele nicht nur ein kurzes Event war. Da passiert etwas in der Öffentlichkeit, also rennt man jetzt auch auf die Straße. Ich hoffe, dass das Thema weiterhin ernst genommen wird, bis sich wirklich etwas verändert hat.
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Sie erhoffen sich ja auch, dass „That‘s Why The Lady Is A Champ“ etwas zur Sensibilisierung beiträgt. Gibt es noch andere Filme, die so eine Wirkung erzielen könnten?
Ich kann mich an keinen Film erinnern, der häusliche Gewalt so realistisch dargestellt hat. Ich würde mich gerne mit Menschen aus dem fiktionalen Erzählen austauschen. Wenn ich Filme sehe, die das Thema behandeln, habe ich das Gefühl, dass die oft eine völlig verklärte Vorstellung davon abbilden, wie sich Opfer verhalten. Das führt dazu, dass auch die Gesellschaft ein völlig verklärtes Bild davon hat.
Ich saß kürzlich mit der Autorin Claudia Wuttke zusammen, die 67 Vergewaltigungen erlebt hat, und wir haben zusammen gegessen und auch gemeinsam gelacht. Man ist nicht immer nur ein Dauerhäufchen Elend, vor allem, wenn man schon eine gewisse Zeit der Verarbeitung hinter sich hat. Natürlich hat man schwierige Phasen, aus denen man sich heraushieven muss, aber dann gibt es eben auch solche Momente.
Was für einen Rat können Sie generell jungen Frauen in dieser ganzen Gemengelage geben?
Redet! Auch wenn man euch nicht glaubt! Es hilft als ersten Schritt, die Wahrheit auszusprechen. Geht in Selbsthilfegruppen. Sprecht mit anderen Betroffenen. Ihr werdet sehen, dass ihr kein Einzelfall seid. Und ihr werdet sehen, dass sich die Muster erstaunlicherweise oft sehr ähneln. Das zeigt euch: Ihr seid nicht damit allein.
Und was ich allen anderen sagen möchte: Seid lieb zueinander! Wie ich schon geschildert habe, ist alles so konfrontativ geworden. Die Gesellschaft verzieht sich in linke und rechte Ränder und geht nicht mehr aufeinander zu. Aber nur wenn uns das gelingt und wir trotz unterschiedlicher Haltungen Kompromisse schaffen, können wir als Gesellschaft funktionieren. Die Geschichte weltweit hat gezeigt, dass noch nie aus einem extremen Rand etwas Gutes entstanden ist. Wir sollten in der Mitte bleiben, im Dialog bleiben, die Argumente des anderen aufnehmen und die Lebensrealität der anderen Seite sehen. Sonst sind wir als Gesellschaft verloren.
Zur Berichterstattung im Fall Fernandes
Gegen Christian Ulmen stehen schwere Vorwürfe im Raum. Schauspielerin und Moderatorin Collien Fernandes hat Ulmen in Spanien angezeigt, wegen mutmaßlicher Vortäuschung einer Identität, Verletzung von Geheimnissen, Beleidigung mit öffentlicher Verbreitung, fortgesetzter Misshandlung und schwerer Bedrohung. Um die Erstellung von Deepfake-Pornos ging es dabei ausdrücklich nicht. Die spanische Justiz hat die Strafanzeige von Collien Fernandes an Deutschland abgegeben. Die Staatsanwaltschaft Potsdam ermittelt derweil wegen Vorwürfen häuslicher Gewalt gegen Christian Ulmen.
Für Ulmen gilt die Unschuldsvermutung. Der Schauspieler weist die Vorwürfe zurück. Das Landgericht Hamburg hat Anfang Mai einen Großteil der im März erschienenen „Spiegel“-Berichterstattung für zulässig erklärt. Fernandes hatte darin die Vorwürfe gegen ihren Ex-Mann öffentlich gemacht. Im Juni urteilte auch das Hanseatische Oberlandesgericht, der „Spiegel“ dürfe weiter über die Gewaltvorwürfe berichten.












