Die Brüsseler Kommune Saint-Gilles ist ein Ort zwischen den Welten. Es gibt dort Reiche wie Arme, schicke Altbauten und heruntergekommene Häuser, Szene-Kneipen und schmuddelige Cafés. Und das alles mitunter im selben Viertel oder derselben Straße. Die Gentrifizierung läuft hier auf Hochtouren.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
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Auf der Place de Bethléem haben am Sonntag Hunderte demonstriert. Leute aus der Mittelschicht, viele von ihnen mit kleinen Kindern. Sie prangerten den offenen Drogenhandel in ihrem Quartier an. Und den Umstand, dass in Brüssel Rechnungen zwischen rivalisierenden Drogenbanden immer häufiger mit Schusswaffen beglichen werden – mitunter sogar mit Kalaschnikows. „Lasst mich in Frieden spielen“, war auf einem Plakat zu lesen, das ein Kind in die Höhe hielt.
Innenminister spricht von „nationaler Notlage“

Probleme mit Drogen und Waffengewalt gibt es in allen Metropolen Europas. Aber Brüssel, Hauptstadt des Königreichs Belgien und Machtzentrum der Europäischen Union, sticht auf erschreckende Art und Weise heraus.
Schießereien auf offener Straße sind in einigen Gegenden inzwischen fast an der Tagesordnung. Üblicherweise geht es um Drogen und Revierkämpfe der Banden und Dealer. „Wir befinden uns in einer nationalen Notlage“, erklärte kürzlich der belgische Innenminister Bernard Quintin. „Der Kampf gegen die organisierte Kriminalität muss für alle Behörden und alle staatlichen Ebenen oberste Priorität haben.“
Rund 170 Schießereien gab es in Brüssel seit Anfang 2025, fast 70 davon allein im laufenden Jahr. Acht Menschen starben im vergangenen Jahr, in diesem bisher zwei. Hinzu kommen Dutzende Verletzte.
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Der Sommer war überwiegend ruhig. Aber jetzt, Ende August, knallt es immer wieder irgendwo: Am Montag vergangener Woche etwa an einer belebten Ecke in Saint-Gilles – direkt vor einer Pizzeria, wo Familien auf der Terrasse friedlich zu Abend aßen. Der Wirt erzählte später, die Salven aus einer automatischen Waffe hätten drei oder vier Minuten gedauert. Verletzt wurde zum Glück niemand.
Wenige Tage zuvor war am selben Platz einem Mann ins Bein geschossen worden. Kurz darauf meldete die Polizei, dass ganz in der Nähe ein Projektil die Fensterscheibe einer Wohnung durchschlagen habe, während die Bewohnerin im Bett lag. Auch sie blieb unverletzt. Am gleichen Wochenende nahmen zwei Personen in einem benachbarten Stadtteil eine Polizeistation unter Beschuss und flüchteten mit einem Elektro-Roller. An einem anderen Ort in der Stadt wurde ein Mann mit einer Schussverletzung aufgefunden.
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In den betroffenen Vierteln gibt es viele Arbeitslose und Migranten
Natürlich ist die Gefahr ist groß, dass auch Unbeteiligte Opfer der Ballerei werden. Der Brüsseler Staatsanwalt Julien Moinil warnte nach der jüngsten Welle von Gewalt: „Jedermann kann eine Kugel abkriegen.“
Schwerpunkt der Schießereien ist die Gegend um den Südbahnhof (Gare du Midi), an dem die Hochgeschwindigkeitszüge aus London, Paris und Köln ankommen. An den Bahnhof grenzen die Brüsseler Kommunen Saint-Gilles, Anderlecht und Forest. Sie zeichnen sich durch eine hohe Arbeitslosigkeit und einen hohen Migranten-Anteil aus.
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Das gilt ebenso für die Kommune Molenbeek-Saint-Jean, die vor einem Jahrzehnt weltweit traurige Berühmtheit als Islamisten-Hochburg erlangte: Von hier stammt unter anderem der Terrorist Salah Abdeslam, einer der Haupttäter der Anschläge von Paris aus dem November 2015 mit 130 Toten und fast 700 Verletzten. Die Kommunen in Brüssel sind keine Vororte, sondern in etwa vergleichbar mit den Stadtbezirken deutscher Großstädte. Die 19 Brüsseler Kommunen bilden zusammen die belgische Region Brüssel-Hauptstadt.
Die Täter sind oft junge Männer ohne gültige Papiere
Wenn die Polizei im Zusammenhang mit den Schießereien Verdächtige oder Täter festnimmt, hat sie es häufig mit einer bestimmten Art von Personen zu tun: jungen Männern aus prekären Verhältnissen, oft noch minderjährig und häufig ohne gültigen Aufenthaltstitel. Ihre Nationalitäten sind nicht öffentlich bekannt. Häufig werden aber auch jugendliche Kleinkriminelle aus Frankreich angeheuert, die der Verlockung des schnellen Geldes erliegen.
Die Köpfe der Gangs und die Auftraggeber der Schießereien sitzen nach Erkenntnissen der Ermittler häufig im Ausland, etwa in Marokko oder Dubai. Belgien insgesamt gilt seit Jahren als wichtige Drehscheibe im internationalen Drogenhandel. Über den Hafen von Antwerpen gelangen – so wie über Rotterdam oder Hamburg – im großen Stil Lieferungen aus Südamerika oder Asien auf den europäischen Markt.
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Was die Schießereien in Brüssel betrifft, so zeigt sich hier allerdings das übliche Elend Belgiens: Alle sind sich des Problems bewusst. Aber eine effiziente Bekämpfung der Strukturen scheitert bislang am Kompetenz-Wirrwarr. Justiz, Kommunen, die zuständigen Polizeiverwaltungen, die Region und der Föderalstaat zeigen mit dem Finger aufeinander und fordern sich gegenseitig zum entschlossenen Handeln auf. Natürlich fehlt es überall an Geld.
Aber immerhin werden jetzt mehr Kräfte mobilisiert und die Polizei zentralisiert. Bisher gibt es sechs unabhängige Polizei-Zonen in Brüssel. In Zukunft soll es nur noch eine einzige geben, mit einer klaren Kommando-Struktur.

Und dann gibt es noch Probleme, die erst recht surreal wirken angesichts der ernsten Lage: Innenminister Quintin teilte kürzlich mit, dass die Föderalregierung 7,5 Millionen Euro für Überwachungskameras ausgegeben habe. Einige davon seien aber leider nicht brauchbar – weil sie entweder kaputt seien oder von Bäumen verdeckt.










