Von , Volontärin
  • Sachsen-Anhalt hat sich verändert, registriert auch unsere Autorin
  • Funke-Journalistin Antonia Weber hat ein Stimmungsbild von Menschen aus dem Bundesland eingeholt
  • Das Fazit: Es herrscht Angst und Stille

Meine Heimat hat sich verändert, schon lange vor der Wahl. Eine Familie in der Blankenburger Nachbarschaft hat die Deutschlandfahne vor ihrem Haus durch eine AfD-Fahne ersetzt. Die AfD ist in Sachsen-Anhalt als gesichert rechtsextremistisch eingestuft. Bei Nachbarn von Freunden läuft lautstark Landser. Eine Band, deren Musik wegen gewaltverherrlichender und nationalsozialistischer Inhalte verboten wurde. Rechtes und rechtsextremes Gedankengut ist in Sachsen-Anhalt wieder salonfähig geworden. Grenzen verschieben sich.

Ich habe in den vergangenen Tagen und Wochen mit Menschen gesprochen, die in diesem Land leben und arbeiten, Verantwortung tragen. Lehrer, Ärztinnen, Polizisten. Die sich Gedanken über ihre Zukunft machen und sich fragen: Nach welchen Lehrplänen muss ich vielleicht bald unterrichten? Wird nachts irgendwann eine „Bürgerwacht“ auf den Straßen unterwegs sein?

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„Besonders große Sorgen mache ich mir um ausländische Kolleginnen und Kollegen“, erzählt mir eine junge Ärztin aus dem Harzkreis. „Sollte es für sie schwieriger werden, in Sachsen-Anhalt zu leben und zu arbeiten, könnte das den Krankenhausbetrieb erheblich beeinträchtigen.“ Die Stimmung gegenüber diesen Kolleginnen und Kollegen sei bereits aufgeladen.

Antonia Weber in Blankenburg

FUNKE-Volontärin Antonia Weber stammt aus Blankenburg im Harz. Teilweise erkennt sie ihre Heimat nicht wieder.

Bild: © FUNKE Foto Services | Reto Klar

Lehrer: „Insgesamt herrscht eine aggressive Grundstimmung“

Ich frage meine Gesprächspartner, ob sie ihre Befürchtungen auch öffentlich äußern würden. Die Antwort ist fast immer dieselbe: eher ungern. Wenn überhaupt, dann anonym. Teilweise gibt es Dienstvorschriften, die öffentliche politische Äußerungen einschränken. Vor allem aber haben die Menschen Angst. Nicht unbedingt vor einem Ulrich Siegmund, dem AfD-Star in Sachsen-Anhalt. Sie haben Angst vor ihren Nachbarn und Mitbürgern.

„Insgesamt herrscht eine beinahe aggressive Grundstimmung, sobald politische Themen zur Sprache kommen – sowohl in den sozialen Medien als auch außerhalb davon“, sagt ein Lehrer. „Als Lehrkräfte stehen wir im öffentlichen Leben der Stadt. Wir unterrichten die Kinder der Menschen, die hier leben. Ohne Anonymität würden vermutlich tatsächlich Menschen vor der Schule auftauchen – Eltern, AfD-Anhänger oder Mitglieder von AfD-Kreisverbänden.“

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Alles Nazis? Rechtsruck im Osten
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Dagegenhalten oder das Land verlassen?

Und trotzdem erzählen meine Gesprächspartner, dass sie sich nicht zurückziehen wollen. Sie sagen, sie würden widersprechen. Im Zweifel Anweisungen verweigern. Für ihre Überzeugungen einstehen. Ein junger Polizist aus Sachsen-Anhalt erklärt mir: „Wir schwören unseren Eid nicht auf eine Regierung oder eine bestimmte Person, sondern verpflichten uns der Verfassung und den Menschen.“ Darauf wolle er so lange bestehen, wie es möglich ist – und den Job im Notfall an den Nagel hängen. Der Lehrer kann sich aber auch vorstellen, das Land zu verlassen.

Zunächst bleibt aber die Angst, sich zu positionieren. Und diese Angst endet nicht mit einer Landtagswahl. Gerade auf dem Land, wo jeder jeden kennt. Natürlich unterstützt der Großteil der Menschen in Sachsen-Anhalt nicht die AfD, und längst sind nicht alle AfD-Wähler Rechtsextreme oder Nazis. Der Sachsen-Anhalt-Monitor 2025 zeigt, dass weniger als zehn Prozent der Bevölkerung ein gefestigtes rechtsextremes Weltbild haben. Viele Menschen, die AfD wählen, fühlen sich von den anderen Parteien nicht mehr abgeholt. Sie haben das Gefühl, dass ihre Sorgen über Jahre, vielleicht Jahrzehnte, nicht ernst genommen worden sind. Und hoffen auf einfache Antworten.

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Nazi oder links-grün-versifft: Schubladendenken im Land

Das Problem ist nur: Du weißt nicht mehr, wer welcher Mensch ist. Und damit sind wir bei einem noch größeren Problem: Der gesellschaftliche Zusammenhalt bröckelt. Wo man früher einen Nachbarn gesehen hat, eine Kollegin, sieht man inzwischen manchmal einen „Nazi“ oder eine „links-grün-versiffte Zecke“. Ein weiterer Lehrer beschreibt seine Erfahrung so: „Die AfD gilt hier als gesichert rechtsextrem. Sobald man sich gegen sie äußert, wird man sofort dem anderen politischen Lager, also dem linken Spektrum, zugeordnet.“ Er argumentiere dann mit dem Grundgesetz. „Wenn das bereits als ‚links‘ gilt, sagt das viel über die Verschiebung der Maßstäbe aus.“

Gleichzeitig gilt aber auch: Wer sich über die Entwicklung im Land ärgert, ist noch lange kein Extremist. Wer sich von den etablierten Parteien abwendet, ist nicht automatisch ein Feind der Demokratie. Und wer AfD wählt, ist nicht gleich ein schlechter Mensch.

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Die Schuld-Frage

Woher aber kommt das Schwarz-Weiß-Denken? Auch die etablierten Parteien tragen hier eine Verantwortung. Vor allem auf Bundesebene haben sie dem „Bundesland dazwischen“ zu lange zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Die AfD hat zumindest so getan, als würde sie sich für die Menschen hier interessieren. Sie hat zugehört, wo andere abwesend waren. Sie hat das Gefühl vermittelt, dass jemand die Wut, die Enttäuschung und die Sorgen versteht.

Antonia Weber in Blankenburg

Was macht Heimat aus? Mit dieser Frage beschäftigt sich Antonia Weber immer wieder, wenn sie ihre Heimatstadt Blankenburg in Sachsen-Anhalt besucht.

Bild: © FUNKE Foto Services | Reto Klar

Private Gespräche am Küchentisch, am Gartenzaun, im Supermarkt drehen sich seit Monaten, teilweise seit Jahren, kaum noch darum, wie wir gemeinsam etwas tun können, in Sachsen-Anhalt, im Harz. Gegen das Waldsterben, die Abwanderung, die Altersarmut. Stattdessen geht es immer häufiger darum, das letzte Wort zu haben. Darum, einen anderen Menschen anhand einiger Symbolthemen in eine Schublade zu stecken. Und diese Schublade vielleicht nie wieder zu öffnen.

Es geht deshalb nicht nur die Angst um. Es breitet sich Stille aus. Die Gespräche werden weniger. Wo man sich früher herzlich auf dem Weg oder aus dem Auto begrüßt hat, gibt es kühle Blicke. Man weiß nicht mehr, was der andere denkt. Und man hat Angst davor, es herauszufinden.