Die Serie von Anschlägen auf die Stromversorgung reißt nicht ab: Neue Fälle versuchter Sabotage wurden aus Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen gemeldet. Was steckt dahinter? Und warum lässt sich das Stromnetz nicht besser schützen?

Was ist zuletzt passiert?

Im rheinländischen Dormagen wurde an einem Umspannwerk offenbar eine Abschussvorrichtung für selbst gebaute Raketen gefunden. Im niedersächsischen Ganderkesee umstellten Polizeikräfte ein Umspannwerk, nachdem verdächtige Gegenstände entdeckt worden waren. Auch am Kraftwerk Weisweiler bei Aachen kam es zu einem Polizeieinsatz. Am Dienstag war es bereits in Bergheim westlich von Köln zu einem Anschlag auf ein Umspannwerk gekommen. Mehrere Blöcke zweier nahe gelegener Kohlekraftwerke mussten heruntergefahren werden, ein Stromausfall wurde aber verhindert. Einen ähnlichen Angriff hatte es auch bei Jänschwalde in Brandenburg gegeben. Sicherheitsbehörden warnten vor einem „koordinierten Angriff auf die Energieversorgung“.

Zu den Anschlagsversuchen in Dormagen und Jänschwalde tauchten Bekennerschreiben auf. Der Verfasser, der weitere Anschlagsziele nannte, will demnach mit seiner Aktion gegen die fossile Energieindustrie vorgehen. Ermittler hatten zunächst auch „fremdstaatlich gelenkte Sabotage“ für möglich gehalten. Der Anschlag an einem zentralen Stromkabel in Berlin zu Jahresanfang war seinerzeit Linksextremisten zugeordnet worden.

Wie gefährdet ist unser Stromnetz?

In Deutschland umfasst das Stromnetz nach Expertenangaben rund 1,7 Millionen Kilometer, davon sind 135.000 Kilometer Hochspannungsleitungen, überwiegend oberirdisch. Hinzu kommen unter anderem Tausende Umspannwerke. Werden die so beschädigt, dass die Stromspannung nicht gehalten werden kann, drohen regional größere Blackouts. „Ein hundertprozentiger Schutz der Anlagen bleibt illusorisch“, sagt der CDU-Sicherheitsexperte Roderich Kiesewetter unserer Redaktion. Auch Michèle Knodt, Expertin für Katastrophenmanagement an der TU Darmstadt, sagt: „Wir werden das Stromnetz nicht flächendeckend schützen können.“

Polizeieinsatz am Umspannwerk in Dormagen
Kriminaltechniker am Umspannwerk in Dormagen. Ein Spaziergänger hatte einen verdächtigen Gegenstand entdeckt. © dpa | Alexander Franz

Wer sichert das Netz – kann die Bundeswehr helfen?

Zuständig für den Schutz sind die Betreiber. Ein vor sechs Monaten in Kraft getretenes Gesetz zum Schutz kritischer Infrastrukturen erlegt ihnen die Verpflichtung auf, für die Sicherheit selbst zu sorgen. Doch eine Verordnung, die entsprechende Schutzstandards konkret festlegt, fehlt noch, wie zahlreiche Kritiker jetzt monieren. Das Bundesamt für Verfassungsschutz berät die Betreiber, warnt auch vor akuten Gefährdungslagen. Eine Bewachung durch die Polizei ist nicht vorgesehen – und erst recht nicht durch die Bundeswehr.

Ein Einsatz von Soldaten zum Schutz kritischer Infrastruktur wäre möglich im Rahmen einer Amtshilfe (gab es zuletzt in der Corona-Krise) oder durch die Ausrufung des Spannungsfalls oder eines vorgelagerten Zustimmungsfalls. CDU-Sicherheitsexperte Kiesewetter ist einer der Ersten, die das fordern: „Die Ausrufung des Spannungsfalls wäre die effektivste und einfachste Lösung oder übergangsweise auch eine Amtshilfe der Bundeswehr. Leider wird das von der Bundesregierung nicht in Erwägung gezogen“, sagt der Bundestagsabgeordnete. Doch Kiesewetter schränkt ein: „Auch bei einem Spannungsfall hätte die Bundeswehr aktuell nicht die Fähigkeiten und vor allem nicht das ausreichende Personal, um den Schutzerfordernissen nachzukommen.“ Kiesewetter plädiert deshalb für einen verpflichtenden Gesellschaftsdienst – eine schnelle Lösung wäre das nicht.

Mehr Schutz für das Stromnetz: Das fordern Experten

Experten sehen drei Ansätze: verstärkter Schutz der Anlagen, eine Verbesserung der Systemstabilität und im Ernstfall schnelle Reparatur. In Berlin etwa wurden nach dem Anschlag im Januar Umspannwerke mit Stacheldrahtzaun und KI-gestützter Videoüberwachung ausgestattet. Eine wichtige Forderung sind Änderungen beim Datenschutz, damit öffentliche Bereiche rund um die Anlagen rechtssicher überwacht werden können, zuletzt gefordert von NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) und Branchenverbänden. Auch über eine stärkere Drohnenabwehr wird diskutiert. Es fehle nicht an technischen Möglichkeiten, sondern an konsequenten Investitionen, sagt die Deutsche Polizeigewerkschaft. Kiesewetter fordert eine massive technologische Aufrüstung mit engmaschiger Videoüberwachung, Sensorik und baulichen Härtungsmaßnahmen.

Sprengvorrichtung an Umspannwerk gefunden
Einsatzkräfte einer Polizeihundertschaft durchsuchen großräumig die Umgebung nach dem Sabotagevorfall an einem Umspannwerk in Jänschwalde. © dpa | Frank Hammerschmidt

Mindestens genauso wichtig: Es muss verhindert werden, dass Anschläge auf einzelne Knotenpunkte wie Umspannwerke zu größeren Zusammenbrüchen führen. Back-up-Lösung ist das Stichwort. Die Systeme müssten Ausfälle robust abfedern, mahnt Kiesewetter: „Wir benötigen die Vorhaltung mobiler Umspannwerke für den sofortigen Ersatz.“ Dritter Sicherheitsbaustein: Lernen von der Ukraine. Deren Energieversorgung ist ständig russischen Angriffen ausgesetzt, doch Ausfälle gibt es nie für längere Zeit. Denn in der Ukraine stehen schnell verfügbare Einsatzteams zur Sicherung der Stromversorgung bereit. Die Teams haben Zugriff auf eine große Reserve an Ersatzteilen, die sonst viele Monate Lieferzeit hätten, sagt Katastrophenforscherin Knodt. Auch die Standardisierung von Ersatzteilen sei eine Lehre aus dem Ukraine-Krieg.

Kiesewetter fordert darüber hinaus auch eine „proaktive“ Gefahrenabwehr: „Die digitale Aufklärung durch Nachrichtendienste und Ermittlungsbehörden muss intensiviert werden, um Sabotageplanungen frühzeitig zu erkennen – sei es durch extremistische Gruppierungen oder im Rahmen hybrider staatlicher Bedrohungen.“