In der Luft liegt dieser muffige Geruch, den nur Jugendklubs ihr Eigen nennen. Es ist die Mischung aus wahllos zusammengestellten, günstig ergatterten Möbeln und einem Sammelsurium aus Dingen, die irgendwie Spaß bereiten. Gesellschaftsspiele stapeln sich im Holzschrank, an der Wand hängen eine Dartscheibe und kleine Kunstwerke, die der kahlen weißen Wand etwas Farbe verleihen. Diese Räume sind zweimal wöchentlich das Reich von Ronja Muth. Sie ist Streetworkerin in Gommern, einer Einheitsgemeinde im Norden Sachsen-Anhalts. Doch vielleicht nicht mehr lang, glaubt sie. „Sollte die AfD regieren, ist mein Job einer der ersten, die abgeschafft werden“, sagt die 37‑Jährige. „Ich könnte heulen, wenn ich an den 6. September denke.“

Montag, Mittwoch, Freitag

Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

Hinter den Kulissen der Politik - meinungsstark, exklusiv, relevant.

Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.

In der letzten Umfrage der Forschungsgruppe Wahlen im Auftrag des ZDF lag die AfD 17 Prozentpunkte vor der CDU. Der Abstand ist etwas kleiner, als in den Umfragen zuvor – aber noch immer beachtlich. Die vom Landesverfassungsschutz als gesichert rechtsextremistisch eingestufte AfD kommt in der Erhebung auf 40 Prozent. Sie will die Alleinregierung und mit Spitzenkandidat Ulrich Siegmund erstmals einen Ministerpräsidenten in einem Bundesland stellen. Ob dies gelingt, ist auch davon abhängig, wie viele Parteien ins Landesparlament einziehen werden. Klar ist jedoch: Der große Coup ist zumindest in Reichweite.

Sachsen-Anhalt: AfD-Kandidat scheitert bei Bürgermeisterwahl in Gommern

Nicht weniger strebte auch AfD‑Politiker Phillipp-Anders Rau im März dieses Jahres an. „Schicksalswahl in Gommern: Erfahrung gegen Revolution“ titelte ein lokales Online-Portal. Rau wollte den bisherigen Bürgermeister Jens Hünerbein (parteilos) ablösen – und scheiterte. Mit 87,1 Prozent wurde Hünerbein für sieben weitere Jahre gewählt, die Wahlbeteiligung lag bei 63,5 Prozent. Rückblickend sagt Hünerbein: „Ich hätte nicht gedacht, dass ich so ein gutes Ergebnis einfahre. Die Anspannung in den Wochen davor war extrem groß.“

Es liegt in der Natur kommunalpolitischer Wahlen, dass sie personenzentriert sind. Hünerbein ist seit 2012 Bürgermeister in Gommern. Amtsinhaber-Bonus. Hinzu kam mit Rau ein Mitbewerber, der unter anderem 2017 zu einer Gefängnisstrafe auf Bewährung verurteilt wurde, weil er sein Abiturzeugnis gefälscht hatte. Bereits 2009 wurde Rau außerdem wegen gemeinschaftlichen Diebstahls in drei Fällen zu einer Gesamtfreiheitsstrafe von einem Jahr verurteilt. Ein Vorstrafenregister, das als Angriffsfläche einem Honigtopf gleicht. Doch Hünerbein widerstand.

„Für mich war das kein Spielfeld. Ich wollte bei mir, meinen Themen und Ideen für Gommern bleiben.“ Er nehme jeden Mitbewerber ernst, Arroganz sei nicht seine Art. Auch als Rau im Wahlforum den Bürgern versprach, dass sich mit seiner Wahl ein großes Unternehmen aus Frankfurt/Main in Gommern ansiedeln und hier das neue „Silicon Valley von Sachsen-Anhalt“ entstehen könne, ging Hünerbein nicht auf Konfrontation. „Ich musste nur die Stirn etwas krausziehen, weil ich wusste, dass es ein Versprechen ist, das er womöglich nicht halten kann“, so der Bürgermeister.

Auch interessant

CDU-Landtagsabgeordneter mit Stimmen der AfD zum Kreistagschef gewählt

Gommern befindet sich noch immer inmitten der Haushaltskonsolidierung, kämpft wie viele Kommunen in Sachsen-Anhalt mit klammen Kassen. Rau wollte im Zuge der Ansiedlung die Gewerbesteuer dennoch massiv von 360 auf 200 Prozent senken, konnte aber nicht erklären, wie er das Finanzloch gegenüber der Kommunalaufsicht hätte rechtfertigen wollen.

Wenn Hünerbein über die AfD spricht, nimmt er den Namen der Partei nur selten in den Mund. Dabei ist der Umgang mit ihr für den 53-Jährigen längst gelebter kommunalpolitischer Alltag. Seit der Kommunalwahl 2024 hat die AfD sieben Sitze im Stadtrat von Gommern. Dort gehe es meist noch sachlich zu. Anders sei es im Kreistag Jerichower Land.

AfD Sachsen-Anhalt Wahlplakat beschädigt
Ein zerstörtes Wahlplakat des AfD‑Spitzenkandidaten Ulrich Siegmund.© dpa | dpa

Hünerbein ist dort Vorsitzender der stärksten Fraktion „Wir für Jerichower Land“ und musste bereits im Sommer 2024 erfahren, dass die Brandmauer auf kommunaler Ebene nicht mehr existiert. Damals ließ sich der CDU-Landtagsabgeordnete Markus Kurze mit Stimmen der AfD zum neuen Kreistagschef wählen. Im Gegenzug wurde AfD-Politiker Jan Scharfenort mit CDU-Stimmen zum Stellvertreter gewählt. „Es ist eigentlich ein ungeschriebenes Gesetz, dass die stärkste Fraktion den Kreistagschef stellt“, sagt Hünerbein. „Was da dann ablief, das waren Spielchen. Die Brandmauer-Debatte ist längst überholt.“

Jens Hünerbein zur AfD: „Abgrenzen ja, ausgrenzen nein.“

Seine Devise im Umgang mit der AfD lautet „Abgrenzen ja, ausgrenzen nein“. Man könne eben auch auf Landesebene den Wählerwillen, der sich jenseits der 40-Prozent-Marke für die AfD bewege, nicht ignorieren. „Im Moment, so nehme ich es wahr, ist das Schimpfen und Meckern sehr ausgeprägt“, sagt Hünerbein. Das Kernproblem sei die Tatsache, dass „wir“ uns in Deutschland einen hohen Lebensstandard erarbeitet hätten. „An dem soll jetzt geknabbert werden, weil eben alles auch finanziert werden muss. Und da sagt natürlich jeder ‚Um Gottes Willen!‘ – und auf einmal gibt es da jemanden, der sozusagen die Heilung verspricht.“

Neben kostenfreien Kita-Plätzen und Schulessen sowie einem Baby-Begrüßungsgeld und einem landeseigenen Kindergeld will die AfD in Sachsen-Anhalt die Grunderwerbssteuer von 5 auf 2,5 Prozent senken. Auch die Kommunen sollen finanziell besser ausgestattet werden und mehr Zuweisungen vom Land erhalten. Neue Schulden will die AfD nicht machen. Ein Wahlprogramm mit vielen Versprechungen und eines, das womöglich eine Milliardenlücke in den Landeshaushalt reißen würde. Das ist das Ergebnis einer Studie des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH). „Das Wahlprogramm ist ein Luftschloss, es lässt sich nicht finanzieren“, sagte IWH-Präsident Reint Gropp gegenüber der „FAZ“.

Doch ein Luftschloss lädt eben auch zum Träumen ein. Vor allem, wenn es vermeintlich einfache Antworten auf komplexe Fragen in bürgernaher Atmosphäre gibt. Etwas, so Streetworkerin Ronja Muth, was die AfD wie kaum eine andere Partei beherrsche. „Die sagen nicht ,Hört auf zu jammern‘ oder ,Euch geht’s doch gut‘, die geben sich bürgernah und vermitteln eben das Gefühl ,Wir sehen Euch‘.“ Erst vor ein paar Wochen wurde das Kinderfest in der benachbarten Stadt Burg (bei Magdeburg) gefeiert. „Der einzige Stand, der vertreten war, war der Stand der AfD“, erzählt Muth und wirft verzweifelt die Hände in die Luft. „Meiner Meinung nach haben andere Parteien da über Jahre viele Chancen liegen gelassen. Fahrt doch mal in die Kinderheime, in die Schulen, zu den Sportplätzen! Hört euch die Probleme an!“, wird Muth emotional.

Streetworkerin Ronja Muth bangt um ihren Job

Für sie ist das ein Grund, weshalb Hünerbein in Gommern mit so einem deutlichen Ergebnis wiedergewählt wurde. „Er ist extrem engagiert und einfach immer überall zugegen, das honorieren die Menschen.“ Es sei aber eben auch ein Grund, weshalb bei der Bundestagswahl 2025 satte 36,2 Prozent der Stimmen aus Gommern an die AfD gingen.

Muth ist seit Anfang des Jahres Streetworkerin in der Einheitsgemeinde mit ihren zwölf Ortschaften. „Von Kindern mit iPhone und Nike-Schuhen bis hin zu Jugendlichen, die eine Matratze im Durchgangszimmer als Kinderzimmer bezeichnen, ist hier alles vertreten“, sagt sie. Dass Kinder aus der „Einfamilien-Haus-Bubble“ dennoch Parallelen feststellen, sei wichtig und bereichernd. Ob Liebeskummer oder Eltern, die mal nerven: Am Ende hätten alle trotzdem die gleichen Probleme.

Es stärke den demokratischen Grundgedanken, Teil der Gesellschaft zu sein. Etwas, das im Alltag der Kinder und Jugendlichen oft zu kurz komme, glaubt Muth. „Wir können die Jugendlichen nicht nur dann erwähnen, wenn sie mal wieder mit ihrer Musikbox an der Bushaltestelle stören“, sagt sie. „Wir müssen ihnen Gehör verschaffen, einen Raum für Mitgestaltung bieten.“ Doch das scheitere oft schon deshalb, weil es in der Einheitsgemeinde kaum noch Orte für Jugendliche gebe, der öffentliche Nahverkehr schlecht ausgebaut sei und in vielen Ortschaftsräten ältere Mitglieder sitzen würden, die den Jugendlichen zwar zuhörten, aber ihnen gegenüber eben immer auch skeptisch seien, so Muth.

Bautzen: Lokales Bündnis stimmt mit AfD für Streichung der Streetworker-Stelle

Ob im Jugendklub oder an Spielplätzen, die gebürtige Bayerin, die seit zwei Jahrzehnten in der Region lebt, sucht das Gespräch mit den jungen Menschen in der Einheitsgemeinde. Ihr Ziel: In jedem der zwölf Ortschaftsräte will sie einen Jugendrat installieren. Doch sie weiß nicht, ob sie dazu noch kommt. „Die AfD hält nicht viel von Sozialarbeit. Scherzhaft sage ich immer, dass meine Bewerbung für Lidl schon fertig ist“, sagt Muth, lacht dabei aber nicht. Vielmehr presst sie die Lippen aufeinander und schüttelt langsam den Kopf.

Die AfD in Sachsen-Anhalt lehnt staatlich finanzierte Sozialarbeit in vielen Bereichen, insbesondere in der Schule, ab. „Weder soziale und psychologische Betreuung noch Integration und Inklusion, sondern allein die Vermittlung von Kulturtechniken (Lesen, Schreiben, Rechnen) und Bildungsgütern ist Aufgabe der Schule“, heißt es im AfD‑Parteiprogramm. Ein Vorbote dürfte das Schicksal der Jugendlichen in einem Problemviertel in Bautzen (Sachsen) sein. Gemeinsam mit Stimmen der AfD erwirkte dort Anfang des Jahres ein lokales Bündnis die Streichung der Streetworker-Stelle.

Vorsitzende des Heimatvereins empfindet Aussagen des AfD-Kandidaten als „erschreckend“

Muth geht nicht ängstlich durchs Leben. Ihre euphorische Art, ihre Leidenschaft für die Anliegen der Kinder und Jugendlichen reißen einen schnell mit. Doch besonders die Pläne der AfD zur Vereinsförderung „machen mich besorgt“, sagt sie. Nach dem Willen der AfD sollen künftig nur noch Vereine gefördert werden, die „ein glaubhaftes Bekenntnis zur demokratischen Ordnung und zu einer patriotischen Grundhaltung ablegen“, heißt es im Wahlprogramm. „Da wird mir Angst und bange“, sagt Muth.

Karin Gust Gommern
Karin Gust (l.) mit Gommerns Gurkenkönigin, die jährlich in der Einheitsgemeinde gewählt wird.© Privat | Heimatverein

Ähnlich geht es Karin Gust. „Erschreckend“ fand die Vorsitzende des Heimatvereins einige Äußerungen des AfD‑Bürgermeisterkandidaten Rau im März. „Er hat sich vorsichtig ausgedrückt, aber angedeutet, dass sich Vereine für Förderungen künftiger patriotischer zeigen müssen“, erzählt die 72-Jährige, die in Gommern geboren wurde und ihr Leben der Stadtgeschichte gewidmet hat. „Ich kann auch mit Stolz sagen, dass ich meine Heimat liebe, Gommern liebe“, sagt sie. Und dennoch sei sie „sehr besorgt“. Ihr Verein hätte schon aufgrund der eigenen Ausrichtung wohl keine Kürzungen bei Fördergeldern zu befürchten. „Aber ich beschäftige mich intensiv mit der Geschichte und habe einfach Angst, dass wir auf eine Zeit zusteuern, die so eigentlich keiner haben will.“

Wenn am 6. September die ganze Republik nach Sachsen-Anhalt schaut, weilt Gust im Angelurlaub. Sie hat schon per Briefwahl ihre Stimme abgegeben. „Die AfD ist nicht meine Partei“, sagt sie, ist aber vorsichtig, wem gegenüber sie in Gommern diese klare Haltung äußere. „Es wird eng. So stark in die Konfrontation zu gehen, war nicht klug. Das spielt Ulrich Siegmund nur in die Karten.“