Die Blicke richten sich nach Alaska. Doch wenn sich US-Präsident Donald Trump und der russische Machthaber Wladimir Putin am Freitag in Anchorage beim Gipfeltreffen gegenübersitzen, sind die Erwartungen gedämpft. Einen Durchbruch bei Gesprächen zur Beendigung des Kriegs gegen die Ukraine erwarten die meisten politischen Experten nicht. Vielmehr herrscht die Sorge, dass Trump sich überlisten lässt und der Leidtragende die Ukraine sein wird.  Hier lesen Sie alles, was man zum historischen Treffen im nördlichen Bundesstaat der USA wissen muss:

Wann treffen sich Trump und Putin? Und warum in Alaska?

Die Gespräche beginnen laut Kreml um 11.30 Uhr (Ortszeit/21.30 MESZ) in Anchorage/Alaska auf dem Militärstützpunkt Joint Base Elmendorf-Richardson. Der Entscheidung, die Begegnung dort abzuhalten, waren hektische Verhandlungen vorausgegangen. Die Zahl der möglichen Treffpunkte war begrenzt, weil der Internationale Strafgerichtshof 2023 einen Haftbefehl gegen Putin wegen Kriegsverbrechen erlassen hatte.  In jedem der 125 Mitgliedsländer, die sich dem Rom-Statut angeschlossen haben, könnte der Kremlchef verhaftet werden. Theoretisch könnte auch Trump ihm Handschellen anlegen lassen. Das gilt aber als ausgeschlossen. Die USA sind rechtlich nicht verpflichtet, Putin zu verhaften, da sie sich dem Rom-Statut nicht angeschlossen haben.

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Der Kreml hatte ursprünglich die Vereinigten Arabischen Emirate als Schauplatz vorgeschlagen. Trump wollte aber drei Monate nach seiner letzten Reise in die Region nicht wieder den langen Flug auf sich nehmen. Letztlich fiel die Wahl auf Alaska, weil das Weiße Haus hierin eine Art strategischen Kompromiss sah. Schließlich war Alaska bis 1867 eine russische Kolonie. Die USA und Russland kommen sich hier sehr nah. In der Beringstraße liegen sich zwei Inseln gegenüber. Die große Diomedes-Insel im Westen gehört zu Russland, die kleine Diomedes-Insel gehört zu den USA. Sie sind nicht einmal vier Kilometer voneinander entfernt.

Wer nimmt am Gipfel in Alaska teil, wer nicht?

Es ist ein Zweier-Gipfel. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj ist nicht dabei, obwohl es um die Zukunft seines Landes geht. Auch Vertreter aus Europa sitzen nicht mit am Tisch. Geplant war im Vorfeld – wie auch 2018 in Helsinki – ein Vieraugengespräch zwischen den beiden Präsidenten Trump und Putin. Ob es dazu kommt, ist aber unklar.

Das Treffen zwischen US-Präsident Donald Trump (l.) und dem russischen Präsidenten Wladimir Putin wird mit Spannung erwartet. Doch die Erwartungen sind gedämpft.
Das Treffen zwischen US-Präsident Donald Trump (l.) und dem russischen Präsidenten Wladimir Putin wird mit Spannung erwartet. Doch die Erwartungen sind gedämpft.© Mark Schiefelbein/Mihail Metzel/AP/Pool Sputnik Government via AP/dpa | Mark Schiefelbein/Mihail Metzel

Verhandlungen über die Ukraine: Welche Sorgen gibt es?

Trump will, so wie er es in seinem Wahlkampf versprochen hat, den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine so rasch wie möglich beenden. Er fordert eine Waffenruhe und stellte Putin ein Ultimatum. Angeblich will er sich nach mehreren Telefonaten mit Putin nun ganz persönlich einen Eindruck verschaffen, ob der Kremlchef überhaupt zu einem Frieden bereit ist. Es gibt aber auch die Sorge, dass sich Trump von Putin – wie beim Treffen vor sieben Jahren – über den Tisch ziehen lässt. Schon der Schauplatz Alaska sei gut für den Kremlchef, sagte Trumps früherer Sicherheitsberater John Bolton. „Für Putin wäre lediglich Moskau noch besser gewesen.“ Er sitze deswegen schon am längeren Hebel, bevor die Begegnung überhaupt begonnen habe, ist Bolton überzeugt.

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Welche Haltung hat Trump zum Ukraine-Krieg?

Das ist schwer zu sagen. Nach dem jüngsten Telefonat, das Bundeskanzler Friedrich Merz und die europäischen Partner am Mittwoch mit dem US-Präsidenten geführt haben, erklärte Merz, Trump teile die Position der Europäer „sehr weitgehend“. Sie gaben ihm fünf zentrale Forderungen mit auf den Weg nach Alaska:

  1. Die Ukraine muss mit am Tisch sitzen, sobald es Folgetreffen gibt.
  2. Zu Beginn weiterer Gespräche muss ein Waffenstillstand stehen.
  3. Die Ukraine ist zu Verhandlungen über territoriale Fragen bereit, doch muss die sogenannte Kontaktlinie der Ausgangspunkt sein. Auch stehe eine rechtliche Anerkennung russischer Besetzungen nicht zur Debatte. Der Grundsatz, dass Grenzen nicht gewaltsam verändert werden dürfen, muss gelten.
  4. Verhandlungen müssen robuste Sicherheitsgarantien für Kiew sowie die Zusage langfristiger westlicher Militärhilfe umfassen.
  5. Alles muss Teil einer gemeinsamen transatlantischen Strategie sein, die bei ausbleibenden Fortschritten den Druck auf Russland erhöht.

Am Mittwoch erklärte der US-Präsident, dass es für Russland „schwerwiegende Konsequenzen“ geben wird, wenn Putin nach dem Gipfel kein Kriegsende herbeiführt. Fünf Minuten später räumte er aber ein, machtlos zu sein, falls Angriffe gegen ukrainische Zivilisten fortgesetzt werden. Doch Trump gefällt sich in der Rolle des Friedenstifters.

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Hat sich Trumps Verhältnis zu Putin geändert?

Ja. Anfangs sprach Trump noch anerkennend, fast bewundernd von Putin. Zu Beginn seiner zweiten Amtszeit versprach er, den Ukraine-Krieg rasch zu beenden. Im Februar 2025 demütigt er den ukrainischen Präsidenten Selenskyj im Oval Office. „Sie spielen mit dem Dritten Weltkrieg“, herrscht Trump Selenskyj an. Westliche Verbündete reagieren entsetzt. Zwischenzeitlich sah es so aus, als würde sich Trump mit Putin auf Kosten der Ukraine einigen. Doch dazu kommt es wohl nicht.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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Nach einem Treffen mit Selenskyj am Rande der Beerdigung von Papst Franziskus am 26. April in Rom macht sich bei Trump ein Stimmungswandel bemerkbar. Er äußert Zweifel, dass Putin „den Krieg vielleicht gar nicht beenden, sondern mich nur hinhalten will“. Danach sah es eher so aus, als würde er mit Putin die Geduld verlieren. Er setzt dem russischen Präsidenten sogar ein Ultimatum, das er aber verstreichen lässt. Stattdessen lud er ihn nun zum Gipfel ein. „Wir werden sehen, was er vorhat“, sagt Trump über einen möglichen „Deal“ mit Putin. Er schließt aber auch einen Abbruch des Gipfels nicht aus. Zugleich kritisiert er Selenskyj, weil dieser einen „Gebietstausch“ zwischen der Ukraine und Russland ablehne.

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Was hat es mit diesem „Gebietsaustausch“ auf sich?

Russland hat immer wieder deutlich gemacht, dass es die annektierten ukrainischen Gebiete nicht hergibt und auch in seiner Verfassung als neue Regionen verankert hat. Unterbreitet hat Moskau in einem Memorandum den Vorschlag, dass sich die ukrainischen Streitkräfte komplett aus den Gebieten Luhansk, Donezk, Saporischschja und Cherson zurückziehen – als Bedingung für einen Waffenstillstand. Zugleich droht Russland mit weiteren Eroberungen, sollte Kiew den Kampf fortsetzen wollen. Viele russische Kriegsbefürworter hoffen auf Eroberungen etwa der Großstädte Charkiw und Odessa. Bisher kontrolliert Moskau die bereits 2014 annektierte Schwarzmeer-Halbinsel Krim komplett und die Region Luhansk fast vollständig.

Im Gebiet Donezk stehen noch rund 30 Prozent, darunter große Städte wie Slowjansk und Kramatorsk, unter ukrainischer Kontrolle – nach Schätzungen über 7600 Quadratkilometer. Moskau dürfte nicht von der Krim und Luhansk abrücken – das Gleiche gilt für Donezk, Saporischschja und Cherson. Spekuliert wird aber, dass Russland besetzte Teile der ukrainischen Gebiete Sumy, Charkiw, Dnipropetrowsk und Mykolajiw aufgeben könnte. Diese umfassen zusammengerechnet weniger als 2000 Quadratkilometer. In den annektierten Regionen Saporischschja und Cherson sind jeweils auch mehr als 50 Prozent unter russischer Kontrolle, jedoch hat Kiew weiter in den Gebietshauptstädten das Sagen.

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Wie sieht die Ukraine das?

Selenskyj steht hinter den fünf Punkten, die die Europäer Trump mit auf dem Weg nach Alaska gegeben haben. Er hat immer wieder auch unter Verweis auf die Verfassung ausgeschlossen, auf Gebiete zu verzichten. Allerdings halten es in der Ukraine einige Politiker, darunter Kiews Bürgermeister Vitali Klitschko, für wahrscheinlich, dass die Ukraine für einen Frieden mit Russland am Ende die Verluste faktisch anerkennen muss. Ein juristisch wirksamer Gebietsverzicht ist jedoch derzeit nicht vorstellbar.

Was will Putin?

Putins Ziele sind unverändert. Er hat sich im Ukraine-Krieg bisher auf keinen Kompromiss eingelassen, aber er hat Interesse an der Normalisierung des russisch-amerikanischen Verhältnisses – vor allem wegen der Wirtschaft. Da kann sich Putin viele für beide Seiten gewinnbringende „Deals“ vorstellen. Er hofft damit, Trump überzeugen zu können. Seine Delegation ist hochkarätig. Mit ihm reisen Außenminister Lawrow und Juri Uschakow, Putins außenpolitische Berater. Das sind die zwei Hauptpersonen für Außenpolitik und russisch-amerikanische Beziehungen. Die Betreuer des „Deals“. Außerdem dabei Verteidigungsminister Andrej Belousow (Thema Krieg) sowie Kirill Dmitrijew, der Fondsmanager verhandelt mit über einen möglichen Friedensschluss in der Ukraine und weiß alles über lukrative Geschäfte.

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Welche Erwartungen gibt es?

Das Weiße Haus warnt vor übertriebenen Erwartungen. Für den US-Präsidenten handele es sich in erster Linie um „ein Treffen zum Zuhören“, hieß es. Was mögliche „Ergebnisse“ angeht, ist unter Experten die Sorge darüber groß, dass der Gipfel verheerende Konsequenzen für die Ukraine haben könnte. Auch Trump selbst hat die Erwartungen heruntergespielt. Er behauptet, dass „ich in zwei Minuten wissen werde“, ob der Gipfel zu einem Durchbruch führen kann. Auch signalisierte er, dass es ein Folgetreffen unter Einbeziehung europäischer Verbündeter und auch Selenskyjs geben wird. „Das wird dann die wichtigere Begegnung sein“, sagte Trump.  

Was mögliche „Ergebnisse“ angeht, ist unter Experten die Sorge darüber groß, dass der Gipfel verheerende Konsequenzen für die Ukraine haben könnte. Nicht nur, dass die beiden Politiker Russland die gesamte Donbass Region zuerkennen. Darüber hinaus könnte Trump dem Kreml-Chef versprechen, dass die USA die russische Übernahme weiterer Gebiete dulden würden, ohne die ukrainischen Streitkräfte mit Waffenlieferungen zu stützen.

Nicht nur, dass die beiden Politiker Russland die gesamte Donbass-Region zuerkennen. Darüber hinaus könnte Trump dem Kremlchef versprechen, dass die USA die russische Übernahme weiterer Gebiete dulden würden, ohne die ukrainischen Streitkräfte mit Waffenlieferungen zu stützen.  Der republikanische Senator Lindsey Graham, ein langjähriger Apologet des Präsidenten, glaubt, dass Trump hart sein wird. Ohne einen fairen Deal „wird er das Gespräch abbrechen und den Raum verlassen“, meint Graham.

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Anders schätzen aber politische Experten die Lage ein. Michael McFaul, früherer US-Botschafter in Moskau, sieht mehrere Risiken. „Mit dem Gipfel verleiht er Putin internationale Legitimität.“ Zum anderen rechnet McFaul nicht – wie Trump versprochen hat – mit einem „Gebietstausch zum Vorteil beider Länder“.  Zu erwarten sei vielmehr, dass es zu einem Deal kommt, der für einen Waffenstillstand voraussetzt, dass russische Streitkräfte auch die Verwaltungsbezirke Cherson und Saporischschja übernehmen. „Gipfeltreffen sollten helfen, auch amerikanische Sicherheitsinteressen zu fördern“, stellt der Diplomat fest. „Doch für Trump sind sie reiner Selbstzweck“, nämlich um das eigene Image zu fördern. William Taylor, früher US-Vizebotschafter in Kiew, wittert eine andere Gefahr: „Dass Putin mit Versprechen, die er nicht einzulösen gedenkt, Trump vom Ziel einer Waffenruhe ablenkt und seinen Kreuzzug durch die Ukraine ungehindert fortsetzt.“

mit dpa/afp