Kurz vor dem Ukraine-Gipfeltreffen von Donald Trump und Wladimir Putin alarmieren militärische Erfolge der russischen Angreifer in der Ostukraine die ukrainische Armee-Führung. In den vergangenen Tagen gelang es russischen Soldaten an der Front im Donbass, 15 Kilometer weit in ukrainisches Gebiet vorzudringen. Die wichtige, seit über einem Jahr umkämpfte Festungsstadt Pokrowsk ist teilweise eingekreist. Offenbar setzen die Russen eine neue Taktik des Einsickerns ein, weitere Geländegewinne werden befürchtet.

Montag, Mittwoch, Freitag

Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

Hinter den Kulissen der Politik - meinungsstark, exklusiv, relevant.

Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj warnt vor einer neuen russischen Offensive: Die russische Armee ziehe an drei Frontabschnitten Soldaten zusammen, erklärte Selenskyj.  Die „Vorbereitung neuer Angriffsoperationen“ sei ein Beleg, dass Putin keine Vorbereitungen für einen Waffenstillstand oder ein Ende des Krieges treffe. Nach Angaben des ukrainischen Generalstabs sind mehr als 110.000 russische Soldaten im Gebiet Pokrowsk konzentriert und versuchen, die Verteidigungsanlagen zu durchbrechen.

Artikel über die Ukraine – für Sie recherchiert

Ukraine: Russen könnten eine der wichtigsten Verbindungsstraßen abschneiden

Der Oberkommandierende der ukrainischen Streitkräfte, Oleksandr Syrsky, spricht von einer schwierigen Lage und schweren Abwehrkämpfen, erklärt aber, es würden „wirksame Maßnahmen“ ergriffen, um den russischen Vormarsch in der Oblast Donezk aufzuhalten. Der Generalstab kündigte an, es würden bereits ukrainische Eliteeinheiten zur Verstärkung in die Region verlegt.

Ukraine-Krieg:
Eine Haubitze der russischen Armee vom Typ 2S5 Giatsint-S feuert auf ukrainische Stellungen. © DPA Images | Uncredited

Befürchtet wird aber, dass es den Russen gelingt, auch eine wichtige Verbindungsstraße nach Kramatorsk abzuschneiden, eine der wichtigsten Städte der Region Donezk. Ukrainische Militäranalysten der Gruppe DeepState sprechen von einer „chaotischen Lage“: Russische Soldaten nutzten Lücken in der Verteidigung, um tief in ukrainisches Gebiet einzudringen.

Der US-Militäranalyst Michael Kofman fürchtet, die Situation könne sich verschlechtern; es fehle der Ukraine an geschlossenen Verteidigungslinien. Innerhalb der ukrainischen Armee macht sich öffentlich Unmut laut. Im Abschnitt um Pokrowsk herrsche völliges Chaos, moniert Nationalgarden-Oberstleutnant Bohdan Krotevych in einem an den Präsidenten gerichteten öffentlichen Appell. Es werde jeden Tag schlimmer: „Eine stabile Kampflinie als solche existiert praktisch nicht.“

210125_569_210125_cover.jpg
Panzerbrigade Litauen: Bundeswehr an der NATO-Front
Im Krisenmodus
 

Die Ukraine hat ihren Vorsprung beim Drohnen-Einsatz eingebüßt

Der Druck der russischen Armee, die seit Monaten die Verteidigungsstellungen testet, macht sich bemerkbar. Für die Ukraine sei die Lage „prekär“, sagt der Militärexperte Gustav Gressel. Die russischen Geländegewinne sind weiter nicht groß, aber sie nehmen zu: Nach Schätzungen des britischen Verteidigungsministeriums haben die russischen Bodentruppen im Juli wahrscheinlich etwa 500 bis 550 Quadratkilometer an ukrainischem Territorium eingenommen; die Verluste an Soldaten sind allerdings nach wie vor enorm hoch.

Auch interessant

Die Ukraine hat ihren Vorsprung beim Drohnen-Einsatz eingebüßt, jetzt schwächen die Russen mit den unbemannten Flugkörpern die Versorgungslinien hinter der Front. Und seit einigen Wochen sind sie verstärkt zu Sabotageaktionen übergangen, sagt General Syrskyj. Die Vorstöße werden oft nur von kleinen Einheiten begonnen, mitunter nur Spähtrupps von zwei, drei Soldaten, dann wieder gibt es Einsätze mit neuartigen Motorrad-Trupps.

Zerstörung durch russische Raketenangriffe: Eine Frau und ein Mann gehen in Bilozerske in der Region Donezk an schwer beschädigten Wohngebäuden vorbei.
Zerstörung durch russische Raketenangriffe: Eine Frau und ein Mann gehen in Bilozerske in der Region Donezk an schwer beschädigten Wohngebäuden vorbei.© AFP | GENYA SAVILOV

Erst greifen die Russen mit Drohnen und Artillerie an, finden so auch Lücken in den Verteidigung heraus, dann folgen die Soldaten. In der ukrainischen Armeeführung gibt es dafür ein neues Wort: „Durchsickern, nicht durchbrechen“, sagt Syrskyj. Militärexperten des unabhängigen, renommierten US-Instituts for Study of War (ISW) analysieren, die Angriffstaktik verschaffe den russischen Streitkräften wichtige Vorteile auf dem Schlachtfeld und erleichtert ihnen den Vormarsch auf wichtige ukrainische Städte.

Neue Gefahr an der Front: Russen setzen „Schläferdrohnen“ ein

Laut den Militäranalysten setzen die Russen jetzt auch „Schläferdrohnen“ ein: Sie könnten bis zu mehreren Wochen lang auf Dächern, Bergkuppen und Straßen stationiert sein, um dann Angriffe gegen ukrainische Stellungen und Logistik zu unterstützen. „Die Drohnen sind in der Lage, elektronisch stumm und physisch inaktiv zu bleiben“, erläutert das ISW. Russlands Krieg in der Ukraine sei weiterhin durch einen dramatisch verkürzten Innovationszyklus gekennzeichnet. Die Angriffe gefährden den etwa 50 Kilometer langen, mit großem Aufwand errichtete Festungsgürtel, der von Slowjansk und Kramatorsk im Norden bis Kostjantyniwka im Süden reicht; von diesen Knotenpunkten verteidigt die Armee die Region Donezk.

Auch interessant

Die Lage verschärft sich damit unmittelbar vor dem Gipfeltreffen in Alaska am Freitag: Putin reist wohl mit demonstrativem Selbstbewusstsein an: Die Sommeroffensive erreicht jetzt ihr größtes Tempo, weitere Geländegewinne sind zu erwarten. Das dürfte Putins Verhandlungsposition stärken; er fordert, dass die Ukraine auch auf jene Gebiete im Donbass verzichtet, die seine Soldaten noch gar nicht erobern konnten; Trump hat sich zum Entsetzen Selenskyjs und europäischer Regierungen für einen entsprechenden „Gebietstausch“ offen gezeigt. Erreicht Putin das Zugeständnis nicht, könnte er womöglich motiviert sein, bei Trump noch ein wenig auf Zeit zu spielen, bevor ein Waffenstillstand vereinbart wird, und solange den Vormarsch fortsetzen.

Am Freitag treffen sich der russische Präsident Wladimir Putin (rechts) und US-Präsident Donald Trump in Alaska zu einem Gipfelgespräch über die Beendigung des Ukraine-Krieges. Was führt Putin wirklich im Schild? Das Foto entstand beim Treffen der beiden Präsidenten 2018 in Helsinki.
Am Freitag treffen sich der russische Präsident Wladimir Putin (rechts) und US-Präsident Donald Trump in Alaska zu einem Gipfelgespräch über die Beendigung des Ukraine-Krieges. Was führt Putin wirklich im Schild? Das Foto entstand beim Treffen der beiden Präsidenten 2018 in Helsinki. © AFP | BRENDAN SMIALOWSKI

Ist Russlands technologischer Fortschritt nur von kurzer Dauer?

Vor allem beim Drohneneinsatz haben die russischen Streitkräfte aufgeholt, die Entwicklung der Glasfaserdrohne mit ihrer viel höheren Zielgenauigkeit zahlt sich aus. Die Überlegenheit der Ukraine bei der Drohnen-Kriegsführung geht verloren, eine neue Strategie ist noch nicht in Sicht. Gleichzeitig macht der ukrainischen Armee der Mangel an Soldaten zu schaffen. Doch unklar ist, wie nachhaltig die Vorstöße der russischen Angreifer tatsächlich sind.

Auch interessant

Das ukrainische Militär erklärt, die gegnerischen Erfolge würden von Moskau übertrieben und propagandistisch ausgeschaltet. Auch die Kriegsforscher vom ISW sind vorsichtig: „Russlands aktueller technologischer Vorsprung an der Front ist besorgniserregend, könnte aber wahrscheinlich nur von kurzer Dauer sein.“ Es sei verfrüht, die russischen Vorstöße als operativen Durchbruch zu bezeichnen. Es komme nun entscheidend auf die Fähigkeit der Ukraine an, sich anzupassen, neue Gegenmaßnahmen zu entwickeln und bestehende Technologien und Taktiken zu erneuern.

Nach wie vor sind westliche Militäranalysten sicher, dass Russland aktuell nicht zu groß angelegten Offensiven in der Lage ist. Ein kompletter Zusammenbruch der Front wird deshalb nicht befürchtet. Die ISW-Militäranalysten weisen darauf hin, dass die Russen zur vollständigen Eroberung der Oblaste Saporischschja und Cherson –- auf die Putin jetzt auch gegenüber US-Vertretern Anspruch erhoben hat – auch umfangreiche Flussüberquerungen wagen müsste, was sich bisher als sehr schwierig erwiesen habe. Doch machen die Analysten eine andere Gefahr aus: Russland habe seine Drohnen- und Raketenproduktion in diesem Jahr so deutlich erhöht, dass es den Umfang seine Luftangriffe rasch steigern könne.