Eigentlich ist Alkohol in der ukrainischen Armee streng verboten – ebenso wie dessen Verkauf in größeren, frontnahen Städten wie Kostjantyniwka oder Kramatorsk in der hart umkämpften Region Donezk. Doch an genau diesen Orten, an denen Soldaten nach einem Fronteinsatz oft ein paar Tage zur Erholung verbringen dürfen, ist es in der Praxis kein Problem, Alkohol auf dem Schwarzmarkt zu kaufen – wenn auch manchmal zu leicht erhöhten Preisen. Das stellt aber kein ernsthaftes Hindernis dar: Zwar verdienen ukrainische Soldaten weniger als ihre russischen Gegenspieler, die Moskau mit lukrativen Verträgen in die Armee lockt.
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Für ukrainische Verhältnisse gelten die aktuellen Soldzahlungen jedoch als überdurchschnittlich. Zudem wollen viele Soldaten der harten Realität von drei Jahren Verteidigungskrieg gegen Russland wenigstens für einen Moment entkommen – und greifen dafür zu hochprozentigen Getränken.
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Ukraine-Krieg: Vor allem nicht-professionelle Soldaten sind anfällig für Alkoholprobleme
Alkoholismus ist dabei kein neues Phänomen in der ukrainischen Armee. Trotz des Kriegselends dürfte das Problem in der Ukraine aber weniger verbreitet sein als in den russischen Streitkräften. Viele Berufssoldaten haben das Trinkverhalten gewissermaßen aus Sowjetzeiten übernommen. In der sowjetischen Armee war das Ausrichten einer großen Sauftour nahezu Pflicht, wenn jemand befördert wurde – ein unausgesprochener Brauch. Einige Offiziere, die heute dienen, haben noch in der Sowjetunion ihren Dienst begonnen. „Die neue Offiziersgeneration der Ukraine stand zu Beginn der Unabhängigkeit jedenfalls unter ihrem Einfluss“, schreibt die „Ukrajinska Prawda“.
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Dass sich die Alkoholsucht so ausbreitet, hängt auch damit zusammen, dass die ukrainischen Streitkräfte seit Beginn des russischen Großangriffs auf etwa das Dreifache angewachsen sind. Rund 900.000 Menschen dienen derzeit in unterschiedlichsten Einheiten des Militärs. Laut Militärpsychologe Walentyn Kim sind es vor allem nicht-professionelle Soldaten, die besonders anfällig für Alkoholprobleme sind. Freiwillige, die sich bereits 2014 zum Dienst meldeten oder kurz nach Kriegsbeginn eintraten, leiden demnach seltener unter Abhängigkeit – anders als manche lang gediente Offiziere. Die größte Herausforderung stellen jedoch eingezogene Rekruten ohne vorherige militärische Erfahrung dar.

Ukraine: „Alkoholismus und Drogensucht sind der Krebs der Armee“
„Häufig wollen Mitarbeiter der Einberufungsbüros ihre Mobilisierungsquoten um jeden Preis erfüllen“, berichtet die „Ukrajinska Prawda“. „Deshalb kommt es vor, dass sogar Menschen mit chronischen Alkoholproblemen direkt auf der Straße eingezogen werden.“ Auch Alina Mychajlowa weist in ihrer Kolumne für das Portal „Hromadske“ auf das Problem hin. Sie leitet die medizinische Abteilung des Bataillons „Wowky Da Wintschi“ („Wölfe von da Vinci“), benannt nach einem gefallenen Kommandeur.
„Alkoholiker und Menschen mit einer Abhängigkeit von Drohnen werden massenhaft in die Armee aufgenommen. Die Kommandeure bekommen sie dann zugeteilt – und sind gezwungen, sie an die vordersten Linien zu schicken, weil es niemand anderen gibt.“ Die Konsequenzen eines solchen Fronteinsatzes seien vorhersehbar. „Alkoholismus und Drogensucht sind der Krebs der Armee“, sagt Mychajlowa.
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Soldaten in der Ukraine: Alkoholiker kann man kaum sinnvoll einsetzen
Ein Offizier der Marineinfanterie bestätigt gegenüber der „Ukrajinska Prawda“, dass seine Einheit regelmäßig alkoholabhängige Rekruten aus den Ausbildungszentren zugewiesen bekommt. „Ich habe zum Glück die Möglichkeit, solche Leute abzulehnen, da meine Einheit eine spezialisierte Aufklärungseinheit ist“, erzählt er. Doch das funktioniere nicht immer. Der Generalstab kritisiere Kommandeure intern, wenn diese zusätzliche Ressourcen ablehnten. „Die meisten Kommandeure versuchen daher, diese Männer irgendwie sinnvoll zu beschäftigen. Einen Alkoholiker kann man nicht an einen Computer setzen. Für die Infanterie sind sie auch nicht geeignet. Also beauftragt man sie zum Beispiel damit, Fahrzeuge zu betanken.“
Die Strafen für Alkoholmissbrauch in der ukrainischen Armee sind hart: In der Regel drohen Geldbußen in Höhe von umgerechnet rund 500 Euro oder zehn bis fünfzehn Tage im Militärgefängnis. Auch alle Prämien werden gestrichen. „Ich hatte mal einen Rekordfall“, erzählt ein Offizier einer Ingenieurbrigade. „Einer hat sich dreimal im Monat erwischen lassen. Am Ende blieb ihm kein Geld mehr, und er hat zwei Monate lang gar nichts getrunken. Danach fing alles wieder von vorne an.“
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Ukraine-Krieg: Drei Maßnahmen würden gegen Alkoholismus beim Militär helfen
Einer der Gründe: Selbst dort, wo der Alkoholverkauf offiziell verboten ist, lässt sich an Hochprozentiges leicht herankommen. „In jedem Dorf gibt es eine Großmutter, die selbstgebrannten Schnaps herstellt“, sagt der Kriegsveteran Parlo Jakimtschuk gegenüber der „Ukrajinska Prawda“. Bezahlt werde nicht immer mit Geld – zwei Konserven oder ein paar Lebensmittel reichen oft aus, um eine volle Flasche Schnaps zu bekommen.
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Die Soldaten sind ausgelaugt, erschöpft – viele stehen im vierten Jahr blutiger Kämpfe. Den überdurchschnittlich ausgeprägten Alkoholismus in den Streitkräften wird man unter diesen Bedingungen nicht los. Fachleute sind sich aber einig, dass drei Bereiche gezielt verbessert werden müssten, um die Situation zumindest zu entschärfen: Erstens braucht es mehr Militärpsychologen, die zudem stärker in Erscheinung treten müssten. Bislang sind sie meist nur formal vorhanden. Zweitens wäre eine effektivere Militärpolizei nötig. Anders als in Russland, wo sie hart durchgreift – jedoch auch als korrupt gilt –, ist sie in der Ukraine derzeit kaum funktionsfähig. Und drittens darf kein Einberufungsamt chronisch Alkoholkranke einziehen – selbst wenn Mobilisierungspläne unter Druck stehen. Denn letztlich schaden diese der Armee mehr, als dass sie ihr nützen.













