Es ist nur eine kurze Szene, aber sie wirkt im Rückblick wie eine Prophezeiung. Um 19.45 Uhr, am Dienstagabend vor genau 100 Tagen, steht Friedrich Merz in der Abendsonne im Kanzleramt und atmet tief durch: „Was für ein Tag.“ Er ist gerade im zweiten Anlauf gewählt worden. Noch nie zuvor in der Geschichte des Landes ist ein Kanzler derart dramatisch ins Amt gestolpert.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
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Noch in der Nacht tagt das neue Kabinett. Merz will keine Zeit verlieren, will die schlechte Stimmung in Deutschland drehen, die AfD kleinkriegen und Donald Trump einhegen. Doch immer wieder geht es ihm wie an diesem allerersten Tag. Merz will mit robuster Breitbeinigkeit einfach mal machen – doch es läuft nicht nach Plan. Nicht in der Koalition, nicht mit den eigenen Leuten in der Union – und schon gar nicht mit der Stimmung im Land.
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Nach 100 Tagen Regierung fühlen sich die Merz-Kritiker bestätigt – und die Merz-Fans sind ernüchtert. Das kurze Zwischenhoch, als der neue deutsche Kanzler bei seinem Antrittsbesuch bei Donald Trump im Oval Office einen höchst souveränen Auftritt hinlegte, ist längst wieder vorbei. Der Ärger um die Stromsteuer, der Eklat bei der Richterwahl, die einsame Entscheidung für den teilweisen Stopp der Waffenlieferungen an Israel – das sind die Dinge, die hängen bleiben. In der Bevölkerung – aber vor allem auch dort, wo Merz nicht nur um gute Stimmung braucht, sondern ganz konkret: Stimmen. Ja-Stimmen zu seiner Politik. Seine Mehrheit im Bundestag ist knapp – und nach den schweren politischen Pannen der ersten 100 Tage alles andere als sicher.

Merz und Spahn: Der falsche Mann als Chefmanager?
Wenn die Regierung ab Herbst Antworten liefern will auf die großen Fragen bei Rente, Bürgergeld, Pflege und Gesundheitskosten, dann kann es sich Merz nicht mehr leisten, durch schlechte Absprachen und handwerkliche Fehler von einem Koalitionskrach in den nächsten zu rutschen. Er braucht ein besseres Management. Im wörtlichen Sinn: Merz braucht im Kanzleramt und in der Fraktion Leute, auf deren Handwerk er sich verlassen kann. Ob Jens Spahn die richtige Wahl als Chefmanager war? Fraglich.
Es gibt viele, die jetzt schon das Popcorn rausholen und sich auf die nächste Folge von „Streit in der Merz-Regierung“ freuen. Allen voran die AfD, die ihr Glück kaum fassen kann, dass die schwarz-rote Koalition sogar über scheinbare Lappalien wie eine Richterwahl kurzfristig an den Rand einer Regierungskrise geraten kann. In den Umfragen haben die extrem Rechten die Union wieder eingeholt – der Vertrauensvorschuss für Merz ist längst aufgebraucht.

Merz und Trump: Die Ochsentour im Ausland hat sich gelohnt
Merz ergeht es da nicht besser als seinen Vorgängern. Was bei den Leuten verfängt, sind die Krisenmomente. Nicht die Erfolge. Dabei gibt es sie: Merz‘ Bilanz als Außenpolitiker ist gut. Der Einwand, dass seine diplomatische Ochsentour der vergangenen Wochen – bis hin zum Last-Minute Ukraine-Gipfel zwei Tage vor dem Trump-Putin-Treffen in Alaska – nur Symbolpolitik sei, trifft daneben. Merz hat es geschafft, dass Trump ihn ernst nimmt und dass die Europäer in der Multikrise aus Ukrainekrieg, Zollstreit und Nahostpolitik weitgehend geschlossen geblieben sind. Das ist nicht nichts.
Als Innenkanzler aber braucht Merz einen Neustart. Wahlen werden nicht mit diplomatischen Kunststücken gewonnen. Sondern mit alltagstauglichen Lösungen für das eigene Land. Klempner der Macht? Das hat Merz seinem Vorgänger Olaf Scholz an den Kopf geworfen. Jetzt fehlt ihm genau das: Die Koalition läuft nicht rund – und Merz kriegt es nicht repariert.








