1500 Meter über dem Meeresspiegel, herrlicher Blick auf die Rocky Mountains: Wenn alles so kommt wie geplant, dann sehen sie sich hier zum zweiten Mal. Friedrich Merz will sich beim G7-Gipfel in Kanada erneut mit US-Präsident Donald Trump treffen – zehn Tage nach ihrer ersten Begegnung im Oval Office. Das Echo der Washingtonreise hallt noch nach, Merz hat mit seinem Auftritt eine Sympathiewelle ausgelöst. Ob der Kanzler die Welle weiter reiten kann? Das hängt von zwei Faktoren ab.

Montag, Mittwoch, Freitag
Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
Hinter den Kulissen der Politik - meinungsstark, exklusiv, relevant.
Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.
Erstens: Es kommt auf den richtigen Moment an. Bei Merz‘ Auftritt im Weißen Haus passte vieles zusammen – Trumps freundliche Stimmung, Merz‘ perfekte Vorbereitung, die bekannten Konfliktlinien, aber noch kein Krieg zwischen Israel und Iran. Der Besuch gelang, hat Merz international Lob eingebracht – und in Deutschland die Stimmung gedreht.
Exklusive Politik-Hintergründe – für Sie recherchiert
Es ist vorläufig nur eine Momentaufnahme und noch kein stabiler Trend, aber die Umfragen zeigen deutlich: Merz hat viele überzeugt, die bislang skeptisch waren. Die persönlichen Beliebtheitswerte des Kanzlers liegen immer noch weit hinter Langzeit-Liebling Boris Pistorius, aber sie wachsen, auch die Arbeit der Bundesregierung insgesamt kommt besser an. Auf die konkrete Frage, ob Merz die Interessen der Deutschen gegenüber Trump gut vertrete, stimmten in einer Forsa-Umfrage vor der US-Reise nur 37 Prozent zu, danach waren es immerhin 56 Prozent.
Merz und Trump: Ein Eklat ist nie ausgeschlossen – egal wie gut es bisher lief
Merz ist deswegen noch lange kein Publikumsliebling – die Mehrheit der Deutschen ist nach wie vor unzufrieden mit dem CDU-Kanzler. Aber: Der Trump-Besuch kann im Nachhinein ein Wendepunkt sein – wenn es jetzt weiter gut läuft für Merz.

Der 69-Jährige hat das nur sehr bedingt in der Hand. Ob und wann es beim G7-Gipfel in Kananaskis (Provinz Alberta) zu einem Zweiergespräch kommen würde, stand bis kurz vor Merz‘ Abflug nach Kanada am Sonntagmittag noch nicht fest. „Ist alles im Fluss“, hieß es aus Regierungskreisen. Übersetzt bedeutet das: Selbst, wenn es jetzt eine Zusage von Trump gibt, heißt das noch lange nicht, dass es am Ende auch so kommt.
Trump: Der US-Präsident sucht immer noch seine Rolle
Zweitens: Es kommt darauf an, nicht zu viel zu erwarten. Der Gipfel in Kanada steht im Zeichen von drei Kriegen – in der Ukraine, in Gaza und zwischen Israel und dem Iran. Außer beim Thema Gaza sucht Trump noch nach seiner Rolle – was ihn zusätzlich unkontrollierbar macht. Am Ende geht es aber in Sachen Ukraine und Israel/Iran um eine zentrale Frage: Greifen die USA hart in den Konflikt ein oder nicht?
Sollte Trump nicht kurzfristig einen Rückzieher machen und gar nicht erst nach Kanada reisen, werden die Gespräche am Montag, mit den anderen sechs G7-Ländern Deutschland, Großbritannien, Frankreich, Italien, Kanada und Japan, auch darauf zielen. Und dann? Lässt sich Trump einbinden oder endet es mit einem Eklat, weil der Amerikaner plötzlich die Lust am internationalen Teamwork verliert und alles hinwirft? Offen.
Bereits vor der Eskalation in Nahost hatte der Gastgeber, Kanadas Regierungschef Mark Carney, deswegen klargemacht, was er vom Gipfel erwartet – und was nicht: Eine gemeinsame Abschlusserklärung mit breitem Schulterschluss soll es nicht geben. Ganz einfach deshalb, weil es die Gemeinsamkeit nicht gibt, seit Trump wieder in der Runde sitzt. Russland mit harten Sanktionen bestrafen? Mehr Klimaschutz einfordern? Gemeinsame Leitlinien in der Handelspolitik? Nicht mit Trump. Stattdessen soll es allenfalls kleine Einigungsdokumente zu Künstlicher Intelligenz, Quantentechnologie oder kritischen Rohstoffen geben.
Artikel über die Ukraine – für Sie recherchiert
Kanzler Merz sagte am Sonntag kurz vor seinem Abflug mit Blick auf das Thema Ukraine: „Ich möchte Zeichen größtmöglicher Geschlossenheit erreichen.“ Es brauche zusätzlichen Druck. Die G7-Partner sollten dazu kommen, neue Maßnahmen zu beschließen. Gemeint sind weitere Sanktionen gegen den Aggressor Russland und das Regime von Kreml-Herrscher Wladimir Putin. Mit anderen Worten: Was unter früheren US-Präsidenten selbstverständlich war, wäre jetzt schon ein echter Erfolg. Es ist wie so oft mit Trump: Kein Eklat – das wäre ein gutes Ergebnis. Im Zollkonflikt mit den USA wiederum hofft Merz auf eine „klare Perspektive“.
Merz-Berater: Dieser Mann ist jetzt besonders wichtig
Merz‘ Fernziel ist der Nato-Gipfel Ende des Monats. Seine Maxime: Bloß keine Verstimmungen im Vorfeld, bloß kein offener Streit unter den westlichen Partnern, der das Treffen in Den Haag gefährden könnte. Denn entscheidend wird sein, was dort passiert: Steht das westliche Bündnis geschlossen – oder hat Putin guten Grund anzunehmen, dass es mit dieser Geschlossenheit im Ernstfall nicht weit her ist.
Gelingt es Merz in Kanada zusammen mit den anderen G7-Partnern, Trump bei der Stange zu halten, wird das seinen Ruf festigen – als starke Führungsfigur in Europa. Dass er diese Rolle will, hat er nie bestritten – dass er damit auf Zustimmung stößt, wird in diesen Tagen sichtbar: Bei ihren Berlin-Besuchen in der vergangenen Woche bedankten sich der niederländische Regierungschef Dick Schoof und die dänische Ministerpräsidentin Mette Frederiksen ausdrücklich dafür.
Auch interessant
Merz hat darüber hinaus einen Mann seiner Seite, der wie geschaffen zu sein scheint für die absolute Unberechenbarkeit von internationaler Politik in Zeiten von Donald Trump: Sein außenpolitischer Berater Günter Sautter ist nicht nur ein erfahrener Diplomat sondern auch promovierter Germanist – und damit ein Profi im Umgang mit dem Konjunktiv und allen anderen Varianten von „vielleicht, vielleicht auch nicht“ in der deutschen Sprache. Die Maxime für Kanada klingt deswegen so: „In Nuancen Schritte voran kommen, sofern es möglich ist.“













