- Vor 40 Jahren verschwand die Vatikan-Bürgerin Emanuela Orlandi in Rom
- Die 15-Jährige wurde bis heute nicht gefunden
- Ihre Eltern machen dem Vatikan schwere Vorwürfe
Ein weiterer Papst ist gestorben, ohne dass eines der größten Rätsel in der italienischen Kriminalgeschichte gelöst werden konnte: das Verschwinden der Vatikan-Bürgerin Emanuela Orlandi. Seit mehr als vier Jahrzehnten kämpfen die Angehörigen der 1983 im Alter von 15 Jahren verschwundenen Schülerin darum, Licht in das Schicksal der jungen Frau zu bringen. Vergebens hatten sie gehofft, dass der Vatikan unter dem verstorbenen Papst Franziskus mithelfen würde, das Rätsel um Emanuela zu lüften.
Franziskus hatte zwar immer wieder seine Nähe zur Familie Orlandi zum Ausdruck gebracht. Bei einer Gelegenheit soll der Pontifex sogar gesagt haben, dass „Emanuela im Himmel ist“, so Emanuelas Bruder Pietro Orlandi, der den Papst im April 2013 getroffen hatte. Ein Satz, der die Familie Orlandi vermuten ließ, der Vatikan wisse über das Schicksal ihrer Tochter bereit. Besonders schmerzhaft: Emanuelas Vater arbeitete selbst im Vatikan, war einst Hofdiener von Papst Johannes Paul II.
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Alles begann an einem schwülen Juniabend des Jahres 1983. Nach dem Besuch einer Musikschule in der römischen Altstadt kam die 15-jährige Emanuela nicht mehr nach Hause. Zunächst hieß es, Emanuela sei gekidnappt und ermordet worden. Zu diesem Schluss kam die römische Staatsanwaltschaft, die die Ermittlungen 2015 eingestellt hatte. Doch Beweise für ihren Tod gibt es bis heute nicht. Ihr rätselhaftes Verschwinden brachte im Laufe der Jahre in den Medien die wildesten Spekulationen zutage.

Anfangs stand sogar eine Verbindung mit dem Attentat auf Papst Johannes Paul II. im Jahr 1981 im Raum. Agca hatte Johannes Paul II. im Mai 1981 auf dem Petersplatz schwer verletzt und später selbst einen Zusammenhang zwischen der Tat und Emanuelas Verschwinden angedeutet. Beweise dafür legte er nie vor, seine Behauptungen zum Vermisstenfall blieben immer unklar. In anonymen Anrufen und Briefen war kurz nach Emanuelas Verschwinden gefordert worden, den Attentäter Ali Agca im Austausch freizulassen. Dazu kam es allerdings nie. Wer hinter den anonymen Anrufen und Briefen steckte, wurde nie geklärt.
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Eine weitere verbreitete Theorie besagt, dass Emanuela von einer Bande entführt wurde, die den damaligen Chef der Vatikanbank, Paul Marcinkus, erpressen wollte. Dies geht aus der 2008 vom Staatsanwalt Giancarlo Capaldo eingeleiteten Ermittlung hervor. Bis heute sind aber Fragen offen.

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Die italienische Justiz nahm 2012 nochmals Ermittlungen auf, nachdem in der Hauskirche der römischen Opus-Dei-Universität im Grab des Chefs einer römischen Kriminellenbande, Enrico De Pedis, fremde Knochen gefunden wurden. Vermutungen, es handle sich um Überreste Orlandis, erwiesen sich als falsch. Einen ähnlichen Fehlalarm gab es 2018, als menschliche Knochen auf dem Gelände der vatikanischen Botschaft in Rom auftauchten. DNA-Untersuchungen ergaben jedoch, dass die sterblichen Überreste von einem Mann stammten. Die italienische Staatsanwaltschaft ermittelte mehrere Male ergebnislos und stellte das Verfahren schließlich ein.

Emanuelas Familie blieb im Ungewissen. Ihr Vater erlag bereits 2004 einem Herzleiden. „Er ist in der Hoffnung gestorben, dass seine Tochter noch am Leben ist“, sagte sein Anwalt damals. Den Kampf um die Wahrheit führt jetzt Emanuelas Bruder Pietro weiter. Dieser machte jahrelang Druck auf Franziskus, damit er der Familie konkrete Unterstützung zur Klärung des Falls liefere.
Heute wäre Emanuela 57 Jahre alt, niemand glaubt jedoch wirklich, dass sie noch am Leben sein könnte. „Emanuela ist entführt worden, nicht weil sie Emanuela Orlandi war, sondern weil sie Bürgerin des Vatikans war“, ist der 68-jährige Pietro Orlandi fest überzeugt. Es sei ein Akt der Liebe gegenüber seiner Schwester, die Unrecht erlitten habe, um die Wahrheit zu kämpfen. „Sie haben ihr nicht erlaubt, ihr Leben zu leben“, pflegt Orlandi zu sagen.
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Dem Vatikan wird immer wieder vorgeworfen, die Ermittlungen jahrzehntelang behindert zu haben. 2023 brachte er schließlich eine eigene Untersuchung in Gang. Daraufhin leitete die Staatsanwaltschaft in Rom erneut Ermittlungen ein – es war bereits ihr dritter Anlauf. Der Vatikan händigte seine Akten zu dem Fall kürzlich den Ermittlern aus und erklärte, einige Ermittlungsansätze seien es wert, weiterverfolgt zu werden. Bis jetzt kam jedoch nichts Relevantes zum Vorschein.

Auch die Netflix-Dokuserie „Vatican Girl“ hat sich mit dem rätselhaften Fall befasst. Darin berichtete eine Freundin, Emanuela habe ihr eine Woche vor ihrem Verschwinden anvertraut, dass sie in den vatikanischen Gärten von einem Vertrauten des damaligen Papstes Johannes Paul II. belästigt worden sei. Doch auch in diesem Fall führten die Ermittlungen zu keinen Ergebnissen.
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Pietro Orlandi hofft, dass der neue Papst, der zum Nachfolger Franziskus‘ gewählt wird, zur Klärung des Falls beitragen werde. Von Franziskus zeigt er sich enttäuscht: „Ich hatte gehofft, er würde nicht dem Beispiel seiner Vorgänger folgen, die die Wahrheit um Emanuela mit ins Grab nahmen. Uns bleibt nichts Weiteres übrig, als nach wie vor für Emanuela zu kämpfen“, sagte Orlandi.










