Zusammenfassung

  • Kardinal Robert Francis Prevost wird als Leo XIV. zum neuen Papst gewählt, ein Name, der seit über 100 Jahren nicht mehr verwendet wurde
  • Papst Leo XIII., der von 1878 bis 1903 amtierte, war bekannt für seine diplomatischen Fähigkeiten und seine Bemühungen, die Kirche mit der modernen Welt zu versöhnen
  • Leo XIII. setzte mit seiner Sozialenzyklika „Rerum novarum“ neue Maßstäbe in der kirchlichen Sozialverkündigung und förderte die Öffnung der Vatikan-Archive für die Forschung

Der neue Papst ist gewählt – und hat sich mit „Leo“ einen traditionsreichen Namen gegeben, den in den vergangenen 100 Jahren dennoch kein anderer Papst ausgewählt hat. Kardinal Robert Francis Prevost wird Leo XIV.

Jeden 2. Sonntag

Ein FUNKE Liebe

Alle zwei Wochen sonntags: Antworten auf Beziehungsfragen – ehrlich, nah und alltagstauglich.

Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.

Der letzte Papst, der diesen Namen trug, war Leo der XIII. Der gebürtige Italiener lebte von 1810 bis 1903 – wurde also stolze 93 Jahre alt – und war von 1978 bis zu seinem Tod Oberhaupt der katholischen Kirche. Vincenzo Gioacchino Pecci, so der eigentliche Name des Geistlichen, wirkte als Versöhner der Kirche mit der modernen Welt, nachdem sein Vorgänger Pius IX. (1846-1878) jahrzehntelang einen Kurs von Abschottung und Verurteilung zeitgenössischer Ideen gefahren hatte.

Lesen Sie auch

Papst Leo XIII. legte mit seiner ersten Sozialenzyklika den Grundstein für die katholische Soziallehre. Obwohl er ursprünglich nur als Übergangspapst eingestuft worden war, blieb er über 25 Jahre im Amt. In dieser Zeit zeigte er sich als kluger Diplomat, öffnete die Vatikan-Archive für die Forschung und setzte sich früh für die Zusammenarbeit mit anderen christlichen Kirchen ein.

Ein Porträt von Papst Leo XIII.
Ein Porträt von Papst Leo XIII.© IMAGO | Kena Images

Hauptaufgabe von Papst Leo XIII.: Die Wogen glätten

Nach dem langen Pontifikat von Pius IX., der mit seinen Entscheidungen viele Länder verärgert hatte, sollte sein Nachfolger für Beruhigung sorgen. Das Konklave wählte Gioacchino Pecci bereits im dritten Wahlgang zum neuen Papst. Dabei war das neue Kirchenoberhaupt schon fast 68 Jahre alt und gesundheitlich angeschlagen.

Leo XIII. begann einen Kurs der Öffnung gegenüber der modernen Welt und durchbrach die „Festungsmentalität“ der Kirche, die durch die Umwälzungen der Französischen Revolution und durch den Verlust des Kirchenstaates an die italienische Republik jahrzehntelang traumatisiert gewesen war. Als erstes Ziel formulierte er die Aussöhnung von Kirche und Kultur. Mit seiner bahnbrechenden Enzyklika „Rerum novarum“ setzte er 1891 neue Maßstäbe in der kirchlichen Sozialverkündigung. Die Öffnung der vatikanischen Bibliothek und des Geheimarchivs für Forscher aller Konfessionen brachten ihm Ansehen als Förderer der Wissenschaft. Auch Leos ökumenische Initiativen waren für die Zeit beispielhaft.

Vor allem aber galt Leo XIII. den Zeitgenossen wie Historikern aller Couleur als „politischer Papst“. Selbst katholische Kirchenhistoriker bescheinigen ihm einen „Hang zum Politisieren und Diplomatisieren“. So handelte Leo ein Ende des verbissen geführten preußischen Kulturkampfs aus und strebte einen innerkirchlich heftig umstrittenen Ausgleich mit der französischen Republik an.

Leo XIII. war ein politischer Papst und „geweihter Opportunist“

Von Anfang an, so der Historiker Oskar Köhler, war Leo XIII. „darauf bedacht, sich mit den jeweiligen politischen Situationen bis an die Grenzen des Tolerablen zu arrangieren“. Der antiklerikale Politiker Leon Gambetta nannte ihn gar einen „geweihten Opportunisten“.

In den letzten Jahren dieses außergewöhnlichen Pontifikats gewannen allerdings mit den sogenannten Antimodernisten betont konservative Gruppierungen Einfluss auf das Kirchenoberhaupt. Manche Dinge wurden bereits am gebrechlichen Papst vorbei von der Kurie entschieden.

Um die Aussagen von Papst Leo XIII. richtig einzuordnen, muss man bedenken, dass er zwischen sehr unterschiedlichen Strömungen innerhalb der katholischen Kirche vermitteln musste. In den Ländern gab es große Unterschiede – von streng kirchenfernen Republiken bis zu konservativen Monarchien. Wenn der Papst zum Beispiel der kirchenkritischen französischen Republik entgegenkam, war das für katholische Monarchisten kaum zu akzeptieren. Gleichzeitig durfte er nirgendwo den Eindruck erwecken, er unterstütze revolutionäre Bewegungen.

Kirche und Demokratie: Ein „heißes Eisen“ für den Papst

In seinem 23. Dienstjahr packte der 90-jährige Papst mit der Enzyklika „Graves de communi“ 1901 noch einmal ein „heißes Eisen“ an: die Demokratie. Die Gründung einer katholischen Partei wie dem deutschen „Zentrum“ wollte Leo angesichts der politischen Lage in Frankreich wie in Italien unbedingt verhindern. Demokratie sei zeitbedingt, so argumentierte er, und vom theologischen Standpunkt aus weder besser noch schlechter legitimiert als andere Staatsformen; die Entscheidung darüber sei somit eine rein politische und keine Glaubensfrage.

Für die „christlichen Demokraten“ musste die Spätzeit des Pontifikats eine herbe Enttäuschung sein. Sie waren all die Jahre begeistert gewesen von den Leistungen und Weisungen des „sozialen Papstes“ und seinem Kurs der Versöhnung von Kirche und Moderne. Das späte Politikverbot des „politischen Papstes“, dem – zumindest zeitweilig – eine Verbesserung der Beziehungen zu diversen europäischen Staaten gelungen war, hatte letztlich eine nachhaltige „sozialpolitische Blickverengung“ der Katholiken auf Sitte und Moral zur Folge.

nfz/kna