Er war der Halbstarke und ein ganz Starker des deutschen Films. Er war Felix Krull und der Kommunist, den Billy Wilder in Windeseile eins, zwei, drei zum Kapitalisten verwandelte. Und schließlich ritt er sogar als einer der „Glorreichen Sieben“ durch die Prärie. Horst Buchholz, als uneheliches Kind in ärmlichen Verhältnissen im Prenzlauer Berg aufgewachsen, hat sich bis ganz nach oben gespielt. Erst im hiesigen Kino und dann auch in Hollywood. Neben Marlene Dietrich war er der einzige Weltstar, den Berlin je hervorgebracht hat. Und die Berliner liebten und ehrten ihn und nannten ihn liebevoll „Hotte“. Auch wenn der so Gerufene im Alter meinte, dass er das längst nicht mehr sei.

Am 4. Dezember wäre der Schauspieler 90 Jahre alt geworden. Aus diesem Anlass zeigt sein Sohn Christopher Buchholz noch einmal seinen Dokumentarfilm „Horst Buchholz… mein Papa“ – am 5. Dezember in der Filmreihe „Hauptrolle Berlin“, in der die Berliner Morgenpost gemeinsam mit dem Zoo Palast an jedem ersten Dienstag im Monat einen waschechten Berlin-Film zeigt. Das gilt natürlich erst recht für diesen Film: Denn Buchholz war Berlin.

Erst ganz zuletzt hat sich der Vater seinem Sohn anvertraut

Gleich anfangs läuft der Sohn ein Treppenhaus hoch. Schließt eine Tür auf und betritt eine kahle, nicht sehr geräumige Dachgeschosswohnung, in der nur ein Fleck auf der taubengrauen Auslegeware davon kündet, dass hier mal jemand gewohnt hat. „Sein Zimmer - leer. So ohne nix, als ob‘s ihn nie gegeben hätte“, sagt der Sohn. „Ich denke immer: Vielleicht wacht er auf und kommt raus.“ Die Eingangssequenz hat Symbolcharakter. Denn auch im übertragenen Sinne öffnet der Sohn verschlossene Türen. Sein Film ist keines der üblichen Star-Huldigungen. Sondern eine ganz persönliche Annäherung.

Entstanden ist sie noch zu Lebzeiten. Horst Buchholz hat nie eine Autobiographie geschrieben. Hat sich im Alter aber hingesetzt und versucht, eine zu schreiben. Schon nach wenigen Seiten aber brach er ab. Und hatte eine Blockade. Der Sohn versuchte zu helfen. Es gab so viel, wovon der Vater berichten konnte, berichten musste. Von der Kriegszeit, der Kindheit als Hitler-Junge. Und wie gerade so einer später eine Jüdin heiratete, deren Vater in Auschwitz ermordet wurde. Von der Karriere in Europa und der in Amerika. Von den Höhen, die er durchlebte, und die Tiefen, von denen kaum einer wusste.

Verbittert, vereinsamt, verarmt: der späte Buchholz im Film seines Sohns.
Verbittert, vereinsamt, verarmt: der späte Buchholz im Film seines Sohns.© Absolut Medien | Absolut Medien

Doch der Vater konnte nicht. Also befragte ihn der Sohn und zeichnete die Gespräche auf. Erst mit einem Kassettenrekorder. Bis er darauf kam: Warum nicht mit einer Kamera und einen Film daraus machen? „Horst Buchholz… mein Papa“ hatte Premiere auf der Berlinale 2005. Der Film ist nicht mehr rechtzeitig fertig geworden, der Vater starb im März 2003.

Dafür befragte der Sohn auch seine Mutter, die Französin Myriam Bru, die ebenfalls Schauspielerin war und die Buchholz 1958 bei den Dreharbeiten zu der Tolstoi-Verfilmung „Auferstehung“ kennenlernte. Er befragte auch seine Tante und seine Schwester Beatrice, die inzwischen als Sikh unter dem Namen Simran Kaur Khalsa in Kalifornien lebt.

Myriam Bru meint: Euer Vater war das größte Kind von allen

Sein Film lebt von dreierlei. Da sind die Gespräche des Sohnes mit seinem Vater, die zugleich ihre ersten und ihre letzten waren und in denen der Vater über seine wechselhafte Karriere sinniert und darüber, wie es war, einst ein großer Star und nun keiner mehr zu sein.

Der Film lebt aber auch von dem Austausch der Hinterbliebenen, die den Verlust dieses Mannes verarbeiten müssen. Und da sind dann noch ganz private, nie zuvor gezeigte Super-8-Privatfilme von der Familie in frühen Zeiten, meist gedreht von der Mutter, den Vater zeigend, wie er mit den Kindern spielt und doch, so Maryam Bru, von allen dreien das größte Kind gewesen sei.

Er hat den Film über seinen Vater gedreht und spricht auch selbst im Film: Christopher Buchholz.
Er hat den Film über seinen Vater gedreht und spricht auch selbst im Film: Christopher Buchholz.© picture-alliance/ ZB | Thomas Schulze

Es ist nicht ohne Ironie, dass Christopher Buchholz seinen Vater auf dessen Sofa befragt. Dass er später auch mit der Mutter und der Schwester auf einem Sofa sitzt. Dieses Projekt war auch so etwas wie eine Familientherapie, denn da ist das große Trauma, das über diesem Quartett lag: die Bisexualität des Vaters. Und seine Entscheidung, die Familie zu verlassen, um mit einem Mann zusammenzuleben.

Am Ende wohnte Horst Buchholz ganz alleine, über den Dächern des Kurfürstendamm. Vereinsamt, melancholisch, verarmt. Seinem Sohn will er nicht alles sagen. Bricht immer wieder ab, wenn es etwa um seine Alkoholsucht geht. Auch seine Mutter sagt nicht alles. Sie habe ihm schon viel zu viel gesagt, weil er ihr Sohn sei. Aber manches müsse unausgesprochen bleiben. Doch das Unausgesprochene, es wird sehr beredt in diesem Film. Und so ergibt sich ein spannendes, reibungsvolles Puzzle.

Was tust du, wenn du nicht drehst? - Dann lebe ich so vor mich hin

Da sitzt Horst Buchholz etwa neben seiner Frau und erzählt, wie sie sich damals kennenlernten. Myriam Bru hört nur stumm zu und lacht dann laut: Sie habe alles ganz anders in Erinnerung. Der Sohn spaziert mit seinem Vater durch dessen Kindheitskiez im Prenzlauer Berg und flaniert mit ihm über den Kurfürstendamm, wo der Vater zuletzt zuhause war. „Was tust du so, wenn du nicht drehst?“, fragt der Sohn. „Dann lebe ich so vor mich hin“, ist die traurige Antwort.

Und dann offenbart Horst Buchholz unvermittelt, er habe es nur einem Klofenster zu verdanken, dass er am Leben sei. Denn dessen Mutter hatte Anfang der 30er-Jahre einen Mann geliebt, der sie nicht heiraten durfte. Sie brachte dann ein uneheliches Kind zur Welt, damals noch ein Skandal. Zog nach Berlin, wo sie glaubte, da würde es lockerer zugehen. Und hätte sich doch fast aus dem Badezimmer in die Tiefe gestürzt. Aber der Bauch war schon zu dick, sie kam nicht durch das enge Fenster. Später sagt Myriam Bru zu ihrem Sohn, sein Vater sei ein „monstre sacré“ gewesen, ein Monster, aber ein unwiderstehliches. Einer, dem alles zugefallen ist, das Talent, die Karriere und die Herzen aller Menschen.

Horst Buchholz mit seinem Sohn Christopher in einem Familienfilm aus den 60er-Jahren.
Horst Buchholz mit seinem Sohn Christopher in einem Familienfilm aus den 60er-Jahren.© Absolut Medien | Absolut Medien

Alle Hinterbliebenen aber, und auch das wird deutlich, haben gelitten unter diesem Familienbruch. Myriam Bru, die ihre Karriere für die Kinder opferte. Die Tochter, die in eine andere Glaubenswelt übertrat. Und der Sohn, der seinem Vater so ähnlich sieht, und ihm auch in dessen Gefilden, als Schauspieler nacheiferte und in Filmen wie „3 Tage in Quiberon“, „Der Staat gegen Fritz Bauer“, dem TV-Film „Stauffenberg“ mit Sebastian Koch und in Serien wie „Das Erbe der Guldenburgs“ oder zuletzt „Marie Antoinette“ mitspielte.

In seinem Dokumentarfilm nimmt er sich dagegen ganz zurück, tritt nur selten selbst vor die Kamera, wie am Anfang, um über seine Erschütterung zu sprechen. Und der Tatsache, dass er lange nicht mit seinem Vater hat reden können. Warum er die Familie verließ. Er hält sich nicht lange mit der Karriere des Vaters auf, es sind nur wenige Filmausschnitte zu sehen, und nicht aus allen seiner berühmten Filme. Dem Filmstar kommt man nicht näher, aber dem Menschen dahinter umso mehr.

Ein berührender Film, in der eine Familie ihr Trauma verarbeitet

Horst Buchholz starb vor 20 Jahren, im März 2003. Ein Jahr später brachten seine Frau und sein Sohn einen Bildband über Horst Buchholz heraus, seine dunklen Seiten aber, und die Gerüchte, die bereits darüber zirkulierten, hatten sie noch ausgeklammert.

Im Februar 2005 dann, kurz vor dem zweiten Todestag, hatte der Film Premiere, in dem auch diese Facetten offen angesprochen werden. Seine Bisexualität. Seine Alkoholsucht. Das alles, meint Myriam Bru, mit Tränen in den Augen, hätte sie ihm verzeihen können. Nicht aber, dass er seine Kunst verschwendet, dass er sie kaputt gemacht hat.

Zoo Palast, 5. Dezember, 20 Uhr in Anwesenheit des Filmemachers Christopher Buchholz. Tickets können Sie hier erwerben.