Gleich zu Beginn stockt einem der Atem. Die Frau sitzt rauchend am Strand, die Kamera nähert sich von hinten, das Gesicht dreht sich ins Halbprofil. Und für ein paar Sekunden glaubt man wirklich, Romy Schneider zu sehen. Im Wettbewerbsfilm „3 Tage in Quiberon“ fährt die Berlinale ihren größten Star auf, auch wenn der seit 35 Jahren tot ist. Ein Effekt, der sich im Lauf des Films immer wieder einstellt. Wenn sich die Schneider aus den Bettlaken wühlt. Wenn sie sich das Haar aus dem Gesicht streift. Oder hinter einer riesigen Sonnenbrille versteckt.
Zu Beginn ihrer Karriere ist Marie Bäumer immer wieder auf ihre Ähnlichkeit mit Romy Schneider angesprochen worden. Jede Idee, einen Schneider-Film mit ihr zu drehen, hat sie entschieden abgelehnt. Bloß kein Vergleich mit dieser Ikone! Ein „Sissi“-Remake? Wurde mit einer Italienerin gemacht. Eine Schneider-Biografie? Wurde mit Jessica Schwarz realisiert. Nun hat Marie Bäumer es aber doch getan. In einem Alter, das Romy selbst nicht mehr erlebt hat. Marie Bäumer spielt eben nicht mehr die junge, schöne, strahlende Romy, sondern die ausgebrannte, am Leben und ihren Süchten verzweifelnde Schneider.
Das klassische Biopic, in dem ein Film sich durch ein ganzes Leben blättert, hat ausgedient. Neuere Filmbiografien wählen lieber eine entscheidende Episode aus, von der aus sie eine ganze Vita umreißen. So beschränkt sich auch „3 Tage in Quiberon“ auf drei Tage, in denen Romy Schneider sich 1981 in einem Sanatorium in der Bretagne entgiftete und Kraft tankte für ihren nächsten Film, der sie wieder nach Deutschland führen und dann ihr letzter werden sollte: „Die Spaziergängerin von Sanssouci“. Ausgerechnet hier, geschwächt von der Kur, hat sie dem „Stern“ ein großes Interview gegeben, bei dem ihr Freund, der Fotograf Robert Lebeck, ganz persönliche, ja intime Aufnahmen machte.
Ewige Kluft zwischen privater und öffentlicher Person
Die Berliner Filmemacherin Emily Atef wählt klug eine doppelte Annäherung an den großen Star. Da ist der Journalist Michael Jürgs (Robert Gwisdek), der viele Fragen, aber wie der Zuschauer auch längst sein eigenes Bild von Romy hat. Der nicht lockerlässt, sodass sich das geplante Gespräch zu einem dreitägigen Katz- und Mausspiel auswächst. Und da ist Hilde Fritsch (Birgit Minichmayr), Jugendfreundin und Vertraute, die die Schneider ebenfalls ins Kurhotel geladen hat.
Und die die geschwächte Freundin voller Sorge und das Interview voller Befremden miterlebt. Die ewig gleichen Fragen stürzen da auf Romy Schneider ein. Warum sie nicht mehr die Sissy spielen will. Warum sie aus Deutschland „geflohen“ ist. Ob sie sich von ihrer Mutter ausgenutzt fühlt. Fragen, die der Star längst nicht mehr hören kann. Die ewige Kluft zwischen öffentlicher und privater Person, die sie immer wieder mit Zigaretten, Alkohol und Medikamenten betäubt – auch in der Kur, allen Entgiftungsvorschriften zum Trotz.
Es ist kein gefälliges Porträt, das Atef da entwirft. Vor allem Jürgs, der Journalist, kommt nicht gut weg, wie er die große Story wittert und schamlos in die Künstlerin dringt. Wie er wider besseren Wissens Wein bestellt, um den Star redseliger zu machen. Aber auch der Fotograf (Charly Hübner), von der Schneider liebevoll „Lebo“ genannt, wirkt durchaus ambivalent. Wenn er den Freund mimt und sogar eine Nacht mit Romy verbringt, aber bei den zutiefst verletzenden Fragen nicht eingreift und nur seine Bilder schießt. Die Nähe zu dem Star genießen und doch ein Geschäft damit machen, das ist irgendwie beiden Männern eigen.
Der Film wurde in Schwarz-Weiß gedreht, wie die berühmten Fotos von Lebeck, die teils eins zu eins nachgestellt werden. Aber „3 Tage“ erschöpft sich nicht in der reinen Nachstellung. Auch dass Marie Bäumer dieser Romy Schneider so ähnlich sieht, ist irgendwann nicht mehr relevant. Umso relevanter ist, dass man die Bäumer noch nie so intensiv, so großartig erlebt hat wie hier als ungeschminkter, ungeschützter, in jeder Hinsicht nackter Star. Wie es bei Diane Kruger erst Fatih Akins „Aus dem Nichts“ brauchte, hat man wohl auch bei Frau Bäumer jahrelang ihr Talent unterschätzt. Jetzt beweist sie es ausgerechnet in der Auseinandersetzung mit dem großen Star, der sie so lang ausgewichen ist. Ganz großes Drama und bärenverdächtig!
Schön ist auch, dass man am Ende nicht, wie erwartet, die Originalfotos von Lebeck im Abspann sieht. Und auch keine Erklärzeilen, dass nur wenig später Romys Sohn David tödlich verunglückte und sie an gebrochenem Herzen starb. Das darf man beim Zuschauer getrost als bekannt voraussetzen. Und es ist alles auch schon vorweggeahnt in diesem großen Kammerspiel oder besser Hotelsuitendrama.
Wiederholungen 20.2., 10 Uhr Haus der Festspiele, 15 Uhr Friedrichstadt-Palast,
18.30 Uhr Haus der Berliner Festspiele.


