Vor zwei Jahren starb Horst Buchholz. Sein geplantes Memoiren-Projekt kam nicht mehr zustande. Dafür hat sein Sohn eine Doku gedreht, mit noch nie gesehenem persönlichem Material. Heute wird es uraufgeführt.
Der Sohn schließt die Tür auf. Eine kahle, nicht sehr geräumige Dachgeschoßwohnung, in der nur ein Fleck auf der taubengrauen Auslegeware davon kündet, daß hier mal jemand gewohnt hat. "Sein Zimmer leer. Nichts. Als ob's ihn nie gegeben habe", sagt Christopher Buchholz. "Ich denke immer: Vielleicht wacht er auf und kommt raus." Die Eingangssequenz hat Symbolcharakter. Denn auch im übertragenen Sinn öffnet der Sohn hier verschlossene Türen. "Horst Buchholz... Mein Papa", die in der Sparte Panorama Dokumente gezeigt wird, ist eine ganz persönliche Dokumentation. Keine der üblichen Star-Lebensläufe, bei der die üblichen Karrierebegleiter, Karin Baal, Lilo Pulver oder auch Wim Wenders zu Wort kommen. Sondern ausschließlich Christoph Buchholz und Simran Kaur Khalsa, die Kinder, Myriam Bru, die Gattin, und Heidi Dietrich, die Schwester, die alle den anderen, den unbekannten, den Familienmenschen Horst Buchholz umreißen. Dazu gibt es viele Filmausschnitte, aber meist nicht die, die man erwartet hätte, Fotos aus dem Familienalbum und private, nie gesehene Super-8-Filmchen.
Und natürlich kommt auch "Hotte" selbst zu Wort: Der Sohn fing noch zu Lebzeiten des Vaters an, diesen zu porträtieren. Hat ihn in derselben Wohnung, als sie noch (äußerst spärlich, übrigens) möbliert war, lange befragt. Hat sich von ihm den Kiez im Prenzlauer Berg zeigen lassen, wo er aufgewachsen ist, und lief mit ihm durch Charlottenburg, wo er zuletzt zu Hause war.
"Horst Buchholz... Mein Papa" sind darum zwei Filme in einem. Einer, in dem ein fast vergessener Star über seine (verpaßte) Karriere sinniert und sich auf die Suche nach seinen Wurzeln macht. Und einer über die Nachkommen, die den Verlust dieses Mannes verarbeiten müssen. Dabei entstehen so vergnügliche wie unverstellte Momente. Wenn Horst Buchholz etwa erzählt, wie er seine Frau kennenlernte, und diese lange zuhört, dann den Kopf schüttelt und schließlich lacht: "Meine Version ist ganz anders." Oder wenn Horst seine Schwester ganz beiläufig fragt, ob sie je eifersüchtig auf ihn gewesen sei und diese sofort und mit Inbrunst antwortet: "Immer."
Dabei werden auch die dunklen Momente dieses Stars nicht übergangen. Mutter und Sohn haben vor etwas über einem Jahr schon den Bildband "Horst Buchholz. Sein Leben in Bildern" herausgegeben, dort aber noch alle längst bekannten Gerüchte ignoriert oder bagatellisiert. Hier wird nun offen über die Homosexualität von Horst Buchholz gesprochen, wie die Mutter, wie die Kinder gelitten haben, als er mit seinem Freund zusammenzog und die Familie verließ. Auch sein Alkoholismus wird diesmal nicht ausgeklammert. Das alles, verrät Myriam Bru, die sich mit ihrem Mann ein Leben lang gesiezt hat, habe sie verzeihen können, nicht aber, daß er seine Kunst kaputt gemacht habe. Sie ist es auch, die das höchst diffizile, höchst widersprüchliche Bild, das da von ihrem Mann entsteht, auf den Punkt bringt: "Er war ein monstre sacré." Ein heiliges Monster.
Ganz allmählich wird bei all diesen Gesprächen auf mehreren Sofas auch deutlich, wie unterschiedlich die Hinterbliebenen "ihren" Horst verarbeiten. Die Tochter hat in Kalifornien den Glauben und den Namen gewechselt. Die Mutter erzählt vieles nur, "weil Sie mein geliebter Sohn sind", und schweigt doch oft beredt. Der Sohn, der dem Vater als Schauspieler, wenngleich weniger erfolgreich, gefolgt ist, hat mit Sandra Hacker als Ko-Regisseurin diesen Film gemacht, um sich an diesem übergroßen Schatten abzuarbeiten und sich daraus zu befreien.
Eine der letzten Einstellungen aber ist Horst Buchholz vorbehalten. Blutjung und bildschön ist er da zu sehen, 1954, in seinem ersten Film "Marianne, meine Jugend". Da zupft er die Gitarre und singt "Adios, Adios". Das klingt in diesem Zusammenhang wie ein Requiem auf sich selbst. Aber auch wie ein Abgesang auf das gängige Bild, das man sich von diesem Mann gemacht hat.
Heute, 17 Uhr; 12. 2. und 19. 2,
jeweils 14.30 Uhr, immer im CineStar 7

