Hauptrolle Berlin

Das Aufbegehren einer Generation

Im Zoo Palast wird noch einmal der Filmklassiker „Die Halbstarken“ gezeigt. Und Hauptdarstellerin Karin Baal erinnert sich an den Dreh.

Freddy (Horst Buchholz, Mi.), sein Bruder Jan (Christian Doermer) und seine Freundin Sissy  (Karin Baal)

Freddy (Horst Buchholz, Mi.), sein Bruder Jan (Christian Doermer) und seine Freundin Sissy (Karin Baal)

Foto: Keystone / picture alliance / Keystone

Was dieser Film machte, der 1956 in die Kinos kam, war eigentlich unerhört. Es war die Dekade, als Heimat- und Herzschmerzfilme das deutsche Kino dominierten. Aber dann kam „Die Halbstarken“. Ein Film, der nicht mit Stars arbeitete, sondern mit Laiendarstellern. Ein Film, der die Kamera in die Hand nahm und auf die Straße ging. Aber nicht an bekannte Orte mit Wiedererkennungswert, sondern an unglamouröse Allerweltsecken.

Ein Film, der versuchte, die Welt da draußen so realistisch wie möglich abzubilden. Man kannte das von neorealistischen Filmen aus Italien, die Alltagsnöte gewöhnlicher Leute behandelten. Hier wurden diese Mittel aber auf eine Generation übertragen, die im Adenauer-Kino bislang gar keine Rolle spielte. Hier wurde das Lebensgefühl junger Menschen eingefangen, die damit endlich auch mal Identifikationsfiguren im Kino fanden.

Die Straßen Berlins als Raum fürs Freiheitsgebaren

„Die Halbstarken“ wurde Kult und ist längst ein Klassiker. In der Filmreihe „Hauptrolle Berlin“, in der der Zoo Palast gemeinsam mit der Berliner Morgenpost an jedem ersten Dienstag im Monat einen genuinen Berlin-Film zeigt, wird dieser rohe, unbehauene Edelstein am 1. Mai noch einmal gezeigt.

Es war ein Debüt voller Neulinge. Der Regisseur Georg Tressler hatte noch nie einen Spielfilm gedreht, nur Kulturfilme wie „Ertragreicher Kartoffelanbau“. Der Autor Will Tremper hatte noch nie ein Drehbuch geschrieben, er war Polizeireporter in Berlin. Und bei der Besetzung setzte man, von der Nachwuchshoffnung Horst Buchholz abgesehen, auf neue, unverbrauchte Gesichter. Wie die 15-jährige Karin Blauermel, die unter 700 Bewerberinnen ausgewählt wurde und mit diesem Film – und neuem Namen: Karin Baal – zum Star wurde.

„Die Halbstarken“ war so ziemlich das Gegenteil von allem, wofür das deutsche Kino jener Jahre stand. Und wurde gerade deshalb zum Schlager der Saison. Jugendliche hängen hier ab, im Stadtbad, in der Eisdiele, auf den Straßen, die ihrem Freiheitsgebaren den Raum geben. Sie tanzen lieber Rock’n’Roll, als zur Arbeit zu gehen. Sie pfeifen auf das, was ihnen die Älteren sagen. Und drehen krumme Dinger, um sich ihren Traum vom besseren Leben zu erfüllen.

Wir sehen den vorlauten Freddy (Horst Buchholz), der sich von seiner Familie und dem strengen Vater abgewandt hat und nun Chef einer Jugend-Gang ist. Wir sehen ihn durch die Augen seines jüngeren Bruders (Chris Doermer), der es ihm bewundernd gleichtun möchte, aber doch auch moralische Bedenken hat. Aber wir sehen auch, wie Freddys Anführerposition infrage gestellt wird und seine Freundin Sissy (Karin Baal) ihn letztlich an Kaltblütigkeit überholt.

Will Tremper hat aus Zeitungs-Schlagzeilen jener Tage ein Script über eine Jugendgang verfasst. Und Georg Tressler brachte durch seine dokumentarische Arbeit einen geschärften Blick auf die Wirklichkeit und ein sicheres Gespür für Schauplätze mit ein. Vorbild waren die verstörenden „Halbstarken“-Filme aus den USA, wie „Saat der Gewalt“, „Der Wilde“ oder „... denn sie wissen nicht, was sie tun“ über Jugendliche, die gegen ihre Eltern rebellieren. Horst Buchholzs Posen mögen heute ein wenig manieriert wirken. Der Versuch, ihn als deutschen James Dean zu vermarkten, hat schon damals nicht recht gegriffen. Und doch lebt „Die Halbstarken“ von einer Authentizität und Kompromisslosigkeit, wie sie zu jener Zeit selten war.

Der Film war ein Vorzeichen für künftige Umbrüche

Und auch wenn der Film ja eigentlich eine Warnung war vor halbstarken Abwegen, sahen sich die jungen Menschen doch darin widergespiegelt. Fühlten sich überhaupt einmal wahr- und ernstgenommen im sonst so weltfremden Adenauer-Kino. Die Jugendrevolte, das Aufbegehren einer „unverstandenen Generation“ nahm in der Bundesrepublik zwar nicht solche Ausmaße an wie in den USA. Das Tressler-Tremper-Team verband die Thematik aber mit den Schatten der jüngsten deutschen Vergangenheit.

Hier rebellierten die Heranwachsenden nicht nur gegen ihre spießigen, saturierten Eltern, weil die sich dem Establishment angepasst hatten. Das In-Frage-Stellen der Väter, der Autoritäten hatte noch einen anderen, tieferen Grund. Auch wenn es nie explizit ausgesprochen wird, schwingt doch immer mit, dass die Väter-Generation den Krieg verschuldet hat. Deren Verdrängungen und Lebenslügen suchen die Halbstarken dieses Film durch laute Musik zu übertönen, durch aggressives Gebaren und sogar kriminelle Akte bewusst zu provozieren.

Den „Halbstarken“ sollte eine ganze Welle ähnlicher Filme folgen, im Westen („Die Frühreifen“) wie im Osten („Berlin – Ecke Schönhauser“). Aber keiner kam an das Original heran. Im Rückblick wirkt dieses Debüt aus dem Nichts wie ein erstes Vorzeichen kommender Umbrüche. Gesellschaftlich durch den Konflikt mit der Väter-Generation, der sich endgültig 1968 in der Studentenrevolte Bahn brach. Aber auch was die eigene Branche betraf: Die deutsche Filmindustrie, die nach wie vor auf Heile-Welt-Filme für ein älteres Publikum setzte, auch wenn das längst lieber auf dem Fernsehsofa hockte, brach 1961 zusammen. Und in Oberhausen formierte sich eine neue Generation junger Filmemacher, die „Papas Kino“ selbstbewusst für tot erklärte.

Zoo Palast am Dienstag, 1. Mai, 20 Uhr in Anwesenheit von Schauspielerin Karin Baal