Hauptrolle Berlin

„Eins, Zwei Drei“: … und plötzlich war die Mauer da

In unserer Filmreihe „Hauptrolle Berlin“ wird am 7. Januar im Zoo Palast noch einmal Billy Wilders Klassiker „Eins, Zwei, Drei“ gezeigt

Da lachen sie noch: Regisseur Billy Wilder mit seinen Stars Pamela Tiffin, James Cagney und Horst Buchholz (v.l.) kurz vor dem Mauerbau.

Da lachen sie noch: Regisseur Billy Wilder mit seinen Stars Pamela Tiffin, James Cagney und Horst Buchholz (v.l.) kurz vor dem Mauerbau.

Foto: Keystone / picture alliance / Keystone

Berlin. Es war einer der Super-GAUs der Filmgeschichte. Ein Erfolgsregisseur aus Hollywood kommt im Sommer 1961 nach Berlin, um eine Satire über den Kalten Krieg zu drehen. Und wird von dem Mauerbau überrascht – und von der Historie regelrecht überrollt. Über seinen Film kann danach keiner lachen.

Doch fast ein Vierteljahrhundert später wird er wiederentdeckt: just in Berlin. Und zum Kultklassiker, der bis heute nichts von seinem Witz verloren hat. Die Filmreihe „Hauptrolle Berlin“, die die Berliner Morgenpost gemeinsam mit dem Zoo Palast an jedem ersten Dienstag im Monat veranstaltet, startet nun mit diesem Meisterwerk ins neue Jahr.

Das Brandenburger Tor musste nachgebaut werden

Billy Wilder war 1961 auf dem Zenit seiner Karriere. Erst vier Monate zuvor hatte sein Film „Das Appartement“ fünf Oscars gewonnen, drei davon durfte Wilder selber entgegennehmen für Regie, Drehbuch und Besten Film. Danach kehrte Wilder, der sieben Jahre lang in Berlin gewirkt hatte, bevor er nach Hollywood umgesiedelt war, zum zweiten Mal nach Kriegsende nach Berlin zurück, um einen Film in seiner alten Heimat zu drehen.

Mit „A Foreign Affair“ (Eine auswärtige Affäre) war ihm 1948, noch in den Trümmern der Stadt, eine beißende Komödie über Kriegsgewinner und Kriegsverlierer, über Entnazifizierung und „Fraternisierung“ gelungen. Nun wollte er mit „Eins, Zwei, Drei“ die ultimative Satire auf den Kalten Krieg drehen.

Die dreisteste Schleichwerbung der Filmgeschichte

Der Amerikaner C.R. MacNamara (James Cagney), Direktor der westdeutschen Coca-Cola-Filiale, leidet an seinen deutschen, obrigkeitshörigen Angestellten. Um zum Europa-Chef des Konzerns in London aufzusteigen, schmiedet er einen Wirtschaftsdeal hinter dem Eisernen Vorhang, mit der Sowjetunion als riesigem neuen Absatzmarkt.

Das ist, ganz nebenbei, eine der dreistesten Schleichwerbungen der Filmgeschichte. Ein Großteil des Films spielt denn auch in der damaligen Coca-Cola-Niederlassung in Lichterfelde.

MacNamaras Plan scheint aufzugehen, bis sich der Geschäftsmann plötzlich auch noch um die liebestolle Tochter (Pamela Tiffin) seines Chefs aus der Zentrale in Atlanta kümmern soll – und die sich ausgerechnet in einen jungen überzeugten Kommunisten (Horst Buchholz) verliebt.

Um das jäh zu unterbinden, stellt McNamara diesem Mann namens Otto Piffl eine Falle. Auf dem Rückweg in den Osten lässt er ihm einen Ballon auf den Auspuff seines Motorrads montieren, auf dem, erst mal aufgeblasen, „Ruski Go Home“ zu lesen ist.

„Billy, die Kacke ist am Dampfen“

Genau diese Szene hatte Wilder mit Horst Buchholz noch am 12. August am Brandenburger Tor gedreht. Man war aber nicht ganz fertig geworden. Die Produktion hatte zwar eine Drehgenehmigung für den Osten, aber den Gag mit der Ballonaufschrift wohlweislich verschwiegen. Wilder fürchtete, die Vopos im Ostteil der Stadt seien misstrauisch geworden.

Die Ansammlung von Ordnungskräften an der Sektorengrenze hatte freilich einen anderen Grund, wie die Filmcrew am nächsten Morgen erfahren sollte. Über Nacht war die Berliner Mauer gebaut worden. „Billy, die Kacke ist am Dampfen“, soll Horst Buchholz damals gesagt haben.

Der Dreh in Berlin wurde daraufhin abgebrochen, die Crew wich nach München aus, wo in den Bavaria-Studios für 200.000 Dollar das Brandenburger Tor originalgetreu nachgebaut werden musste. Ein Kommentar zu Beginn des Films sollte die jüngsten Ereignisse auffangen. Aber der Film war nicht mehr zu retten. Was als Satire gemeint war, wirkte plötzlich höhnisch und zynisch.

Als „Eins, Zwei, Drei“ ins Kino kam, am 15. Dezember 1961 in den USA, am 18. Dezember 1961 in Deutschland, fiel das Werk beim Publikum wie bei der Kritik durch. „Was uns das Herz zerreißt“, schrieb damals eine Berliner Zeitung, „das findet Billy Wilder komisch“. Gerade noch war der Regisseur auf dem Zenit seiner Karriere, nun landete der Erfolgsverwöhnte einen empfindlichen Flop – und einen brachialen Karriereknick.

Nach 22 Jahren doch noch ein Knüller

„Niemand“, konstatierte Billy Wilder Jahre später resigniert, „wollte über eine Ost-West-Komödie, die in Berlin spielt, lachen, während Menschen unter Einsatz ihres Lebens aus Fenstern über die Mauer sprangen, durch Kanäle zu schwimmen suchten, beschossen, ja totgeschossen wurden.“

Knapp 22 Jahre später dann das Wunder: Im April 1984 führte das Berliner Delphi-Kino den ungeliebten Film wieder auf. Und landete einen Überraschungshit. „Eins, Zwei, Drei“ wurde wiederentdeckt. Und plötzlich konnten alle lachen über Amerikaner, die zynische Deals durchziehen.

Über Kommunisten, die sich im Blitztempo in Turbokapitalisten verwandeln. Und über Deutsche, die ihre jüngste Vergangenheit verdrängen („Welcher Adolf?“) und doch ständig zackig die Hacken zusammenschlagen.

Wilder, der seine Drehbücher seit 1957 zusammen mit I.A.L. Diamond schrieb, zündete in atemberaubendem Tempo einen Gag nach dem anderen und verzichtete dabei erstmals auf die Pausen dazwischen, so dass man beim Lachen über eine Pointe vielleicht schon die nächste verpasst.

Nie war der Kalte Krieg heißer

Und sein Witz zielte wirklich auf jeden: auf Kapitalisten und Kommunisten, auf das Verhältnis zwischen Amerikanern, Russen und Deutschen und auch auf das zwischen Mann und Frau. Unvergessen ist dabei Horst Buchholz, der in Windeseile vom glühenden Kommunisten in einen Vorzeigekapitalisten verwandelt wird.

Und Lilo Pulver als MacNamaras Sekretärin, die ihrem Chef nicht nur mit dem Stenoblock zur Hand geht. Als hüftwackelnde Blondine wird sie zur Parodie auf das deutsche Fräuleinwunder, kulminierend in ihrem berühmten Striptease auf dem Tisch im gepunkteten Kleid zu Aram Chatschaturjans „Säbeltanz“, mit dem sie den Russen gehörig einheizt. Nie war der Kalte Krieg heißer als in dieser Szene.

Während der Dreharbeiten ließ die Weltpolitik den Film alt aussehen, nun, Mitte der 80er-Jahre, als die DDR schon langsam ihrem Untergang entgegentaumelte, wirkte es genau umgekehrt. Über den unverhofft späten Triumph konnte sich Wilder allerdings nicht recht freuen: „Natürlich bleibt ein Misserfolg ein Misserfolg“, bilanzierte er bitter, „auch wenn er sich nach so langen Jahren in einen Erfolg verwandelt.“

Der Film ahnte die Wendegeschichte voraus

Seinen Frieden machte er erst, als die Mauer gefallen war und er im Februar 1993 – die Berlinale hatte ihn zu einer Retrospektive seines Werks wieder in die Stadt geladen – noch einmal durch das nun wieder offene Brandenburger Tor spazierte. Mit Horst Buchholz. Die Kacke, um im Bild zu bleiben, war verdampft.

„Eins, Zwei, Drei“ galt da längst als Meisterwerk. Und als eine der besten und sogar typischsten Wilder-Komödien. Jetzt, im erneuten Rückblick 30 Jahre nach Mauerfall, sieht man den Film vielleicht noch einmal ganz anders. Da wirkt es geradezu prophetisch, dass der Eiserne Vorhang nicht durch die Politik, sondern durch die Sehnsucht nach Westprodukten bezwungen wurde.

Und wie der Westen sich eiskalt am Osten bereichern will und sich im Osten viele in Windeseile in Wendehälse verwandeln: Auch das hat der Film alles schon vorweggenommen. Da gibt es auch beim wiederholten Sehen immer noch etwas Neues zu entdecken.

„Eins, Zwei, Drei“: Zoo Palast, 7. Januar, 20.30 Uhr, in Anwesenheit von Rainer Rother, dem Künstlerischen
Direktor der Deutschen Kinemathek.