Deutsches Historisches Museum

Ausstellung zeigt den Mythos Friedrich II.

Nur noch jeder dritte Deutsche hat ein Bild von Friedrich dem Großen. Das Deutsche Historische Museum in Berlin hat für seine Ausstellung deshalb mehr als 450 Stücke zusammengetragen – vom Porträt bis zum Sterbehemd.

Kerzen empfangen den Besucher, Kerzen, wie sie in Potsdam und Berlin in die Fenster gestellt wurden als sich die Kunde vom Tod des Königs verbreitete. Aus ihren Glasschreinen grüßen in feierlicher Beleuchtung die Totenmaske (Nachguss) und das Sterbehemd (Original mit Blutflecken vom Aderlass). Dann steht man ihm quasi leibhaftig gegenüber. Die zeitgenössische Wachsfigur Friedrichs des Großen aus Braunschweig (teilweise original) ist erstmals in Berlin ausgestellt: Blauer Uniformrock, Dreispitz, der Gesichtsausdruck beherrscht von basedowschen Froschaugen. Dieser Blick ist denen, die von ihm getroffen wurden, im Gedächtnis geblieben.

Damit ist es dann aber auch genug mit dem Versuch unmittelbar sinnlicher Vergegenwärtigung. Die Ausstellung des Deutschen Historischen Museums (DHM) zum Friedrich-Jahr – „Friedrich der Große: verehrt, verklärt, verdammt…“ – will den Preußenkönig nicht zeigen wie er war, was ohnehin ein unmögliches Unterfangen wäre, sondern wie er von den Nachgeborenen geformt wurde. Sie erzählt nicht sein Leben, sondern sein Nachleben. Friedrichs Taten und Werke muss man einigermaßen kennen, wer sich in der Fülle der Objekte aus einem nun mehr als 200 Jahre währenden Erinnerungs-, Idealisierungs- und Dämonisierungsgeschäft nicht verlieren will. Um Rezeptionsgeschichte also geht es.

Den Liebhabern musealer Erlebniswelten mag das zu wenig sinnlich sein. Was nicht heißt, dass es in der Ausstellung zu wenig zu schauen gäbe. Die Texte sind kurz gefasst. Das DHM prunkt wieder einmal mit der Fülle seiner eigenen Sammlung, aus der drei Viertel der rund 450 Ausstellungstücke stammen. Es geht halt kleinteilig zu. Man kann nicht sagen, dass jeder irgendein Friedrich-Bild im Kopf habe. Neuere Umfragen haben ergeben, dass nur noch ein Drittel der Deutschen mit Friedrich dem Großen eine Vorstellung verbindet.

Etwas für Preußen-Melancholiker

Was spukt nun diesem Drittel bildmäßig durch die Köpfe? Die Käufer aktueller Friedrich-Biografien schaut der Friedrich des Porträts von Anton Graff an, der ernste Staatsmann, Brustbild im Halbprofil. Nostalgische Verehrer des Alten Fritz haben vielleicht das Bild von Heinrich Franke vor Augen, das den König ohne alle herrschaftlichen Attribute mit dem Hut grüßend und mit verschmitztem Blick zeigt. Etwa zur selben Zeit, nach dem Siebenjährigen Krieg, entstand das Friedrich-Porträt von Johann Georg Ziesenis, das einen ganz anderen Mann zeigt, einen nachdenklichen, in sich gekehrten Friedrich mit dem Schatten eines Schnurrbarts unter der Nase. Der ist etwas für Preußen-Melancholiker.

Für bildungsbürgerliche Musikliebhaber gibt es natürlich den Flötenspieler Adolph von Menzels. Berlin-Touristen kennen das Reiterstandbild Christian Daniel Rauchs Unter den Linden. Und Cineasten sind irgendwann einmal den Fridericus-Rex-Filmen mit Otto Gebühr in der Hauptrolle begegnet. Die gehören zum filmhistorischen Kanon. Sie übersetzten den gemalten und druckgrafisch hunderttausendfach reproduzierten Porträtfundus ins Medium des zwanzigsten Jahrhunderts. Die Deutungskonkurrenz der Friedrich-Bilder begann schon mit den Porträts zu Lebzeiten, wie das erste von 13 Ausstellungskapiteln eindrucksvoll zeigt. Der König war von Anfang an eine schemenhafte Gestalt.

Friedrich auf Bier und Tabak

Was sein Nachleben angeht, so hatte er, wenn man so will, eine schwierige Geburt. Sein Thronfolger, Friedrich Wilhelm II., tat nicht sehr viel, um sein Gedächtnis zu pflegen. Eher betont wenig. 1806 ging dann bei Jena und Auerstedt die friderizianische Armee unter. Napoleon verehrte Friedrich als Feldherren mehr als dessen Nachfolger es taten. Die Freischärler der Befreiungskriege hatten politische und militärische Ideale, die mit dem Erbe Friedrichs nichts zu tun hatten. Erst Ende der 1830er Jahre, im Zeichen des Biedermeier, kam die Friedrich-Erinnerungsindustrie in Gang.

1839 erteilte Friedrich Wilhelm III. Rauch den Auftrag für das monumentale Reiterstandbild, das erst 1851, 65 Jahre nach Friedrichs Tod, aufgestellt wurde. Damit war er zu einem zentralen Erinnerungsmöbel der Hohenzollernresidenz geworden. Die erste Phase der postmortalen Existenz Friedrichs war vor allem anekdotisch. Als Landesvater verkörperte Friedrich preußische Tugenden wie Fleiß, Ordnung, Pflichtbewusstsein und Bescheidenheit. Erst nach der Reichseinigung wurde er zur nationalen Ikone und zum Ahnherrn des preußisch-deutschen Machtstaates.

Die Periode der intensivsten Friedrich-Verklärung brach nach dem Ende der Hohenzollern-Monarchie an. Für viele Deutsche verkörperte der Alte Fritz all das, was sie in der republikanischen Gegenwart vermissten – militärische Größe, nationale Würde, solide Staatsfinanzen. Er ist auf politischen Plakaten, in der politischen Karikatur, im Kino aber auch in der Werbung für Bier oder Tabak präsent. Walter von Molo schrieb mit seinem „Fridericus“-Roman den Heldenmythos und das Hausbuch des konservativen Bürgertums. Die Nationalsozialisten schließlich machten ihn zu einem der Ihren, drapierten ihn mit Hakenkreuzen und hängten ihm Stielhandgranaten ans Koppel.

Schauspiel der Heimkehr

Dann kam das Ende Preußens, und die Deutschen hatten zu lernen, dass mit Friedrich das Unglück begonnen habe, in dem sie nun saßen. In der Ahnengalerie der beiden deutschen Nachkriegsstaaten war kein Platz für ihn. Umgebracht hat ihn das nicht. Es gab immer Feingeister, die sich an den Philosophen auf dem Königsthron oder den Musensohn in Rheinsberg erinnerten.

Und das Vater-Sohn-Drama, das war doch großer psychologischer Stoff jenseits aller Politik. Irgendwann, so Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre war er dann wieder voll da. Bundesrepublik und DDR besannen sich auf ihr historisches Erbe, das Reiterstandbild kehrte ins Zentrum Berlins zurück. Die Wiedervereinigung hielt sich zwar fern von allem preußischen Glanz und Gloria, aber das Schauspiel der Heimkehr der Gebeine von Hechingen nach Potsdam genehmigte man sich 1991 doch. Und nun begeht die Berliner Republik routiniert den 300. Geburtstag des Preußenkönigs .