Mamas & Papas

Nur Kinder kapieren den komplexen Selfie-Code

Was Selfies mit Gemüse zu tun haben und warum es gut ist, dass früher auf Parties nicht so viel geknipst wurde, sagt Hajo Schumacher.

YouTuber Sami Slimani macht Selfies mit Fans

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Foto: Clemens Bilan / dpa

Wir sind eine mitfühlende Familie, und das bebildern wir gern. Für jede gute Tat ein Foto.

Vom Zauber des Selfies weiß sogar die Kanzlerin. Sollen gern alle wissen, dass wir beim Einkaufen jetzt eine „Inklusionsgemüsekiste“ zusammenstellen und gedankenlose Kunden mit leisem Kopfschütteln strafen, die nach glattem Gemüse greifen. Es gibt so viele arme Kartoffeln, Möhren und Kohlrabi, die nicht rund und prall sind, sondern Beulen und Kanten aufweisen. Diese Randgemüse liegen einsam im Regal, übersehen, verlacht, verachtet. Haha, ich bin was Besseres, triumphiert die glatte Linda, wenn sie in die Tüte gleitet. Dann muss die Nasenkartoffel bitterlich weinen.

Zum Glück gibt es Menschen wie uns, denen vegetabile Schicksale nicht gleichgültig sind. Wir polieren unser Karma, indem wir die Schiefen, Krummen und Hubbeligen in unsere Altbauwohnküche holen. Da die Jungs an einer Gemüseallergie leiden, bereiten die Chefin und ich wohlschmeckende Gerichte zu, bei deren Verzehr wir uns versichern, dass so ein Inklusionsgemüseauflauf viel besser sei als mit Fleisch oder straffen Zutaten. Und dann machen wir ein Selfie, wie ich die kleine Kartoffel im Arm trage. Schrumpelmöhren sind die neuen Hundebabys. Die Jungs wollen nicht mit aufs Bild. Sie haben ja keine Ahnung.

Nur Kinder kapieren den komplexen Selfie-Code

Nur was geknipst, geposted und geliked wird, ist wirklich geschehen. Finden wir. Aber das ist wohl zu einfach. Offenbar gibt es inzwischen einen komplexen Selfie-Code, den wieder mal nur die Kinder kapieren. Unlängst zeigte uns der kleine Hans ein Bild aus seinem Computerspiel, auf dem zwei eckige Männchen abgebildet waren. „Guck mal, ein Selfie“, jubiliert er. Ich gestehe, ich suchte auf dem Bild ganz altmodisch nach Personen. Die gab es auch, nur eben sehr viel würfelförmiger. Hans war beim Streifen durch seine Minecraft-Welt zufällig einem legendären Youtuber begegnet – oder zumindest einer Figur, die dessen Namen trug –, hatte sich dann wie zufällig in die Nähe des mutmaßlich berühmten Strichmännchens gestellt und ein Bildschirmfoto gemacht.

Karl, der Große, wiederum ist selfieabstinent. Dabei könnte er aus seinen zahlreichen Blessuren vom Skateboardfahren eindrucksvolle Kunstserien kompilieren; Impressionen blutiger Knie, schweigende Hämatome im Abendlicht, Textilfetzen, die früher mal ein Kleidungsstück ergeben haben.

Vielleicht muss auch nur der richtige Partner im Bild sein. Kürzlich hat ein junger Schotte ein Selfie in einem ägyptischen Passagierflugzeug gemacht, ausgerechnet mit dem Herrn, der die Maschine entführt hatte. Coole Nummer. Gangster, die man zum Selfie bewegt hat, bringen einen womöglich nicht um, zumindest nicht als Ersten. Selfies als eine Art digitale Blutsbrüderschaft.

Schnüffele nie im Facebook-Account deiner Kinder!

Pubertierende Mädchen pflegen eine völlig andere Selfie-Kultur. Mit betretenem Blick wedelte mich neulich eine Kollegin heran, um mir ein Bild auf ihrem Handy zu zeigen: Ein junges, hübsches, sehr spärlich bekleidetes Mädchen war zu sehen, das seine Schminktipps offenbar von Kim Kardashian bezog, links eine Zigarette hielt und rechts ein Getränk, das nach allem aussah, aber nicht nach Softdrink. „Hmm“, sagte ich vorsichtshalber, weil ich die Botschaft des Bildes nicht gleich verstand. „Katharina“, sagte meine Kollegin tonlos. Was? Ihre Tochter Katharina? Dieses nette Mädchen, das Tierärztin werden wollte und das ich als vernarrt in Trachtenmode in Erinnerung hatte? „Volljährig?“, fragte ich. Sie nickte. Und ich dachte immer, Jungs bereiteten Probleme.

Was lernen wir Eltern?

Erstens: Lerne Glücklichsein mit Inklusionsgemüse und schnüffele nie im Facebook-Account der Kinder.

Zweitens: Weil das nicht funktioniert, sollte man die wirrsten Bilder erwarten, um sie gelassen wegzuatmen.

Drittens: Weil auch das nicht gelingt, einfach an früher erinnern, an die düsteren Flecken der eigenen Pubertät. Und dann dem Karma danken, dass früher auf Klassenfahrten und Schwarzlichtparties nicht viel fotografiert wurde.

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