Mamas und Papas

Wer politisch korrekt verreisen will, kann nur verzweifeln

Wenn sich eine Familie erholen will, kommt selten etwas Gemeinsames heraus, meint Hajo Schumacher.

Bei moralischen Reisen bleibt nur die Ostsee, findet Hajo Schumacher

Bei moralischen Reisen bleibt nur die Ostsee, findet Hajo Schumacher

Foto: Schoening / picture alliance / Arco Images

Wir sind eine unternehmungslustige Familie. Reisen sind die Höhepunkte des herzlichen Miteinanders, vor allem in engen Flugzeugen. Ach, die schönsten Wochen des Jahres: Wir stopfen Koffer und Taschen weit bis übers Limit, wir versuchen am Abend vorher Online-Check-in und gucken am Flughafen so lässig als hätte der Check-in online geklappt.

Wir lieben es, mit gemalten Stadtplänen durch Nester zu streifen, in denen wir nur gelandet sind, weil ein Billigflughafen in relativer Nähe liegt. Und natürlich authentisches Essen auf achtsprachigen Speisekarten, serviert von authentischen Leichtlohnkräften, wie sie auch bei uns zu Hause rackern. Städteurlaub bildet, vor allem die Resilienz. Buddeln die Archäologen der Zukunft unsere Wohnung aus, werden sie Fotoalben finden, in denen ausschließlich Ferienbilder eingeklebt sind. Leben ist Urlaub, die Zeit dazwischen dient nur als Anlauf für den nächsten Ausflug.

Wenn sich vier Menschen erholen wollen, kommt selten was Gemeinsames heraus

Kleines Problem: Verreisen erfordert Geld und Zeit und Synchronizität. Schulkind und Student haben zwar drei Monate Ferien im Jahr, die aber mit den Brückentagen der selbstständigen Eltern kaum zu vereinen sind. Eine gemeinsame Woche? Eher organisiert die Kanzlerin Harmonie in der EU.

Die Chefin hat für uns dieses Jahr Osterurlaub entschieden. Kooperativ rege ich an, dass ich die drei zum Flughafen bringen und wieder abholen könnte: „Das wäre doch mal was, Schatz, ganz allein mit zwei charmanten jungen Männern“ – ausgeschatzt. „Du kommst mit!“, befiehlt Mona. Die Jungen grienen. Karl, der Große, hat zwar auch keine Lust, aber die Aussicht auf mehrere Mahlzeiten am Tag sowie Rundumneueinkleidung sind Korruption genug.

Wenn sich vier Menschen erholen wollen, kommt selten was Gemeinsames heraus. Ich zum Beispiel kann eine Woche durchlesen und will nicht viel reden. Hans dagegen entspannt erstens beim sinnfreien Dauermonolog, zweitens mit aufgeregtem Bewegen und drittens in jenem Moment, da er die Disneyland-Premium-Event-Trips der Klassenkameraden mit souveränem „Drei Tage Ljubljana“ kontern kann. Flug war halt günstig.

In den Ferien das Familienglück zur Schau tragen

Die Chefin wiederum findet, dass Ferien eine ideale Gelegenheit für darstellendes Familienleben bieten, also das Vorführen harmonischen Miteinanders für irgendwelche Menschen, die wir gar nicht kennen. Deswegen gehen wir Arm in Arm und scherzend zum Essen, obwohl wir uns noch zwei Minuten zuvor die Augen auskratzen wollten. Man nennt es Konsens, denn alle anderen Familien im Ferienklub spielen ebenfalls eine ZDF-Vorabendserie nach.

Die Männer tragen teigfarbene Hosen dazu, Segelschuhe und rosa Polohemden, lassen mal Fünfe gerade sein und spendieren Schaumwein für die Gattin, die sich mit vier Wochen Pulverfutter ins Sommerkleid gehungert hat. Die Jungs gucken verstohlen nach Mädchen und hoffen, dass ihre nagelneuen Skateboardschuhe beachtet werden.

Manchmal ist danach Disco. Seit Monaten träume ich schwitzend, dass ich sturzbetrunken ein cremefarbenes Sakko mit lila Innenfutter über meinem Kopf kreisen lasse, woraufhin die Chefin nicht etwa in meine Arme strebt, sondern zum Scheidungsanwalt. Die Jungs wiederum erkundigen sich nach Adoptionsbedingungen. Die Albträume begannen genau an jenem Novembertag, als Hans fragte: „Wohin fahren wir eigentlich über Ostern?“

Moralisches Verreisen

Ich schwieg in der Hoffnung, dass bald alles ausgebucht sei. Dummerweise übernahm die Chefin das Planen. Nicht leicht. Da Ostern früh liegt, ist die Sonne nur im südlichen Mittelmeer sicher. „Ägypten“, krähte Hans. Abgelehnt. Da werden Menschen eingesperrt, die für Zeitungen arbeiten. Italien ist voll mit Berlinern, Spanien zu seniorenhaltig, Portugal sehr klein. Die Kanaren sind zu weit. Bliebe Griechenland, auch als Zeichen von Solidarität und Mitgefühl.

Es ist zum Verzweifeln: Da ringt man um gesellschaftlichen Status und will Nachbarn, Klassenkameraden, Kollegen beeindrucken. Aber die Chefin entscheidet plötzlich: „Wir müssen moralisch verreisen“ – also politisch korrekt und ohne viel CO2. Da bleibt nur die Ostsee. Mit dem Regionalexpress. Saubere Sache. Ich freue mich.