Mamas und Papas

Hilfe, wir haben ein Einhorn!

Betritt man ein Spielzeuggeschäft stehen dort Einhörner so weit das Auge reicht. Kinder projizieren wirklich alles auf das Zauberwesen.

Sandra Garbers mit ihren Kindern

Sandra Garbers mit ihren Kindern

Foto: Reto Klar

Wir haben zu Hause seit einiger Zeit einen Spätflügelwechsler. Ich darf nicht verraten, wie er beziehungsweise sie heißt, weil das ein großes Geheimnis ist. Und nur wenige Menschen dürfen von dem großen Einhorngeheimnis erfahren. Jede Indiskretion würde die Einhörner in Gefahr bringen. Aber wenn wir Auto fahren, ist es angeblich nicht der Motor, der uns vorwärts bewegt, sondern dieser ominöse Spätflügelwechsler, der uns über die Autobahn zieht. Es gibt auch Frühflügelwechsler, die können schon sehr früh fliegen, lernen aber erst spät zaubern. Bei unserem Spätflügler ist das genau andersherum.

Ein Parcours aus Schaumstoff-Bauklötzen

Die Tochter ist im Einhornfieber. Geht beim Spielen irgendetwas kaputt, war es doch nicht die Tochter! Niemals! Es war das Einhorn. Wenn ich auf der Straße sage: „Nicht so schnell, warte doch mal auf uns“, antwortet die Tochter: „Mama! Ich würde ja, aber XY will rennen. Da kann ich nichts machen, XY braucht Bewegung.“ Abends wird für XY ein Parcours aus Schaumstoff-Bauklötzen aufgebaut. Und dann wird gesprungen, bis das Kind völlig verschwitzt ist. Das ist ihr Sport. Wer braucht schon Hockey-Training, wenn er ein Einhorn zu Hause hat. Und als wir uns letztlich ein sehr seltsames Pferd anschauten, weiß, mit langer, welliger, gelblicher Mähne und hellblauen Augen, klammerte sich die Fünfjährige an das Vorderbein dieses Hengstes und weigerte sich unter Tränen, ihn jemals wieder loszulassen. „Er ist ein Einhornältester. Das sehe ich genau!“ Der Hengst blieb ruhig stehen und stupste sie sanft mit der Nase an. Einhornältester. Wer weiß, wer weiß ...

Einhörner, so weit das Auge reicht

Einhörner sind das neue Lilifee. Betritt man heute Spielzeuggeschäfte, dann stehen dort Einhörner, so weit das Auge reicht. Als Plüschtiere, aus Plastik, aufgedruckt auf Taschen, Rucksäcke und Schulranzen. Mit rosafarbenen Hörnern und langen Mähnen und manchmal auch mit mitgelieferten Lockenwicklern. Sie sind meist weiß, haben sehr große, ratlose Augen mit langen Wimpern. Sie sehen aus wie die unschuldigsten Zauberwesen, die sich das Kindermarketing je ausgedacht hat. Das ist ziemlich clever von denen. Denn man kann als Eltern kleine rosafarbene Prinzessinnen mit Glitter grässlich finden. Die neuen Barbiepferde, die so gar nichts mehr mit ihrem halbwegs naturgetreuen Vorvorgänger Dancer zu tun haben, als Ausbund der Geschmacklosigkeit betrachten. Aber wenn man Einhörner, diese zarten Zauberwesen, nicht mag, ist man irgendwie ein schlechter Mensch.

Zerbrechliches aus dem Zauberland

Das Wichtigste an Einhörnern ist, dass sie eigentlich immer in Gefahr sind und gerettet werden müssen. Keine gemütlichen Einhornkumpel, sondern Zerbrechliches aus dem Zauberland. Natürlich gibt es längst die Abenteuer diverser Einhörner auf CD, Folge eins bis 25. Einhornfreunde erkennen sich gegenseitig daran, dass sie das Erkennungslied „Steeeeeernenschweif, mein Zauberpooooony ...“ auswendig singen können. Wie kann man die Art der Geschichten beschreiben? Arztgroschenroman für Kleinkinder trifft es vielleicht ganz gut.

Joghurt mit Star-Wars-Monstern

Ich lasse die Tochter das Einhorn-Fieber voll ausleben. Wie vorher auch schon die Rosa-Phase. Ich will nicht, dass sie bleibende Schäden davonträgt und dann später als Erwachsene zur Kompensierung frühkindlicher Traumata Diddl-Mäuse oder Stoff-Yorkshire-Terrier in ihrem Auto drapieren muss oder sich Arielle die Meerjungfrau auf den Hals tätowiert.

Außerdem gibt es weitaus Schlimmeres als Einhörner. Star-Wars-Figuren zum Beispiel. Beide Kinder finden sie schrecklich, so schrecklich, dass sie ihren geliebten Trinkjoghurt nicht mehr anfassen mochten, weil dort Star-Wars-Monster draufgedruckt waren. Wir mussten die Marke wechseln. Man darf gespannt sein, was nach der Einhornphase kommt. Sollte es irgendwas mit Jungs zu tun haben, bin ich bereit, die Einhornphase bis zum Abitur auszudehnen.