Mamas & Papas

Spaß macht nur satt, Freude aber schmeckt

Warum die exotische Konjugation oder der Dreisatz nicht das wichtigste Lernziel ist. Resilienz heißt das Gebot, sagt Hajo Schumacher.

In der Familie Schumacher geht es nicht um den Spaß am Lernen, sondern um die Freude

In der Familie Schumacher geht es nicht um den Spaß am Lernen, sondern um die Freude

Foto: Massimo Rodari

Wir sind eine empfindsame Familie. Auf Druck reagieren wir mit Schmerz, Wut und Trauer. Negative Gefühle wollen wir vermeiden. Das Leben ist Spaß, sogar beim Zahnarzt oder bei der Suche nach Belegen für die Steuer. Den Spaß und seine kieksende Schwester namens Erlebnis gibt es überall, von morgens auf der Müsli-Packung (Knusper-Spaß) bis abends beim Einkaufen (Shopping-Erlebnis). So ist das Leben: Spaß, Erlebnis, immer und sofort.

Das Epizentrum des Spaßes ist die Schule. Was sind wir gut drauf, wenn es um Lernen und Hausaufgaben geht. Was haben wir gelacht, als Hans nach zwei Stunden immer noch nicht die total lustige Dreisatz-Aufgabe gelöst hatte, obwohl ich mir eine so putzige Geschichte mit kleinen Schweinchen ausgedacht hatte, die mit dem Moped plus Beiwagen in einem Erlebnispark total viel Spaß…ach, ist auch egal. Hans heulte jedenfalls. Undankbares Kind, grollte ich, die Entertainment-Granate.

Vorsicht, Trauma-Gefahr

Die Chefin guckte besorgt, weil wir offensichtlich unterspaßt waren. Dabei hatte sie in einem Fachbuch gelesen, dass Glückshormone das Gelernte lebenslänglich verankern im Hirn. Andernfalls entsteht ein Trauma, und ich bin schuld, wenn der Junge eines Tages beim Therapeuten sitzt und stockend erzählt, wie sein Vater ihn damals misshandelt hat mit kleinen Schweinchen. Eine der schlimmsten Elternängste: die Spätfolgen von Erziehung.

Was mag der Nachwuchs erzählen übers Elternhaus? War es wirklich so grausam, kalt und abweisend? Wir Eltern, die immer nur das Beste wollten, sind so lange schuld an allem, bis die jungen Menschen ebenfalls Kinder bekommen. Bis dahin sollten wir unsere elterliche Spaßpflicht erfüllen. Warum klappt das bei uns nur nicht? Sofort den Fernseher einschalten. Da wird doch immer für diese Lernplattform geworben, wo man für eine geringe Monatsgebühr glückliche Mathe-Kinder geliefert bekommt.

Verwegener Gedanke: Kann es sein, dass ein Missverständnis vorliegt? Es geht beim Spaßdiktat gar nicht um fortwährende Heiterkeit, sondern um das Vermeiden von Mühen und Enttäuschungen. Wiederholen macht Mühe, kräftigt aber die Rechtschreibung. Wer Fehler im Diktat macht, ist enttäuscht, aber die Berichtigung hat hohen Merkwert. Sind wir damit schon im Traumagebiet?

Früher war mehr Schmerzlernen

Lernen Grundschüler dagegen Schreiben nach Gehör, dann liegt zwar jedes Kind irgendwie richtig, keines ist besser als die anderen, nur mit dem Rechtschreiben wird man noch mal anfangen müssen. Meine bescheidene Lebenserfahrung würde kühn behaupten, dass es nicht nur Spaßlernen gibt, sondern auch das Gegenteil: Schmerzlernen. Früher, als weniger Achtsamkeit und mehr Peter Hahne war, wurde an dieser Stelle gern die heiße Herdplatte zitiert: Einmal kurz drauf gefasst und das Kind hat mehr kapiert als in hundert spaßigen Lernmodulen.

Nein, es geht nicht um den bizarren Leistungsdruck, dem bayerische Viertklässler unterworfen sind, sondern darum, dass Lernen vielfältig ist: Ein bisschen Spaß, ein bisschen Überwinden, ein bisschen Lachen, ein bisschen Enttäuschung. Lernen, das sind unzählige Spielarten, die von Lehrern, Elternhaus, Freunden, Schulbüchern, Pubertätsphase, Wetter und tausend Faktoren mehr abhängen.

Alles ruht möglichst auf einem Fundament namens Urvertrauen, dem Wissen, dass die Welt auch diesmal nicht untergeht. Das Metalernziel ist eben nicht der Dreisatz oder die exotische Konjugation, sondern Resilienz, die Fähigkeit, Enttäuschungen nicht zwanghaft in Traumata transformieren zu müssen.

Spaß ist kurzfristig

Nicht Spaß schafft Resilienz, sondern Freude. Spaß ist kurzfristig, so wie Pommes Frites oder 3-D-Kino. Den ganzen Tag Fritten und Augendröhnung, das wird eintönig. Mit Spaß ist es wie mit Antibiotika: Irgendwann hat man alles gehabt und entwickelt eine multiple Resistenz. Die Spaßdosis muss erhöht werden. Auf Dauer nicht lustig.

Spaß macht nur satt, Freude dagegen schmeckt, braucht aber auch mehr Zeit. So kostet Vokabellernen Überwindung, führt aber womöglich zu einer guten Note, die Freude bereitet, vor allem den Eltern. Und zur Belohnung gibt’s Pommes und 3-D-Kino.

Mehr Folgen der Kolumne "Mamas & Papas":