Mamas & Papas

Heimwerken ist die letzte Bastion des ungezähmten Mannes

Es gilt, den Spaß am Heimwerken und Reparieren früh den Kindern zu vermitteln. Eine Kolumne von Hajo Schumacher.

Heimwerken und Basteln sind Fertigkeiten, die Väter ihren Söhnen vermitteln sollten

Heimwerken und Basteln sind Fertigkeiten, die Väter ihren Söhnen vermitteln sollten

Foto: Nicolas Armer / dpa

Wir sind eine nachhaltige Familie. Reparieren geht vor Konsumieren. Diese Botschaft gehört in Kinderköpfe, bevor der letzte Fisch den letzten Baum gefällt hat. Früher wurde alles repariert, vor allem elektrisches Kleingerät, weswegen Vorhofflimmern zu den bleibenden Kindheitserinnerungen aus jenem schummrigen Loch gehört, das wir beschönigend „Hobbykeller“ nannten.

Vater machte vor, wie man mit einem Minimum an Werkzeug ein Maximum an Verwüstung erzeugt. Es genügt, mit einem unpassenden Schraubenzieher eine zu weiche Schraube auszufransen, bevor ein garantiert ausgeschalteter Toaster Volt, Amper und Watt durch den Kreislauf jagt. Kleiner Hinweis: Trotz wirklich lustiger Körperreaktionen von Zittern über Stammestanz bis Kurzkollaps niemals lachen – hohe Backpfeifengefahr. Reparieren tat fast immer weh, wurde am Ende irgendwie mit Klebeband provisorisiert und erzwang eine baldige Neuanschaffung.

Wir machen das natürlich besser heute, nachhaltiger eben. Dummerweise kann man kaum noch was reparieren, seit China beschlossen hat, die Schraube durch Nieten oder Klebe zu ersetzen, womit immerhin bewiesen wäre, dass sich die Lassobandstrategie seit Hobbykellertagen global durchgesetzt hat. Andererseits müssen unsere Jungs in die geheime Kunst des Heimwerkens eingeweiht werden, letzte Bastion des ungezähmten Mannes, dessen wahres Zuhause der Baumarkt ist und der die Schutzbrille nie durch eine Dobrindt-Verglasung ersetzen würde.

Pünktlich zu den ersten wärmeren Tagen des Jahres tauchte der Klassiker der Freizeitkonflikte auf. Die Chefin befahl „Radtour!“, Hansens Rad war platt. Vielleicht nur winterlicher Druckverlust. Oder Sabotage von Nachbarn, die mit unserem Musikgeschmack nicht einverstanden sind. Karl, der Große, mixt ja jetzt Trap-Style, gern bei offenem Fenster und nicht immer mit Kopfhörern. Der Plattfuß war mit Luftgewinn jedenfalls nicht zu beheben. Dann eben Flicken, jene Mischung aus Systematik, Nachdenken, routinierten Handgriffen, und, ja, auch Talent und Intuition.

Erste Regel: Wir müssen uns nicht umziehen; so ein Reifen ist ratzfatz klargemacht, da wird sich die Chefin wundern. „Ihr seid doch gerade erst runtergegangen…?“ – so klingt ein echtes Kompliment. Zweite Regel: Werkzeug wird überbewertet. Wenn sich die Muttern nicht lockern lassen, hilft das coole Multifunktional-Tool, jedenfalls solange bis die Mutterkanten rund sind und die Finger bluten. Egal, jetzt hilft Regel drei: Den Schlauch unterm Reifen hervorpulen, indem man in Ermangelung eines Hebers den Schraubenzieher vorsichtig zwischen Felge und Decke einführt. Hans fügt sich maulig in seine Rolle als Werkzeugreicher. Ich ziehe den Schlauch wie eine Kreuzotter hervor („Magic!“), wofür mich der Junge zu Recht bewundert.

Regel vier: Aufpumpen, Loch finden, zukleben. Fertig. Regel fünf: Entweicht die Luft durch ein halbes Dutzend sichtbarer Löcher, wurde der Schraubenzieher wohl doch nicht so zartfühlend eingesetzt. Regel sechs: Möglichst vor Reparaturbeginn prüfen, ob die Gummilösung frisch ist und Flicken in der richtigen Größe bereit liegen.

Regel sieben: Nicht die Wut anmerken lassen, weil die Gummilösung bröckelt und der Schlauch, mit reichlich Kettendreck beschmiert, mehrfach an der ehemals frühlingsfrisch hellen Hose entlang scheuerte. Regel acht: Immer gute Ausreden parat haben. „Das Rad muss sowieso in die Inspektion“, erkläre ich dem skeptisch dreinblickenden Hans, „und wir haben gute Vorarbeit geleistet.“ Die Chefin hat bereits mehrfach angerufen, wo wir denn blieben. Regel neun: Das Halbwrack mit dem gummischlauchblockierten Hinterrad möglichst ohne Zeugen in den Kofferraum schaffen und sichtfest. Nicht irritieren lassen von Nachbarn, die johlend aus den Fenstern kommentieren und Handyfotos machen.

Regel zehn: Radtour abmoderieren. Nach Ostern auf dem Rückweg vom Radladen erst mal in den Baumarkt und Werkzeug kaufen. Das kriegen die Jungs vererbt. Damit sie später auch so viel Spaß haben beim Reparieren.

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