Mamas & Papas

Zeugnisnoten und Banknoten haben einiges gemein

Sollte man gute Noten mit Geld belohnen? Hajo Schumacher fragt sich, ob eine Eins in Sport dann mehr wert ist als eine Drei in Latein.

Diese Schüler freuen sich über ihre Zeugnisse - ob sie auch Geld für gute Noten bekommen

Diese Schüler freuen sich über ihre Zeugnisse - ob sie auch Geld für gute Noten bekommen

Foto: A3512 Rolland Weihrauch / dpa

Wir sind eine sparsame Familie. Unser Auto ist 20 Jahre alt, Küchenkräuter bauen wir auf dem Balkon an und unsere Nutella-Gläser werden so akribisch ausgekratzt, dass sie direkt frisch befüllt werden könnten.

Nur die Chefin fällt bisweilen dem Konsumrausch anheim. Man will das Schuhthema ja wirklich nicht bemühen wegen dieser überkommenen Rollenbilder; aber wenn es doch so ist? Meine gelegentlichen Kleinkäufe fürs Rad, na gut, für die Räder, sind dagegen von rein sachlichen Überlegungen motiviert. Die Karbonfelgen waren statusmäßig okay die letzten Jahre, aber jetzt ist eben Stahl angesagt, gern mit einem Hauch Airbrush.

Wir sind stolz auf unseren Schäuble-Haushalt. Die schwarze Null steht, solange es nicht um Wein, Essen, Urlaub, Schuhe, Rennräder oder Karohemden geht. Wir konsumieren achtsam, aber auch mal emotional. Niemand wird uns am Sterbebett zum prallen Festgeldkonto beglückwünschen.

Geld verdirbt den Charakter, sagt der Dalai Lama, also weg damit. Neues liegt ja auch überall herum. Wenn Hans mit dem Taschengeld wieder nicht auskommt, krabbelt er einfach unter die Vordersitze vom Auto. Neulich hat er dort ein Markstück gefunden. „Aufbewahren!“, habe ich befohlen. Griechenland schwächelt ja schon wieder.

Ein übersichtlicher Bezahlmodus bei drei Noten

In der Schule wird seit der Zeugnisausgabe heftig über pekuniäre Anreizsysteme debattiert: Was bringt eine Eins auf dem Zeugnis? Ein heikles Thema. In den ersten vier Schuljahren gab es nur drei Noten, was zu einem übersichtlichen Belohnungsmodus führte: fünf Euro plus für die Eins, fünf Euro minus für die Drei und nichts für die Zwei. Rückstände aus dem Halbjahreszeugnis können gegen künftige Gewinne verrechnet werden.

Auf dem Gymnasium hat sich das Tarifgefüge ausdifferenziert. Nichts gegen das pädagogische Personal, alle Fächer sind uns gleich lieb, ehrlich, aber: Ist eine Grundschuleins in Religion so viel wert wie eine Drei in Latein? Wiegen Kunst und Sport die Mathenote auf? Und: Bringt ein präpubertärer Burn-out Sonderpunkte?

Hans schlug neulich eine Art Fußballprofi-Vertrag vor, mit Grundgehalt (Existenz an sich), Auflaufprämie (relative Pünktlichkeit), Torbonus (Noten) und Titelzulage (Versetzung). Nichts da, mein Freund, Leben allein ist keine Leistung, höchstens bei Vätern. Ich kontere mit einem ausgefeilten Drei-Stufen-Modell: Businessfächer wie Mathe, Latein, Englisch bringen drei Punkte, Economy wie Erdkunde, Geschichte und Deutsch noch zwei und, nun, wie sagen wir’s ohne Lehrerdiskriminierung, also Neigungsfächer wie Musik, Sport, Kunst und Religion sind einen Punkt wert. Naturwissenschaften sehen wir dann.

Wird ein „Sehr gut“ mit zwei Euro belohnt, das „Gut“ mit einem, und mit den jeweiligen Punkten multipliziert, dann würde ein Zeugnis voller Einsen 50 Euro bringen, eine Serie von Dreien rein gar nichts und Hansens bunte Mischung knapp 20 Euro.

Früher gab es viel weniger

„Zu viel“, findet die Chefin, während sie im Schuhprospekt blättert. Karl, der Große, assistiert. Er habe früher viel weniger bekommen. Früher, früher – da waren wir froh, wenn Papier für Zeugnisse da war. Früher, da galt die Vier noch was. Ich sehe ein anderes Problem: Was ist, wenn das Kind eines Tages wider Erwarten einen Sack voll exzellenter Noten nach Hause bringt? Muss ich dann die Räder ins Pfandhaus tragen?

Als ich Hans vorschlage, dass wir zur Feier seines Zeugnisses in den Zoo gehen, lacht der Junge unsicher. Er hält meinen Vorschlag für einen Scherz. „Was würdest du denn mit fünf Euro machen?“, frage ich. Hans guckt beklommen. Ich ahne die Antwort. Das Kind würde sich ausgiebig schämen, weil alle anderen in der Klasse mehr kassieren, was unfairerweise auch daran liegt, dass es in Patchwork-Familien mehr Großeltern gibt.

Ich überlege, den Jungen mit Zeugnis und der goldenen Pappkrone vom Burgerbrater bei den Nachbarn klingeln zu lassen. Verspätetes Sternsingen plus Eins in Religion wird ja wohl eine Spende wert sein. Die Chefin hat eine bessere Idee: Ich soll zwei Fünfeuroscheine unter den Vordersitzen vom Auto verteilen. Und meine Zeugnisse von früher aus dem Keller holen, zur familiären Erheiterung. Geht leider nicht. Die stecken im Kellerkarton, hinter meinen kostbaren Rädern.