Mamas und Papas

Der erste Kita-Winter ist der Horror

Erst ist das Kind dauerkrank, und dann macht auch die eigene Abwehr schlapp. Unsere Autorin Sandra Garbers kämpft mit Kita-Viren.

Kita-Kinder bei einer gemeinsamen Mahlzeit

Kita-Kinder bei einer gemeinsamen Mahlzeit

Foto: Friso Gentsch / dpa

Wir liegen flach. Wir sind krank. Gefühlt waren wir den gesamten Februar verschnupft, verhustet, verfiebert. Und jetzt im März geht es fröhlich weiter. Der Zweijährige findet das Kranksein mittlerweile so bequem, dass er, obwohl schon wieder gesund, immer wieder behauptet: „Ich bin Dank! Mir geht’s nich dut. Kann nich in Kita.“

Krank sein ist für ihn eine tolle Rund-um-die-Uhr-Betreuung mit Kakao, Eis gegen Halsschmerzen und viel Mitleid. Ein All-inclusive-Wohlfühlpaket. Er weiß, dass ich dann mit dem Fieberthermometer angerannt komme und freut sich, dass ich so gut funktioniere. Ich: „36,8 Grad, wo bist du denn krank.“ Er (schaut an sich herunter, hebt seinen kleinen Fuß hoch): „Hier!“. Ansonsten sind die Sätze der letzten Wochen: „Ich möchte Tee.“/ „Der Tee ist viel zu heiß, ich brauche Eiswürfel!“/ „Der Tee ist viel zu kalt. Machst du einen neuen!“/ „Setzt du dich zu mir und liest mir Ritter Trenk vor.“/ „NichTenklesen! KommsuBobolesen, Mama“/ „Mama ist jetzt bei mir!“/“Neeeeeee! BEI! MIR!“

Dieses Jahr ist es besonders schlimm, aber das denke ich jedes Jahr. Bevor die Kinder in die Kita kamen, wurde ich von anderen Kleinkindeltern gewarnt: Der erste Kita-Winter sei der Horror. Die Kinder würden sich jede einzelne herumfliegende Bazille einverleiben und somit dauerkrank sein. Die Warnung stellte sich als absolut korrekt heraus.

Das hat die Natur sich wirklich prima ausgedacht. Das Kind kommt in die Kita, die Mutter kehrt nach langer Babypause zurück in den Job und will nun hochmotiviert Kollegen und Chefs beweisen, dass sich nichts geändert hat, dass man sich weiterhin auf sie verlassen kann, dass sie nicht nur läppische 100 Prozent gibt, sondern mindestens 180. Jederzeit. Und dann kommen die Anrufe: „Könntest du bitte dein Kind abholen, es hat so rote Flecken.../ 38,3 Fieber/ liegt nur lethargisch auf dem Erzieher-Sofa und weint nach Mama...“ Und dann, Entschuldigung, ich muss leider weg.

Beim ersten Mal noch Mitleid und Verständnis der Kollegen, aber spätestens beim dritten Mal sieht man die unausgesprochenen Gedanken: „Das Kind ist aber ziemlich oft krank. Da scheint ja irgendwas mit dem Immunsystem nicht in Ordnung zu sein. Da scheint ja irgendwas schief zu laufen. Vielleicht die falsche Fütterung.“

Als ob man das nicht selber denken würde. Die einzige Möglichkeit, dem entgegenzutreten ist, dass man das Kind bei der Rückkehr in den Job als eine Art biologisches Waffenreservoir betrachtet und ein paar Viren und Bazillen ins Büro schleust. Hier ein benutztes Taschentuch liegen lässt, dort ein paar Türklinken putzt, den Chef kurz anniest, damit nach einer kurzen Inkubationszeit wenigstens anschaulich wird, warum man die letzten Tage zu Hause bleiben musste. Theorie und Praxis.

Nun könnte man natürlich einen Babysitter oder eine Nanny beschäftigen, die sich mit dem fiebernden Kind zu Hause hinsetzt, es nach einem Hustenanfall tröstet und die Brust mit lindernden Salben einreibt. Aber dann muss man sich später auch nicht wundern, wenn einen im Altersheim niemand besucht. Außerdem wollen sich übrigens auch Nannys und Babysitter ungern anstecken. Sie müssen ja arbeiten.

Spätestens, wenn das Kind endlich wieder gesund ist, nach ein/zwei Wochen aufopfernder Pflege, kapituliert das eigene Immunsystem angesichts des Dauerbombardements mit Viren und Bakterien. Es geht einem elend, man will nur noch ins Bett. Schlafen.

Aber das Kind ist gesund! Es will spielen! Es will Essen! Es will raus! Mir ist es bis heute ein Rätsel, wie das geht, Kinderdienst mit einer akuten Magen-Darm-Grippe, fieberhafter Bronchitis oder mit der echten Grippe. Aber es geht. Und übrigens stimmt es nicht, dass der erste Kitawinter der Horror ist. Alle weiteren sind es auch.

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