Mamas & Papas

Wer hat Bambi getötet?

Wenn das Kind kein Fleisch mehr essen will, stehen Eltern vor einer harten Entscheidung - eine Kolumne von Sandra Garbers.

Foto: dpa Picture-Alliance / Westend61 / Frank Muckenheim / picture alliance / Westend61

Es gibt Fleisch, Baby. Wir haben zu Hause im Garten einen Super-Riesengrill. Mit extra heißem Brenner für fette T-Bone-Steaks, einer riesigen Auflagefläche für mindestens 20 Hamburger-Pads gleichzeitig und einem sprechenden Fleischthermometer: „Die Kerntemperatur! Ist! Jetzt! Erreicht!“ Wir grillen gerne, auch wenn es schneit. Es gibt Freunde, die freiwillig jedes Wochenende aus dem Prenzlauer Berg eine Dreiviertelstunde hier an den Stadtrand fahren, nur damit wir zusammen grillen können. Wir lieben Fleisch. Natürlich nur von glücklichen Tieren, die mal auf der Weide gestanden und Biogras gefressen haben. So viel Bigotterie muss sein.

Es könnte sein, dass es damit bald vorbei ist. Die Tochter verdirbt uns den Appetit. Vor allem mir. Ich war als Kind mehrere Jahre Vegetarierin, ich trug Buttons mit „Meine Freunde ess ich nicht!“, ich weigerte mich, Metzgereien auch nur zu betreten. „Fährst du kurz mit dem Fahrrad zu Schlachter Steffens und kaufst Gulasch?“ – „Nein, da riecht es nach Tod.“ Im Laufe der Jahre und nach vielen vegetarischen Bolognesen und Soja-Würstchen verlor sich das, Fleisch schmeckte einfach zu gut. Für ethisch-moralische Appelle bin ich aber nach wie vor überaus empfänglich.

Kleine, wuschlige Lämmmchen mit Stummelschwänzchen

Angefangen hatte es schon vorigen Sommer mit einem köstlichen Lammbraten, den wir vorher mit einer Honig-Thymian-Mischung massiert hatten. Die Tochter wollte plötzlich ganz genau wissen, was sie da auf dem Teller hatte. „Ein Lamm!!!????“, rief sie empört. „Das muss ein sehr gemeiner Mensch gewesen sein, der ein kleines, süßes Lamm tötet! Die Mutter ist jetzt bestimmt ganz traurig und weint die ganze Zeit und ruft: Wo ist mein Baby!“ Vor meinen Augen sah ich kleine wuschlige Lämmchen mit Stummelschwänzchen. Das ist genau das, was man braucht, wenn man gerade auf den Punkt gegartes rosafarbenes Fleisch auf die Gabel gespießt hat. Wer hat Bambi getötet? Tja, und so ist es geblieben. Seither habe ich kein einziges Lammfilet mehr essen können.

Aber so ganz hatte die Tochter die Sache mit dem Fleisch offenbar noch immer nicht verstanden. „Tut es den Tieren nicht weh, wenn man das Fleisch abschneidet?“ Ich: „Die sind dann ja schon tot.“ Tochter: „Aber warum schneidet man nicht einfach nur das raus, was man essen will? Dann müssten sie nicht tot sein.“ Ich: „Weil das total wehtun würde, stell dir vor, man würde dir einfach ein Stück vom Arm abschneiden…“ Tochter: „Schlachten tut auch weh!“

„Brauch noch mehr Fleisch“

Zu Ostern gab es die besten Teile eines erwachsenen Rindes. Der fast Dreijährige ließ sich ein Stück nach dem anderen auf dem Kinderteller mit den Märchenwesen zerschneiden: „Brauch noch mehr Fleisch!“ Die Tochter sagte nachdenklich: „Die Kuh muss ganz schön krank gewesen sein.“ Ich: „Häh?“ Tochter: „Na, weil sie doch gestorben ist.“

Jetzt musste ich tapfer sein, sie ist alt genug für die Wahrheit: „Nein, kranke Tiere darf man gar nicht essen. Das Fleisch, das wir essen, stammt von Kühen, die extra gezüchtet werden, damit man sie irgendwann schlachtet.“ Tochter erschrocken: „Aber dann gibt es ja bald keine Kühe mehr.“ Ich: „Doch. Es werden ja immer wieder neue geboren.“ Tochter: „Ja, aber wenn dann nur noch männliche geboren werden, dann gibt es bald gar keine mehr!!“

„Du riechst nach Pony“

Zum rein veganen Haushalt wird es in nächster Zeit aber vielleicht doch nicht kommen. Als die Tochter neulich vom Reiten wiederkam, schnupperte ich an ihren Haaren. „Du riechst nach Pony.“ Tochter: „Das ist doch toll.“ Dann dachte sie einen kurzen Moment nach: „Mama, wenn ein blöder Mensch ein Pferd schlachtet und dann mit dem Messer zerteilt, riecht das Messer bestimmt auch nach Pferd.“ Unsere Kinder sehen die Welt viel sachlicher, als wir es ihnen zutrauen. Und manchmal vielleicht sogar sachlicher, als wir selbst.

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