Bei einem Marathon, könnte man meinen, geht es in erster Linie um die sportliche Leistung, um Zeiten und Rekorde. Ich würde sagen: Das alles ist wichtig. Aber für mich geht es vor allem um die Emotionen. Denn es gibt wenige Tage, an denen ich in so kurzer Zeit so viele Emotionen erlebt habe, wie in den Stunden vor, während und nach eines Marathons. Da ist Aufregung, Vorfreude, Glück, Schmerz, Stolz und nicht zuletzt: große Dankbarkeit.
Am vergangenen Wochenende habe ich in Hamburg all diese Phasen wieder durchlaufen, im wahrsten Sinne des Wortes. Und ich bin wieder zu dem Ergebnis gekommen, was für ein toller Sport das Laufen ist. Und dass ich jedem unbedingt einmal raten würde, bei einem solchen Event dabei zu sein, ob an der Startlinie oder am Streckenrand.
Hamburg-Marathon: 300.000 Zuschauer tragen einen über die Strecke
Beim Hamburg-Marathon waren am Sonntag rund 20.000 Läuferinnen und Läufer über die volle Distanz angemeldet, dazu kamen weitere Tausende Starter über die Halbmarathonstrecke oder in den Staffeln. Es ist für mich immer wieder etwas Besonderes, inmitten all der anderen Sportler zu stehen. Am Morgen zusammen auf den Startschuss hinzufiebern, auf der Strecke gemeinsam Spaß zu haben, aber auch zu leiden, und später den Zieleinlauf zu feiern – das begeistert mich jedes Mal aufs Neue.
Aber klar ist auch: Die Läuferinnen und Läufer allein sind nur ein Baustein. Ein Marathon wäre nicht möglich ohne die vielen freiwilligen Helfer. Und er wäre kein so unvergessliches Erlebnis ohne die Zuschauerinnen und Zuschauer am Streckenrand. 300.000 Menschen sollen am Wochenende beim Hamburg-Marathon angefeuert haben. Ich habe sie nicht gezählt, aber die Stimmung hat einen über die gesamten 42 Kilometer getragen. Und musste sich nicht hinter dem Berlin-Marathon verstecken.
Der Laufclub der Berliner Morgenpost
Auch bei der Berliner Morgenpost gibt es begeisterte Läuferinnen und Läufer – und mit unseren Leserinnen und Lesern wollen wir einmal im Monat eine gemeinsame Runde drehen. Dafür haben wir in diesem Jahr unseren Laufclub gegründet. Treffpunkt ist der Eingang zum Tiergarten am Brandenburger Tor, gelaufen werden etwa sechs Kilometer. Die Teilnahme ist natürlich kostenlos. Wann der nächste Lauf stattfindet, steht immer unter mrgnpst.de/10k-club. Wir freuen uns über viele Mitläufer!
Ein Marathon bringt das Beste im Menschen zum Vorschein
Ich hatte mir im Vorfeld des Marathons vorgenommen, diese Stimmung dieses Mal besonders aufzusaugen. Und habe während des Laufens wirklich versucht, möglichst viele Schilder zu lesen, die Bands zu beobachten und, soweit es die Kraft zuließ, Hände von Kindern abzuklatschen. Einerseits, weil ich die Hoffnung hatte, dass mich das von der erwartungsgemäß zunehmenden Anstrengung während des Laufens ablenkt. Andererseits, weil ich diese Unterstützung nicht als selbstverständlich empfinde.
Gerade, als ich an der Außenalster entlanglief, kam mir der Gedanke, dass eine solche Sportveranstaltung wirklich das Beste im Menschen hervorbringt. Und einem das Vertrauen zurückbringt: Es denken nicht nur alle an sich selbst, die Leute werden nicht immer rücksichtsloser und ignoranter. Stattdessen gibt es Hunderttausende, die sich an einem Sonntagmorgen selbstlos an Straßen stellen, um Fremde anzufeuern. Die am Tag vorher Plakate basteln, die Musikboxen aufbauen oder über Stunden im Takt trommeln.
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Am Ende feuern Läufer andere Läufer an
Ich glaube nicht, dass ich die Strecke so gut gemeistert hätte, wenn die Zuschauer nicht da gewesen wären. Die Plakate haben mich zum Lachen gebracht, der Lärm hat für Gänsehaut gesorgt und die Musik bewirkt, dass meine Beine sich kurzzeitig schneller bewegt haben. Die Rufe von „Ihr schafft das“ bis „Nicht mehr weit“ oder „Der Anstieg ist fast vorbei“ (ja, Hamburg ist erstaunlich hügelig) haben mich durchhalten und sogar noch mal beschleunigen lassen, als meine Beine sich schon schwer angefühlt haben.
Am Nachmittag, als wir schon eine Weile mit dem Rennen fertig waren, haben wir uns deshalb auch noch mal an die Strecke gestellt, wenige Hundert Meter vor dem Ziel. Die Strecke war zu dem Zeitpunkt längst nicht mehr so voll, aber es kamen immer noch Läufer, die mal mehr, mal weniger gekämpft haben, den Marathon zu beenden. Einigen haben wir und die anderen Zuschauer ein Lächeln oder einen nach oben gestreckten Daumen entlockt, andere haben mit (Freuden-)Tränen gekämpft. Auch ich habe auf den letzten Metern und nach dem Zieleinlauf mit den Tränen gekämpft – woraufhin eine Helferin sofort angeboten hat, den Moment im Foto festzuhalten. Und in einer Zeit der Krisen sind all das kleine Beispiele dafür, wie gut die Welt doch manchmal sein kann.



