Einen Wecker brauche ich nun als Rentner eher selten. Verabredungen am frühen Morgen sind einfach seltener geworden. Gut so. Selbst den Flieger in den Urlaub buche ich nun meist später. Morgens um zwei Uhr aufzustehen, ist einfach nicht mehr mein Ding. Aber auch ohne Wecker ist die Nacht meist um halb sechs für mich vorbei.
Luxus im Alter: Dann wird getrödelt. Eine Tasse Kaffee, ein Glas Saft, noch ein Kaffee, etwas Musik, ruhige Minuten mit meiner Freundin. Maria ist jünger als ich, muss noch (darf noch) zur Arbeit. Ich mache Maria noch ein Stullenpaket fertig: eine Klappstulle, etwas Obst, Gemüse, ein Getränk, manchmal einen kleinen Salat. Und dann höre ich gerne den Vögeln auf dem Balkon zu.
Frühstück muss Maria sich heute selbst machen. Mein Wecker klingelt heute bereits um halb fünf, und wie ich mich kenne, habe ich zumindest die halbe Nacht sehr unruhig geschlafen und mich von einer auf die andere Seite gewälzt. Mein Gebet am Morgen fällt kürzer aus; Gott wird’s mir wohl nicht übel nehmen – hat dann doch mehr Zeit für andere. Und auch der Balkon fällt heute aus.
Etwas Angst und viel Aufregung
Termine im Krankenhaus kann man nicht buchen wie eine Urlaubsreise, und die Ärzte in der Charité scheinen gut zu tun zu haben. Deshalb soll ich mich heute bereits um Viertel vor sieben in Steglitz einfinden, nüchtern. Ein Kaffee mit wenig Milch ist aber erlaubt. Gemütlich werde ich es mir nicht im Wartebereich machen, es geht zackig weiter. Raus aus der Kleidung, rein ins Hemdchen. Um dann bald darauf auf dem OP-Tisch zu liegen. Keine Sorge, das hat nichts mit Krebs zu tun. Seit der Entfernung meiner Prostata vor zwei Jahren lief es gut mit den vierteljährlichen Nachsorgeuntersuchungen. Mit etwas Angst und viel Aufregung sind sie durchaus verbunden. Das geht aber allen in vergleichbaren Situationen ähnlich.
Es ist wirklich nett und zeigt Interesse, wenn Freunde und Bekannte nachfragen. Deshalb sei gesagt: Es geht mir gut, und ich habe viel Freude am Leben. Mit Dellen und Beulen in der Gesundheit lernt man mit dem Alter zu leben. Eigentlich finde ich das zwar richtig blöd, kann es aber nicht ändern. Das ist wohl Pragmatismus.
Da ist nun Flüssigkeit im Bauch, wo keine hingehört. Die stört und drückt auch, und deshalb komme ich heute unters Messer. Jede Narkose birgt Risiken – mit achtundsechzig Jahren höhere als mit zwanzig Jahren – und Krankenhauskeime kann ich wirklich nicht gebrauchen. Wir alle kennen echte Gruselgeschichten.
Drücken Sie mir also ruhig die Daumen
Drücken Sie mir also ruhig die Daumen. Ich mache das ja auch und bete für andere. Beten Sie doch gerne kurz für mich. Das hilft, ich habe es oft im Leben erfahren. Den Ärzten in der Charité vertraue ich übrigens auch sehr, sehr. Sie sind nicht nur nett, zuvorkommend und gründlich – es sind einfach Profis. Da nehme ich mir für die Hinfahrt glatt ein Taxi. Ich bin halt bequemer und auch älter geworden. Und an Tagen wie diesen möchte ich es ein bisschen einfacher haben.
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Nach der OP geht es dann auf die Wachstation, und zu bequem möchte ich es mir dort nicht machen. Gegen vierzehn Uhr kommt meine Liebste, um mich abzuholen. Ich möchte nämlich schnell wieder nach Hause. Bei aller Hochachtung und meinem Respekt gegenüber den dort tätigen Menschen – auf meinem Sofa fühle ich mich wohler.
Abends trinke ich vielleicht ein kleines Glas Crémant
Schonen soll ich mich danach. Das werde ich machen. Auf ein Stück Aprikosenkuchen mit Maria freue ich mich bereits jetzt – das ist besser als das Krankenhausessen. Abends trinke ich vielleicht ein kleines Glas Crémant. Den bekommt man im Krankenhaus nämlich nie. Das Leben ist nämlich schön. Und sollte auch gefeiert werden. Mehr Zeit für mein Gebet ist dann aber auch. Ich lebe und habe Menschen um mich, die ich sehr liebe, und werde geliebt. Jede Minute mit ihnen ist ein Geschenk, jede Sekunde ist der tägliche Sechser im Lotto. Ich bin Millionär. Danke – Gott!
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Und ich freue mich übrigens auch auf Sie, auf die Kolumne in der kommenden Woche und auf unsere zufälligen Begegnungen im Alltag. Seien Sie behütet und passen Sie auf Ihre Liebsten – und bitte auch auf sich selbst – auf.



