06:18 Uhr: Ich bin ein Kollegenschwein. Die Schicht hat vor 18 Minuten begonnen, und ich hechele aus den nassgeregneten Klamotten: „S-Bahn vor der Nase weggefahren.“ Christian lächelt milde. Er hasst Zuspätkommen, aber mit seinem Pflegepraktikanten ist er gnädig. Die Kollegen haben sich bereits auf die erste Runde gemacht. Jede Minute zählt. Pflegeheim funktioniert wie Lufthansa-Flugplan: Eine einzige Verspätung löst einen verheerenden Dominoeffekt aus.

Christian, 45, ist geprüfter Pfleger, ein freundlicher, reflektierter Mensch, der seit seinem Schlaganfall weiß, wie es ist, auf andere Menschen angewiesen zu sein. Christian idealisiert nicht, er dramatisiert nicht, er macht seine Arbeit, so gut er kann. Seine Einführung ist erschreckend klar: richtig anfassen, keine Hetze, nichts aufschieben, Gefühle im Griff behalten. Wie im normalen Leben also. Klappt bestimmt.

Ich habe schon viel mitgemacht: Klettern im Himalaya, die drei letzten Kanzler interviewt, Drogenkuriere im Knast in Bangkok besucht, eine Familie gegründet, den Bhagwan gesehen, zwei Jahre Elternvertreter, mich von Uli Hoeneß anpfeifen lassen. Vor einem Abenteuer aber habe ich mich 50 Jahre lang gedrückt: Pflegeheim. Die Besuche bei meiner Mutter waren deprimierend genug. Pflege, das hätte ich gern übersprungen.

Mir ist unwohl. Ich fürchte mich vor dem Verfall, dem Leid, der Depression, den Ausscheidungen fremder Menschen und meinen eigenen Empfindungen. Nichts da: Ich will meine Zukunft kennenlernen. Also hinein in die Realität des Vierten Alters: Im Senioren-Domizil Prenzlauer Berg schiebe ich als Praktikant eine Frühschicht, von 6 bis 15 Uhr.

Gefühle kontrollieren

06:29 Uhr: Erste Runde. „Guten Morgen, Herr Schuster.“ Ein Männchen von vielleicht 45 Kilogramm dreht sich Richtung Tür. Herr Schuster lacht, das Sprechen hat er weitgehend eingestellt. Im Nachbarbett liegt Herr Weber, in einer Wolke aus Spirituosendunst. Er grummelt vor sich hin, seit Jahren schon. Zwei alte Männer verdämmern auf weniger als 20 Quadratmetern ihr Restleben. Keine Sentimentalitäten jetzt – Gefühle kontrollieren.

„Erst mal Tetris“, sagt Christian fröhlich und schiebt Betten, Beistelltische und Stühle blitzschnell hin und her, damit wir zu beiden Seiten von Herrn Schusters Bett Platz finden. Herr Schuster freut sich offenbar auf die Morgentoilette. Viele Zähne hat er nicht mehr, die Lippen sind nach innen gefallen, wie bei Methusalix, dem anarchischen Opa aus dem kleinen gallischen Dorf.

Wie ein Unfallspanner auf der Autobahn

Christian wirft einen Blick auf den Urinbeutel, der an der Seite des Betts baumelt. Ich fürchte, der Schlauch führt unter der Bettdecke exakt dorthin, wo ich bestimmt nicht hingucken möchte. „Er hat noch gar nicht gemacht“, meldet Herr Weber. Aha. Gegenseitige Pullerkontrolle plus Petzen.

Als Pfleger entwickelt man schnell ein funktionelles Verhältnis zu Sonden, Kathetern und saugfähigen Unterlagen. Vom Infektionsrisiko her ist es zum Beispiel deutlich gesünder, die Blase durch ein Loch in der Bauchdecke anzuzapfen, statt einen Schlauch durch die Harnröhre zu pressen. „Sonst sind Piercings doch auch kein Problem“, sagt Christian grinsend.

Christian hat eine rote Spielzeugbadewanne mit warmem Seifenwasser gefüllt. Wir ziehen Gummihandschuhe über und bearbeiten mit dem Waschlappen je eine Körperseite: Füße, Waden, Oberschenkel … Christian schlägt die Decke ganz zurück. Der Schlauch führt exakt dorthin, wo ich nicht hingucken wollte, aber nun den Blick nicht abwenden kann. Ich fühle mich wie ein Unfallspanner auf der Autobahn … Becken, Bauch, Oberkörper, Arme.

Jeder Pfleger hat sein Spezialgebiet

„Die Fingernägel müssen mal wieder“, stellt Christian fest. Um die Fingernägel kümmert sich eine Kollegin. Jeder Pfleger hat seine Spezialgebiete. Die eine kann keine Fäkalien sehen, der andere hat Probleme mit Nackten (Nackte übrigens auch mit Pflegern), einige sind besonders einfühlsame Sterbebegleiter, manche geduldige Essensverabreicher, wenige haben die Gelassenheit, sich von garstigen Kandidaten beschimpfen zu lassen.

Herr Schuster gehört zur Kategorie der angenehmen Bewohner. Vorwiegend grunzt er wohlig und lächelt. Er ist Jahrgang 1926, hat den Krieg mitgemacht, in der DDR lange in der Verwaltung gearbeitet und starrt nun überwiegend an die Decke. Müßig, definieren zu wollen, ob er im Wachkoma liegt, dement ist, altersschwach oder eine Art von Locked-in-Syndrom hat. Herr Schuster lebt. Er lächelt, und er muss jeden Morgen gewaschen und gewickelt werden.

„Was bekommt er noch mit?“, frage ich später. Christian lehnt die Frage ab. „Mehr als wir glauben, weniger als wir glauben – wir wissen es nicht. Zeitverschwendung, da rüber nachzudenken. Was hilft es denn, wenn wir vermuten, dass es 20, 50 oder 70 Prozent sind?“

Berührung tut gut

Gefühlskontrolle. Herr Schuster ist nicht zu retten aus seinem Gefängnis, aber wir können sein Dasein einigermaßen würdevoll gestalten; den Mann einfach noch ein paar Tage mitnehmen, da sein, anfassen. „Basale Stimulation“, heißt das, was wir gerade machen. Das Waschen, Umdrehen, jede Berührung gibt Herrn Schuster einen Reiz, der ihm guttut. Lektion gelernt: Der Laie fürchtet, den alten Menschen werde in der Pflege zu wenig Aufmerksamkeit zuteil. Der Profi bewertet jede Handreichung als Gewinn.

Christian prüft die Windel. Leer. Verdauungsprobleme hat so ziemlich jeder Bewohner. Eine Woche lang nicht abführen, das bedeutet eine Qual für alle Beteiligten. Aus Kissen bauen wir eine Brücke, um Druckstellen am Rücken zu vermeiden. Das Wundliegen, der Dekubitus, ist eines der größten Probleme im Pflegealltag. „Wie eine Blase an der Hand vom Schippen“, erklärt Christian.

Herr Schuster genießt. Er hat sich offenbar daran gewöhnt, dass andere Menschen sich um seine Ausscheidungen und Entzündungen kümmern. Der Schlauch führt übrigens 25 Zentimeter tief in die Harnröhre, bis hinter die Prostata, erklärt Christian, der meinen ebenso faszinierten wie erschrockenen Blick bemerkt hat.

Aus dem Nachbarbett klingt trockenes Gemurmel. Hoffentlich müssen wir Herrn Weber nicht auch basal stimulieren. Als wolle er sogar im Schlaf noch schlechte Laune verbreiten, schnarcht Herr Weber wie ein Sägewerk. Der ultimative Überlebenstrick für Mehrbettzimmer bestehe darin, als Erster einzuschlafen, weiß der Opern-Intendant Jürgen Flimm. Seit er nach einem Schlaganfall vorübergehend Pflegefall war, hat der Kulturschaffende gelernt, dass Tage in der Pflege weniger von großen Gefühlen als von kleinen Überlebensstrategien bestimmt werden. Stundenlang wachliegen und aufsteigenden Zorn auf den Mitbewohner zu spüren, das sei verheerend, sagt Flimm. Das Problem: Im Mehrbettzimmer schläft immer nur einer als Erster.

Wer kann mit wem?

Die Pfleger im Senioren-Domizil Prenzlauer Berg stehen vor dem Problem, sehr verschiedene Charaktere möglichst sozialverträglich zu kombinieren. Herr Weber und Herr Schuster repräsentieren die beiden Pole der Seniorenlaune: den Altersmilden und den Grantler. Nur im arithmetischen Mittel ergibt sich daraus ein emotional halbwegs ausgeglichenes Zimmer.

Herr Schuster ist das nette Gesicht der Altenpflege, offenkundig dankbar für jede Aufmerksamkeit. Er greift in die Sprossen, um uns beim Wenden zu helfen und ganz nebenbei zu zeigen, wie fit er noch ist. Christian fordert mich auf, mit Herrn Schuster Armdrücken zu spielen. Kräftiger Griff. „Na, Sie können aber noch zupacken“, sage ich mit gespielter Anerkennung. Christian wird mir später erklären, dass ich solche Komplimente nur verteilen soll, wenn ich sie ernst meine. Mitleid sei eine besonders perfide Form der Altersdiskriminierung, Respekt und Ehrlichkeit wiederum der einzige Weg, den Pflegealltag zu bestehen.

Herr Weber ist das schlechtlaunige Gesicht der Altenpflege. Wie begegnet man einem notorisch Mauligen mit Respekt? „Na, gehen die Vorräte zu Ende?“, fragt Christian und deutet auf die Weinflaschen neben dem Bett von Herrn Weber. Der Mann nickt. Zum Monatsende wird das Taschengeld knapp, der tägliche Pegel aber will gehalten werden. Herr Weber guckt stumm auf den Flachbildschirm. Im ZDF-Morgenmagazin laufen die Fußballmeldungen. Christian schiebt die Möbel an ihren Platz zurück und gibt Herrn Schuster seinen Elektrorasierer. Mit dem Kampf gegen die Stoppeln ist der Mann den halben Vormittag beschäftigt.

Eine Viertelstunde Pflege, zwei Schicksale, der Kopf bereits gefüllt mit Emotionsdurcheinander. Und das war erst der Anfang.

Frau Pagel will nicht

08:49 Uhr: Erster eigenständiger Einsatz: Füttern von Frau Pagel. Sie gilt als ziemlich garstig. Die Pfleger lachen, wenn sie wieder mal „alte Fotze“ ruft.

Theoretisch soll man ja alle Menschen halbwegs mögen, sagt der Humanist. Manche Senioren machen ihren Betreuern die Zuneigung ziemlich schwer. Wer pöbelt, wird einsam werden. Wer seine Familie ein halbes Leben lang verprügelt hat, wird auch im Pflegeheim kein Kuscheltier. Respekt erweisen ist eine harte Pflegeaufgabe.

Heute ist Frau Pagel ruhig. Sie mag den Joghurt, den ich ihr Löffel für Löffel in den Mund schiebe. Nur die Pille drückt sie mit der Zungenspitze immer wieder zurück auf den Löffel, egal wie viel Joghurt ich da rüberdecke. „Na, wir wollen doch unsere Medizin nehmen“, sage ich. Eigentlich will ich nur die Pille in ihrem zahnlosen Mund unterbringen. Frau Pagel guckt abwehrend. Faszinierend, wie eindeutig sich Missfallen und Zustimmung auch bei einem unbekannten Menschen lesen lassen, ganz ohne Worte.

Christian reicht mir das Glas mit Orangensaft. Frau Pagel saugt kräftig am Strohhalm. Süß geht immer. Wieder trojanischer Joghurt mit der Pille darin. Schnell den Löffel an der Oberlippe abgestreift und den Orangensaft hinterher. Geschafft. Jetzt Marmeladenbrot. „Ja, das schmeckt uns aber“, sage ich, glücklich, dass sie widerstandslos das rindenlose Brotstück lutscht. „Orale Stimulation“ heißt diese Dienstleistung.

Die richtige Sprache

08:59 Uhr: Schnelle Hof-Zigarette im Nieselregen. Rauchen im Dienstleistungsgewerbe bedeutet rituelle Pausen. Ich erwarte Lob für meinen geduldigen Frühstückseinsatz bei Frau Pagel. „Füttern kostet echt Nerven“, sage ich. Christian guckt milde kritisch. „Füttern“, sagt er, „füttern gehört in den Zoo.“ Ich verstehe nicht gleich. Christian hilft. „Die Begriffe bestimmen dein Handeln“, erklärt er. „Wenn wir Worte aus der Säuglingssprache oder aus dem Stall gebrauchen, dann betrachten wir die Menschen irgendwann auch als Babys oder Tiere.“ Tatsache. Ohne viel da rüber nachzudenken, bin ich in die Dutzi-Dutzi-Falle getappt: „Schnäbelchen auf, noch ein Löffelchen für Vati, so ist fein!“

Untrügliches Indiz ist das „Pflege-Wir“ – ein wunderbarer Begriff für eine Haltung, die Kümmern vorgibt, aber Verachtung meint. Der Klassiker: Tür auf, kurzer Gruß, dann die Frage des Tages: „Wie geht’s uns denn heute?“ Und: „Jetzt wollen wir mal Zähne putzen.“ Viele Pflegefälle sind hilflos, als Betreuer gleitet man unbewusst in die Rolle des Überlegenen. Wie aber sprechen wir unsere Pflegefälle respektvoll an? Haben wir es mit Kunden zu tun, mit Patienten, mit Hilflosen? Christian hat sich für den Begriff „Bewohner“ entschieden. Das klingt ebenso neutral wie respektvoll. „Wir reichen den Bewohnern das Essen“, das klingt würdevoller als „Wir füttern den alten Zausel.“ Ich werde das Pflege-Wir aus meinem Sprachschatz tilgen. Der Vorsatz hält allerdings nicht mal bis zum Mittag. „Immer wachsam sein“, sagt Christian. Ich bin müde.

Pfleger – Beruf im zweiten Anlauf

09:05 Uhr: Pause. Sechs Pflegekräfte und ich drängeln sich um einen kleinen, runden Resopaltisch. Es ist eng wie in einem U-Boot. Ein Ruheraum, um mal fünf Minuten abzuschalten? Kein Platz. Eine Zigarette auf dem Hof ist Pause genug. Es gibt Stullen, Pulverkaffee, ein paar Kekse, die eine Kollegin für alle mitgebracht hat. Schweigen. Kleine Kommentare zum Tag, eher entspannt heute.

Keiner von ihnen wollte Altenpfleger werden. Dieser Beruf ist ein klassischer zweiter Anlauf, wenn es mit dem ersten Job nicht lief, wenn Arbeitslosigkeit drohte oder Perspektiven fehlten. „Ich kratze doch alten Knackern nicht die Scheiße aus dem Hintern“, lautet die klassische Reaktion vieler Menschen. Sie alle kennen diesen Spruch. Aber warum eigentlich nicht? Wer Kinder aufgezogen hat, ist im Umgang mit Exkrementen halbwegs abgehärtet, auch wenn die Kruste manchmal den halben Rücken hoch klebt. Der Kot steht womöglich für ein anderes Problem. Pflege heißt Konfrontation mit sich selbst, mit tief sitzenden Ängsten, mit der Furcht vor Verfall und Autonomieverlust. Wer pflegt, braucht starke Nerven oder intensive eigene Erfahrungen.

Christian war 34, als ihn der Schlag traf. Bis dahin führte er eine kleine Firma. Nach dem Schlaganfall war alles anders. Er kam zwar wieder halbwegs auf die Beine, aber der alte Schwung war weg. Selbstmitleid, Hartz IV, schleichende Verwahrlosung. Mit 38 stand Christian an einer großen Gabelung seines Lebens: Tankstellenschnaps und Opfersein auf Staatskosten oder noch mal Attacke.

Aufgeben oder aufraffen

Christian erhob sich zum Angriff. Drei Jahre Ausbildung, wovon das Arbeitsamt nur zwei bezahlt. Mag der Staat den Pflegenotstand erkennen, so gibt es doch wenig Anzeichen dafür, dass dieses Problem auch konsequent angegangen wird. Stattdessen werden Arbeitssuchende in Schnellkursen zu Pflegehelfern ausgebildet, 200-Stunden-Kurse für 500 bis 2000 Euro, die das Arbeitsamt bezahlt.

Allein das Durchstehen der schlecht bezahlten Lehrzeit zum staatlich geprüften Altenhelfer ist eine gewaltige Prüfung, von Anerkennungskultur keine Spur. Christian hat durchgehalten. Und er ist angekommen in seiner neuen Arbeit. Er nimmt seine Aufgabe ernst, kein bisschen berufsbedingter Zynismus, der viele andere Branchen beherrscht.

Die Arbeitszeiten sind berechenbar, das Senioren-Domizil Prenzlauer Berg gilt als angenehme Arbeitsstätte, die Kollegen sind okay, der Lohn ist nicht üppig, kommt aber pünktlich. Im allerbesten Fall verdient ein Altenpfleger 2500 Euro brutto, oft sind es weniger als 2000, womit Fernreisen, Auto, Flachbildschirm zum schwer erreichbaren Luxus gehören. Immerhin: Die Nachfrage nach examinierten Altenpflegern wie Christian ist immens, innerhalb von 24 Stunden hätte jeder am Tisch einen neuen Job. Die Fluktuation ist zugleich beträchtlich: Zwei von drei Pflegern möchten nicht in dem Haus wohnen, in dem sie selbst arbeiten, ergab eine Umfrage des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen.

„Arme Sau“ – so hören sie es immer wieder von Bekannten. Kann man so sehen. Andererseits haben Deutschlands Pflegekräfte dem Rest der Bevölkerung ein paar Erkenntnisse voraus: Wer pflegt, der weiß, was im Dritten und Vierten Alter möglich ist und was nicht. „Du verlierst viele Ängste“, sagt Christian. Dafür gibt es ein paar neue. Vor der eigenen Familie zum Beispiel, die die Pflegekosten möglichst niedrig halten will, um das spätere Erbe zu erhalten.

Der Faust wird rezitiert

09:38 Uhr: Frau Walter sitzt senkrecht im Bett. Sie liest konzentriert, mit einem Bleistift in der Hand. Fast sieht es aus, als lerne sie eine Rolle. Früher war sie Schauspielerin, hat mit Heiner Müller gearbeitet, kennt Claus Peymann, war im Team des Berliner Ensembles, das sie wie alle Schauspieler „Angsambel“ nennt. Sie ist eine zierliche, gleichwohl energische Person. Christian beginnt die ersten Worte von Goethes Osterspaziergang: „Vom Eise befreit sind Strom und Bäche durch des Frühlings holden belebenden Blick, im Tale grünet Hoffnungsglück …“ Frau Walter fällt ein und bringt das Gedicht nahezu fehlerfrei zu Ende. Stolzer Blick. Bald werde sie wieder auf der Bühne stehen, sagt sie. Jetzt gerade allerdings fühle sie sich etwas schwach. „Tolle Frau“, sagt Christian im Rausgehen. Frau Walter liest weiter.

09:54 Uhr: Verschwörerisch lockt mich Christian in einen leeren Raum, keine Betten, keine Bewohner, stattdessen die Einrichtung eines evangelischen Jugendheims der Achtzigerjahre: Matratze, Kerze, Diskokugel, Leuchtsterne an der Decke, eine Stereoanlage. Der „Snoezel“-Raum wurde in Holland erfunden. Die Idee: Statt immer neuer teurer Gerätschaften und Bespaßungstechnologie brauchen Bewohner eines Pflegeheims eine vertraute, warme Umgebung, ein bisschen Musik, das Bild einer Strandlandschaft an der Wand und ein paar vertraute Menschen um sich. Niederländisch „snoezelen“ ist eine Wortschöpfung aus „schnüffeln“ und „schlummern“, neudeutsch „chillen“. Hier herrscht kein therapeutischer Überbau, kein wissenschaftliches Konzept, sondern einfach nur Entspanntheit. „Können wir Pfleger auch nutzen“, sagt Christian. Wie oft kommt das vor? Praktisch nie. Keine Zeit.

Unangemeldete Kontrolle

11:07 Uhr: Aufregung. Die Hygienekontrolle ist erschienen, natürlich unangemeldet. Frau Wiesner-Andersch, die herzlich-resolute Heimleiterin, bleibt entspannt. „Die finden immer was“, weiß sie. Und das sei auch gut so. Überraschende Kontrollen halten ihr Team wach. Diesmal lag ein fettiger Topfdeckel in der Spüle, keine Katastrophe, aber eben doch ein Verstoß. „Abspülen, weitermachen“, sagt die Chefin. Sie ist eine Meisterin des Machbaren, die dem Betreiber des Heims tapfer die Personalkosten darlegt und abtrotzt: 52 Mitarbeiter auf 86 Bewohner, damit liegt ihr Haus über dem gesetzlich geforderten Schnitt. In anderen Heimen dienen täglich andere Leasingkräfte. Pflegeheime sind oft Renditeobjekte, Investitionen aber killen Rendite. Eine eigene Küche wäre toll, sagt die Chefin, aber das Geld für Umbau und Personal ist nicht drin. Also gibt es weiter Eintopf aus der Großküche. Genießbar, man wird nicht krank davon, man kann sogar Bestandteile erkennen, zumindest die Karotte.

Das Essen ist ein variabler Kostenposten, der schnellen Gewinn verspricht. Wer statt der gängigen fünf Euro pro Mensch pro Tag 50 Cent weniger ausgibt, kommt bei 1000 Bewohnern auf ein Plus von 500 Euro am Tag, 15.000 Euro im Monat, 180.000 im Jahr. Da lacht der Investor. Klar, dass Problempatienten nach der Logik des Marktes am wenigsten Personal brauchen, wenn sie ruhig sind. Etwa eine Viertelmillion Demenzkranker wird in Deutschland dauerhaft pharmazeutisch sediert.

Essen bestimmt den Tag

12:16 Uhr: Zweite Zigarettenpause, immer noch Nieselregen. Die Pflegerinnen und Pfleger haben keinen richtigen Arbeitsplatz, sondern allenfalls Aufenthaltsorte: den Schreibtisch mit den Ordnern, die Küche mit dem runden Tisch, die Raucherecke im Hof, den Flur, die Zimmer. Lässt man die Emotionen mal beiseite, gibt es in diesem Beruf vor allem eines – keine Pause. Dauernd dieses Gefühl, da wartet noch eine Aufgabe, ein Mensch, eine Pflicht, ein Dokument. 7 Uhr Waschen, 8 Uhr Frühstück, 9.30 Uhr Zwischenmahlzeit, 12 Uhr Mittag, 14.30 Uhr Kaffee und Kuchen, 18 Uhr Abendbrot, 21 Uhr Spätmahlzeit. Das Essen bestimmt den Tag, zwischendurch gibt es Pillen oder Waschlappen. Baden ist nur einmal die Woche drin. Alles dokumentieren. Und dann wieder von vorn. Hinzu kommen allerlei Aktivitäten, die Abwechslung und Aufregung in den Alltag bringen sollen: das Sportfest mit Besuch der Gärtnerei, der Therapie-Hund, Massage, Gymnastik, Spieleabend, Vorlesen.

Die wichtigste Fähigkeit für das Personal: selbst die kleinsten Aufgaben sofort zu Ende bringen. Niemals denken, erst recht nicht sagen: Das machen wir gleich, später, nachher. Eine harte Aufgabe, wenn man nur zwei Minuten Zeit hat für Frau Walter, die unbedingt noch eine Geschichte loswerden will und unendlich traurig guckt, wenn man wieder geht. Jetzt kein schlechtes Gewissen entwickeln und sich auf keinen Fall emotional „kolonialisieren“ lassen. Sondern Klinke drücken, ein abschließendes „Schönen Tag noch“ und raus zur nächsten Aufgabe.

Kein gleich, kein später

Gute Pfleger haben die Mentalität eines Dieselmotors: entspannte Zügigkeit. So nehmen sie sich und den Bewohnern das Hetze-Gefühl: ankommen, begrüßen, Aufgabe ankündigen, erledigen, verabschieden, gehen. Die perfekte Zen-Übung: Hier und Jetzt und fertig. Präsent sein, da sein, kein Gleich oder Später.

Wie geht das? Mit sehr einfachen Tricks: Es sich bequem machen, sich so hinstellen oder -setzen, dass kein Arm übers ganze Bett reichen oder ein Knie auf die Kante gesetzt werden muss. Fühlt sich der Pfleger wohl, geht’s dem Bewohner wahrscheinlich auch halbwegs gut.

„Man muss Menschen mögen, darf sie aber keinesfalls mit nach Hause nehmen wollen“, sagt Christian. Die Kunst des Abgrenzens wird in der Fortbildung immer wieder gepredigt, freundliche Professionalität wie im Hotel-Restaurant, nicht aus emotionaler Kälte, sondern als Selbstschutz.

Ich ahne, warum Burn-out bei Pflegekräften ein gewaltiges Thema ist. Christian und seine Kollegen kümmern sich in einer Neun-Stunden-Schicht zu dritt um dreißig Bewohner. „Stell dich nicht so an“, war früher das Pflege-Mantra. Aber die Kollateralschäden des Verdrängens sind immens. Wer steckt schon so locker weg, dass Frau Riedel laut heult, weil die Schicht ihres Lieblingspflegers zu Ende geht? Belastendes muss verarbeitet werden, Abgrenzen ist eine Überlebensstrategie. Ja, es geht um Achtsamkeit, sich und anderen gegenüber, dieses in Intellektuellenkreisen so gern verspottete Wort. „Mit Zynismus kommst du nicht bis zur Rente“, weiß Christian. Zumal der Job noch härter werden dürfte. Bis zum Jahre 2020 fehlen etwa 200.000 Pflegekräfte in Deutschland.

Pflegeroboter schon im Test

Noch ist der Markt gerecht, Heime mit lausigem Personal stehen zur Hälfte leer. Bisweilen machen Häuser mit schlechtem Ruf sogar dicht oder werden grundlegend erneuert. Doch Rationalisierung wird unter dem Druck von demografiebedingter Knappheit kaum aufzuhalten sein. Die 30-Tage-Windel ist bereits erfunden, erste Tests mit Pflegerobotern laufen.

Die Industrialisierung von Pflege ist das nächste große Ding. Erste Studien erbringen, dass sprachgesteuerte Vollautomaten mehr Herzlichkeit verbreiten als Leichtlohn-Leasingkräfte und dass Demenzpatienten auf kulleräugige Plüschpuppen ausgesprochen positiv reagieren.

Natürlich geht es wieder um Geld. Im Demografiebericht der Bundesregierung heißt es: „Die Pflegeversicherung ist als Kernsicherungssystem konzipiert. Einen Teil der Kosten tragen die Pflegebedürftigen oder ihre Familien selbst. Eine vollständige Abdeckung aller Pflegeleistungen würde die Leistungsfähigkeit der Solidargemeinschaft übersteigen.“ Was vergessen wurde: Das Personal trägt seinen Teil zur Kostendeckung bei, durch oftmals lausige Löhne.

Die Ehefrau konnte nicht mehr

13:12 Uhr: Auf dem Flur begegnen wir Frau Friedrich. Sie wohnt gleich um die Ecke und ist jeden Tag hier, um ihren Mann zu besuchen. Frau Friedrich ist eine schlanke, ernste Frau, sehr klar, sehr müde. Als die Mauer fiel, bekam ihr Mann einen Schlaganfall. Alle Pläne von Reisen und Entdecken waren dahin. Herr Friedrich konnte nicht mehr sprechen, hat keine Zahlen mehr erkannt, nicht mal mehr die eigene Wohnung.

Über zwanzig Jahre hat Frau Friedrich seither ihren Mann gepflegt – gewaschen, angezogen, in den Rollstuhl gewuchtet und abends wieder zurück – und parallel noch gearbeitet, für die eigene Rente. Jeden Tag.

Frau Friedrich gehört zu den unzähligen stillen Helden im Land, die klaglos ihr Schicksal annehmen, ohne viel Geld, unter weitgehender Aufgabe eigener Bedürfnisse. Bange Frage: Würde ich das auch schaffen, zwanzig Jahre lang? Würde das jemand für mich machen?

Eines Tages war es dann so weit: Frau Friedrich konnte nicht mehr. Sie hat sich ein Dutzend Häuser angeguckt und dann das Heim im Kiez ausgewählt, das diesen spezifisch ostigen Charme von pragmatischem Miteinander verbreitet.

Wenn Frau Friedrich gegangen ist, rollt ihr Mann wortlos und sehr langsam die Flure entlang, als suche er sie. Er parkt am Ausgang, dort, wo er sie zum letzten Mal gesehen hat.

Was kostet Pflege?

13:48 Uhr: Zu den großen Missverständnissen in der Altenpflege gehört die romantische Idee von der treusorgenden Familie. Sicher, es gibt Menschen wie Frau Friedrich oder die Töchter von Frau Pagel und Frau Riedel, die fast jeden Tag vorbeischauen, und sei es auf einen schnellen Kaffee. Aber es gibt auch die anderen, die Gleichgültigen und die Gierigen.

Ganz emotionslos betrachtet, kostet jeder Tag im Heim Geld. Der Monatsaufwand setzt sich zusammen aus Kosten für Wohnen und Essen, also die Vollpension. Hinzu kommt die Pflegeleistung von Stufe I (etwa 1000 Euro) bis Stufe III (Härtefall fast 2000 Euro), die vom Medizinischen Dienst der Krankenkassen eingeteilt wird. Alkoholiker sind die überschaubarsten Fälle, Pflegestufe I. Sie können vieles selbst erledigen, die Kosten übernimmt zuverlässig das Sozialamt, Taschengeld wird meistens vom Betreuer ausgezahlt und geht drauf für billigen Sprit. Die billigsten Bewohner kosten etwa 2000 Euro im Monat, die teuersten das Doppelte.

Bei der Finanzierung sind die Behörden so hart wie bei der Hartz-Regelung. Erst wenn alle Ersparnisse und Vermögenswerte wie das Auto aufgebraucht sind, springt die Staatskasse ein und zahlt die Differenz zwischen Rente plus Pflegesatz und tatsächlichen Kosten.

Wer mit der pflegebedürftigen Oma Geld verdienen will, der pflegt zu Hause; dann bleibt das Vermögen quasi in der Familie. Je höher die Pflegestufe, desto höher das Einkommen der Pflegenden. Die künstliche Ernährung per Magensonde zum Beispiel gibt es nur als Pflegestufe II, weil das zeitaufwendige Essenreichen wegfällt. Demenz wiederum bedeutet laut Paragraph 87b des Sozialgesetzbuches einen Zuschuss, ebenso der Nachweis von erhöhtem IKM-Aufwand. » IKM« steht für Inkontinenzmaterial. Es gibt also ein wirtschaftliches Interesse, die Oma dem beurteilenden Mediziner möglichst inkontinent und dement zu präsentieren.

Grauzone private Pflege

Mag es in deutschen Heimen viele Pflegeskandale geben, in deutschen Familien dürften die Dramen keinen Deut geringer ausfallen. Rein wirtschaftlich betrachtet bedeutet das zeitige Ableben einen geldwerten Vorteil für die Hinterbliebenen. Erweist sich der Senior als zäh, lässt sich zumindest beim Taschengeld noch was drehen. 200 Euro Selbstbehalt sind üblich, für tägliche Ausgaben wie Drogerieartikel, Zeitung, ein Stück Kuchen. Manche Bewohner im Senioren-Domizil Prenzlauer Berg müssen mit 30 Euro im Monat zurechtkommen, mehr rückt die Familie nicht raus.

„Ich möchte später mal einen amtlichen Betreuer“, sagt Christian. Er hat zu viel familiäres Elend bei den Bewohnern miterlebt. Der Betreuer verwaltet das Geld nach Rücksprache mit dem Bewohner, spart oder zahlt aus. Betreuer sind transparent, rechenschaftspflichtig und wohltuend emotionslos. Das Pflegepersonal wiederum hat mit den Finanzen der Bewohner nichts zu tun. Maximal fünf Euro Trinkgeld sind erlaubt. Dass Pfleger im letzten Moment als Erben eingesetzt werden, kommt vor, aber etwa so oft wie ein Lottogewinn. Warum nur? Beim Pflegepersonal weiß man wenigstens, wofür sie belohnt werden.

15:12 Uhr: Schichtende. Christian sagt, ich sei eine Hilfe gewesen. Er wird jetzt einkaufen, nach Hause gehen, etwas essen, etwas fernsehen und dann ins Bett. Morgen um fünf muss er wieder raus.

Ich stehe allein im Nieselregen, die Bilder des Vormittags rasen durchs Hirn: die Schläuche, der Eintopf, Menschen in Rollstühlen, schweigend, traurig, verwirrt. Und dazwischen eine Handvoll Pfleger, die jeden Tag aufs Neue Lebensenden begleiten. Abgrenzen, hat Christian gesagt.

Auszug aus dem Buch: „Restlaufzeit. Wie ein gutes, lustiges und bezahlbares Leben im Alter gelingen kann“ von Hajo Schumacher, 288 S., Eichborn, 19,99 Euro.