In Pankow-Niederschönhausen wurde am Freitag ein Denkzeichen für die Mediziner Ingeborg Rapoport und Samuel Mitja Rapoport eingeweiht. Die Stele entstand im Auftrag der bezirklichen Gedenktafelkommission. Die umgebende Grünanlage „Intelligenzberg“ wurde 2025 in Rapoport-Park umbenannt.

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Das Ehepaar Rapoport prägte jahrzehntelang die Neugeborenen-Station an der Charité Berlin. Das außergewöhnliche Leben von Inge Rapoport war die Inspirationsquelle für eine Figur in der TV-Serie „Charité“ und war auch Gegenstand des Dokumentarfilms „Die Rapoports – Unsere drei Leben“.

Zweimal auf der Flucht – vor den Nazis und der Kommunisten-Jagd
„Meine ersten drei Leben“ hießen auch die Lebenserinnerungen von Inge Rapoport. Tatsächlich musste die Medizinerin insgesamt drei Mal quasi bei Null anfangen. Ingeborg Rapoport (1912–2017), geborene Syllm, wuchs in Hamburg auf und studierte Medizin. Wegen der nationalsozialistischen Rassengesetze wurde ihr 1938 die Verteidigung ihrer Doktorarbeit verweigert. Sie emigrierte in die USA, studierte dort erneut Medizin und spezialisierte sich auf Kinderheilkunde.

Im zweiten Leben in den USA lernte Inge Rapoport ihren Ehemann Mitja kennen. Mitja Rapoport erhielt 1948 für seine Forschungsleistungen zur Verbesserung der Blutkonservierung das „Certificate of Merit“, eine der höchsten militärischen Auszeichnungen der USA. In der McCarthy-Ära wurden beide dort jedoch als überzeugte Kommunisten verfolgt. Samuel Mitja Rapoport kehrte von einem Kongress in der Schweiz nicht in die USA zurück. Ingeborg Rapoport folgte ihm mit den vier Kindern nach Europa. Erst im dritten Leben konnte das Paar ohne Verfolgung leben: als angesehene Ärzte und Forscher an der Charité in der damaligen DDR.
Meilensteine der Biochemie: Mitja Rapoport
Samuel Mitja Rapoport leitete von 1952 bis 1978 das wiederaufgebaute Institut für Physiologische Chemie der Humboldt-Universität. Nach Angaben des Bezirksamts wurde er zu einem der bedeutendsten Biochemiker seiner Zeit. Durch seine Arbeiten konnte die Lagerfähigkeit von Vollblutkonserven von einer auf drei Wochen verdreifacht werden. Er war Mitglied der Akademie der Wissenschaften und Nationalpreisträger der DDR. Zudem wurde er 1993 erster Präsident der Leibniz-Sozietät der Wissenschaften zu Berlin.
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Forscherpaar lebte in Niederschönhausen
1952 hatte die Familie ein Angebot aus der DDR angenommen und ein Wohnhaus in der Kuckhoffstraße 45 bezogen, direkt am heutigen Rapoport-Park. Dort lebte die Familie 65 Jahre, bevor das Haus abgerissen wurde. In Niederschönhausen hatten sich einst DDR-Siedlungen „für die schaffende Intelligenz, für Wissenschaftler, Künstler und Intellektuelle aus dem Exil“ befunden, wie der ehemalige Direktor des Museums Pankow, Bernt Roder berichtete.

Die Rapoports prägten nach Angaben des Pankower Bildungsvereins Helle Panke mit ihren Forschungsleistungen, ihrem Selbstverständnis als Wissenschaftler, Ärzte und Lehrer und ihrem Bekenntnis zum Sozialismus das akademische Leben in der DDR. Sie seien Vorbild und Mentoren für viele Ärzte gewesen und hätten eine große Zahl erfolgreicher Schüler hervorgebracht.
Besser spät als nie: die Promotion mit 102
Ingeborg Rapoport habilitierte an der Charité und erhielt 1969 den ersten Lehrstuhl für Neonatologie in Europa. Als Neugeborenenforscherin war sie maßgeblich an der Senkung der Säuglingssterblichkeit beteiligt. Internationales Aufsehen erregte 2015 die nachträgliche Promotion von Ingeborg Rapoport an der Universität Hamburg. Sie war 102 Jahre alt. 77 Jahre zuvor hatte ihr dieselbe Universität als „jüdischem Mischling“ die Teilnahme an der mündlichen Abschlussprüfung verweigert.
Inge und Mitja Rapoport: Eine Lebens-Liebe
Ein Dokumentarfilm erzählte 2003 das Leben der beiden. Im Film äußern sich Freunde, Weggefährten und die Kinder der Rapoports. Auch der amerikanische Folksänger Pete Seeger kommt zu Wort, dessen Musik das Paar über Jahrzehnte begleitet hat. Der Film erzählt auch von einer großen Liebe: Mit über 90 Jahren wirkten die beiden, als seien sie noch immer frisch verliebt.
Der Vorsitzende der Rapoport-Gesellschaft, Heinrich Niemann, wusste ein paar Anekdoten zu berichten: So soll Inge Rapoport gesagt haben, dass ihr Ehemann vor der Eheschließung klare Prioritäten festlegte: „Zuerst kommt für mich der Sozialismus, dann die Wissenschaft, dann du.“ Mitja und Inge Rapoport schlossen 1946 in den USA den Bund fürs Leben. Neben der Wissenschaft verband die beiden noch ein anderer Kampf: die Ächtung und Abschaffung von Atomwaffen. 1982 wurde Mitja Rapoport Gründungsvorsitzender der DDR-Sektion der Internationalen Ärztebewegung gegen den Nuklearkrieg (IPPNW).
Großer Andrang bei Denkzeichen-Enthüllung
Zur Enthüllung des Denkzeichens am Rapoport-Park in Pankow kamen nicht nur ehemalige Schüler, Patienten und Freunde des Mediziner-Ehepaares, sondern auch Matthias David, geschäftsführender Gynäkologie-Oberarzt an der Berliner Charité (CVK), sowie drei der vier Nachkommen: Susan Richter, Tom Rapoport (Professor der Harvard Medical School) und Lisa Lange. Ein weiterer Sohn, der Mathematiker „Mikey“ Rapoport, befand sich auf dem Weg nach China.

Zellbiologie-Forscher Tom Rapoport flog für den Denkzeichen-Event extra aus Boston nach Berlin. Er bezeichnete seine Eltern in seiner Ansprache demütig als „beinahe unerreichbare Vorbilder“. Die Töchter erinnern sich daran, dass beide Eltern ihr Leben lang beseelt waren von ihrer Arbeit. Doch der Sonntag gehörte „ganz der Familie und dem Familienrat“.





