Gefährliche Keime

Wie die Berliner Charité ihre Frühchen schützt

Der Tod von Frühgeborenen in einem Bremer Krankenhaus ist auch an den Berliner Kliniken nicht spurlos vorbeigegangen. Mit Maßnahmen wie einer Hygiene-Kommission oder präventiven Blutabnahmen versucht die Charité, gegen gefährliche Keime anzukommen.

Foto: Amin Akhtar

Der Tod der Babys auf der Frühgeborenen-Station in der Klinik Bremen-Mitte hat auch in Berlin für Bestürzung gesorgt und unter Eltern und Experten eine Debatte über Klinikkeime ausgelöst.

„Gefährliche Keime sind nie hundertprozentig auszuschließen, sie werden von außen von neuen Patienten oder Eltern in die Station hineingetragen“, sagt Professor Christoph Bührer, Leiter der Neonatalen Klinik der Charité. Deshalb müssen die Hygiene-Standards auf der Frühgeborenen-Station besonders hoch sein. Wie es in Bremen zu den wiederholten Infektionen mit dem Darmkeim kommen konnte, kann er sich nicht erklären.

In der Klinik Bremen-Mitte sind jetzt zum zweiten Mal Babys gestorben, nachdem resistente Darmbakterien aufgetaucht sind. Wochenlang war die Intensivstation für Früh- und Neugeborene zuvor geschlossen worden. Sie wurde umfassend desinfiziert sowie umgebaut und im Januar wieder eröffnet. Trotzdem ist der gefährliche Erreger, an dem im vergangenen Jahr bereits drei Frühchen gestorben sind, wieder da. Die Gesundheitssenatorin von Bremen, Renate Jürgens-Pieper (SPD), reagierte am Mittwoch mit der Schließung der Station. Ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss will die Vorgänge aufklären.

Sehr strenge Vorschriften

Auf der Frühchen-Station der Charité am Virchow-Campus in Wedding gehen Mitarbeiter und Eltern routiniert ihren strengen Hygiene-Vorschriften nach. Hier muss jeder Besucher klingeln. Gleich hinter der Tür warnt ein großer gelb-schwarzer Bodenaufkleber, dass das Weitergehen nur nach der Händedesinfektion erlaubt ist.

Die Mütter, die sich hier um ihre Babys kümmern, wissen genau, was sie zu tun haben. „Sie gehören bei uns zum Team“, sagt Bührer. Gleich neben dem Eingang legen sie ihre Garderobe ab, schließen Taschen und Jacken ein und desinfizieren sich gründlich die Hände. Über dem Spiegel steht eine Anleitung in mehreren Sprachen, wie genau die Hände mit der alkoholischen Lösung eingerieben werden müssen. „Es klingt simpel, aber saubere Hände sind die wichtigste Maßnahme im Kampf gegen Keime“, sagt Bührer. „Die Keime fliegen nicht durch die Luft, sie werden in der Regel über die Hände übertragen“.

Die Atmosphäre ist ruhig. Aufregung nach den neuesten Katastrophenmeldungen aus Bremen gebe es hier unter den Eltern nicht, so der Mediziner. Sie würden ja jeden Tag am eigenen Leib und bei den Mitarbeitern erleben, wie genau die Hygienevorschriften hier genommen werden.

Schon Ungeborene werden überprüft

Ganz spurlos gehen die Vorgänge in Bremen jedoch auch nicht an den Berliner Kliniken vorüber. Schon nach den ersten Meldungen aus der Bremer Klinik über die multiresistenten Darmkeime im Herbst vergangenen Jahres habe an der Charité eine Hygiene-Kommission getagt.

Die Überprüfung der Patienten auf Keime sei damals intensiviert worden, sagt Professor Christoph Bührer. Nicht nur die Neugeborenen, sondern auch die Schwangeren, bei denen absehbar ist, dass ihre Kinder auf die Station für Frühgeborene kommen werden, seien bereits vorab auf Keime untersucht worden. Patienten, die „besiedelt“ sind, wie es die Mediziner ausdrücken, müssen in einem gesondertes Zimmer untergebracht werden, das von Besuchern, Ärzten und Schwestern nur mit Schutzkleidung betreten werden darf.

„Die Klinik für Neonatologie ist in der gesamten Charité die Station mit dem höchsten Verbrauch an Desinfektionsmitteln“, erzählt Bührer nicht ohne Stolz. Sparsamkeit ist auf diesem Gebiet nicht angebracht. Vor jedem Patienten-Zimmer ist ein Spender installiert worden, der vor Betreten des Raums vom Personal ganz automatisch genutzt wird. Das sei in den vergangenen Jahren einfach in Fleisch und Blut übergegangen, so Bührer.

Dabei seien Keime eigentlich viel mehr ein Problem der allgemeinen Intensivstationen. Nach Schätzungen der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaus-Hygiene ziehen sich jährlich rund 600.000 Patienten während eines Krankenhausaufenthalts Infektionen durch Keime zu. Etwa 15.000 von ihnen sterben an den Folgen.

Ein besonderes Problem ist der Krankenhauskeim mit der Abkürzung MRSA. Er ist multiresistent, das heißt, er ist mit herkömmlichen Antibiotika nicht zu bekämpfen. Laut Gesellschaft für Krankenhaus-Hygiene hat sich dieser Erreger seit den 90er-Jahren in den Krankenhäusern versechstfach.

Die Präventionsmaßnahmen sind keine anderen als vor allen anderen Keimen auch. Neben der Hygiene gibt es an der Charité aber noch andere Methoden, die das Leben der Frühchen besonders schützen sollen. „Wir bemühen uns, so selten wie möglich invasiv zu arbeiten“, sagt Klinikleiter Bührer. Häufig könnten beispielsweise Blutabnahmen auch durch genaue Beobachtungen ersetzt werden. Das erfordere gut geschultes Personal mit viel Erfahrung.

„Trotz aller Hygienemaßnahmen kommt es vor, dass Kinder Infektionen bekommen“, sagt Bührer. Wichtig sei es dann, sie rechtzeitig zu erkennen und richtig zu handeln. Die Ärzte müssten auf feinste Anzeichen sofort reagieren. Ein Zögern könnte gerade für Frühgeborene tödlich sein. „Wir behandeln bei jedem Verdacht auf eine Infektion“, so Bührer. Wenn sich der Verdacht nicht bestätigen sollte, werde die Behandlung wieder abgebrochen.