Diesmal ohne Fahrrad. Diesmal ohne Geld. Nur mit Wanderschuhen, einem Rucksack voller Proviant und einer Portion an Optimismus, die sich nicht wiegen lässt: So wollte Sven Marx von der Ostseeküste bis nach Oberbayern laufen. So ging er auf eine Tour, die ihm alles abverlangt – und dabei das Gefühl gibt, dass sein eiserner Wille stärker ist als der Tumor im Kopf. An einem Sommermorgen im Juli brach Sven Marx in Rostock auf, um Anfang September in Garmisch-Partenkirchen anzukommen. Vom Ostseehafen bis zum Fuß der Alpen durchzuhalten, am anderen Ende der gepunkteten Linie bei Google Maps ins Ziel zu laufen – das war sein Ziel. 880 Kilometer liegen zwischen Start und Zielpunkt. Nicht mit dem Auto, nicht mit der Bahn. Sondern zu Fuß.

Donnerstag
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Ein kurviger Weg auf dem Bildschirm eines Smartphones entfachte in Sven Marx aus Berlin-Pankow einen Ehrgeiz, der ihn Hunger, Durst und Krankheit vergessen ließ. „Sven Globetrotter“ nennt sich der 58-jährige Überlebenskämpfer seit seiner ersten unglaublichen Tour. 2015 reiste Marx mit einem Fahrrad um die Welt. 32.000 Kilometer in 17 Monaten im Sattel auf ganz großer Tour über Sibirien, Australien, Mexiko und Kanada. Es war das erste Mal, dass ihm gelang, worum es seit Diagnose der Krebserkrankung und einer Operation im Jahre 2009 immer wieder ging: „Das Rennen gegen mich selbst. Das will ich gewinnen.“
Ohne Geld zu Fuß von Rostock bis Garmisch – Krebs als stiller Begleiter

So bezeichnet der Überlebenskämpfer den Anreiz für kühne Reisen. Sein früheres Leben als Tauchlehrer ließ er hinter sich, stellte sein Schicksal in den vergangenen 16 Jahren ganz ins Zeichen der Selbstbehauptung. Einen Teil des Tumors im Kopf konnten Ärzte nicht entfernen – die Krankheit ist Marx‘ stiller Begleiter. Weil ihm Radfahren nach der Operation am Kopf leichter fiel als gehen, wählte der Familienvater das Velo als Vehikel für eine neue Lebensphase.
Und als er den Triumph der Weltrundfahrt mit Tumor im Hirnstamm von 2015 noch toppen wollte, wagte er sich 2020 an eine Fahrt zu den Paralympics in Japan mit einem Tandemfahrrad – an der Seite eines Blinden. Als Polen die Grenzen bei Ausbruch der Corona-Pandemie schloss, fand diese Tour aber ein jähes Ende.
„Jeden Tag wollte ich zu Fuß einen Halbmarathon schaffen“
Jetzt, im Sommer 2025, ein neuer Wettkampf mit neuer Idee: eine Extrem-Tour zu Fuß. Wie es zu dieser Entscheidung kam? „Vom Laufen bekam ich immer Muskelkater. Und irgendwann sagte ich mir: Das will ich überwinden. Ich will den Muskelkater bezwingen.“
Diese Bezwingung, die Sven Marx ab dem 24. Juli bei seinem Aufbruch in Rostock versuchte, sie hatte es in sich. „Jeden Tag wollte ich zu Fuß etwa einen Halbmarathon schaffen“, beschreibt er das selbst gesteckte Ziel. Mit einiger Übung hatte er es dahin gebracht, dass nicht nach vier Kilometer die Erschöpfung der Muskulatur eintrat, sondern erst nach einem Tagesmarsch mit vollem Rucksack – nach über 20 Kilometern Wanderschaft.
Fans suchten den Extrem-Wanderer im Funkloch – und trugen seinen Rucksack
Das Portemonnaie war leer – um den Schwierigkeitsgrad zu steigern. Ohne Geld so weit wandern, wie die Füße einen tragen, darum ging es bei diesem Trip im Zeichen der Selbstbezwingung. Wenn Marx essen wollte, bat er darum am Wegesrand. Bei Youtube ließ der Globetrotter Fans am Deutschland-Marsch nach Garmisch teilhaben. Treue Unterstützer besuchten ihn an der Strecke. Sie fanden ihn im Funkloch an mecklenburgischen Straßen. Sie gaben ihm zu essen und zu trinken, boten Hilfe an, schenkten neuen Mut. Von Ende Juli bis in den August lief es glänzend. Trotz Regengüssen und sengender Hitze stimmte das Tagespensum. Marx hielt Kurs. Sechs Tage pro Woche laufen, einen Tag ruhen, bis zum 4. September in Garmisch ankommen – das war der Plan. Das schien mit jedem Wegstück ein Stückchen realistischer.
Über Online-Kanäle warb der Deutschlandwanderer Spenden ein für eine Aktion, die Blinde unterstützt, sammelte mit einer Charity-Aktion Kilometergeld für Sehbehinderte. „Manchmal gingen Leute ein Stück mit mir mit, nahmen mir den schweren Rucksack ab. Die Kilometer haben gestimmt. Es lief perfekt. Ich war siegesgewiss“, erinnert sich Marx an seinem Küchentisch daheim in Weißensee.
Schmerz zu stark: Abbruch bei 420 von 880 Kilometern
Denn nach Garmisch hat er es leider nicht geschafft. So überraschend erfolgreich der Gewaltmarsch im Nordosten Deutschlands begann, so plötzlich kam jetzt das Ende. Bei Kilometer 420 von 880 war Schluss. Wo Thüringen an Bayern grenzt, gab es kein Weiter mehr. Beim Ausruhen im Schatten schoss der Schmerz scharf in seinen Rücken. „Da ging es nur noch auf allen Vieren“, beschreibt Marx den Punkt, an dem der Abbruch unvermeidlich war. Martina und Enrico, zwei treue Unterstützer, holten ihn bei Hof ab, brachten ihn zurück nach Berlin. Der Mann, der einst mit einem Krebs im Kopf bei 33 Grad die Mongolei mit dem Fahrrad durchquerte, musste bei 33 Grad allein ohne Geld in Mitteldeutschland einsehen, dass es Grenzen gibt.
Fakten über Gehirntumore
In Deutschland erkranken jährlich rund 8.000 Menschen neu an einem Gehirntumor. Die Symptome können Kopfschmerzen, Sehstörungen oder Lähmungen sein und hängen stark von der Lage des Tumors ab. Man unterscheidet gutartige und bösartige Formen dieser Krebserkrankung. Die Behandlung umfasst meist eine Kombination aus Operation, Strahlentherapie und Chemotherapie. Neue Ansätze wie Immun- oder Gentherapien ergänzen die Behandlungsmöglichkeiten. Eine frühe Diagnose gilt als entscheidender Vorteil, um die Heilungschancen zu verbessern. Gehirntumore sind vergleichsweise selten und machen ungefähr zwei Prozent aller Krebserkrankungen aus.
Daheim in Weißensee erholt sich Marx jetzt von der halb geglückten Deutschland-Tour. Die Schmerzen schwinden, der Abbruch des großen Marschs ist auf seinem Youtube-Kanal dokumentiert. „Erstmal mach’ ich keinen Gewaltritt mehr“, verspricht der Heimkehrer.
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„Berlin für Blinde“: Jetzt hoft Marx auf Spenden
880 Kilometer in 42 Tagen ohne Geld, mit Gehirntumor, dieses Abenteuer soll jetzt aber mit Erreichen des Sekundärziels glücken: 2200 Euro will Marx an die Initiative „Berlin für Blinde“ spenden, 1100 hat er auf seinem Lauf mit Online-Spenden eingesammelt. Die Hoffnung ruhen jetzt darauf, dass Berichte über die Extrem-Wanderschaft dazu führen, dass Unterstützer die restliche Hälfte des Spendenziels noch einzahlen. In voller Höhe soll das Geld einem Projekt zugutekommen, das die Herstellung eines Reiseführers für sehbehinderte Berlin-Besucher ermöglicht.
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Und wenn der Körper mitspielt? Wenn der Wille wieder stärker wird als jedes Handicap? Marx hält kurz inne – und sagt: „Vielleicht wander’ ich dann das Nordkap hoch.“
Sven Marx sammelt Spenden zugunsten von „Berlin für Blinde“ auf dieser Plattform.







