Extremradfahrer

Der Mann, der seiner Krebserkrankung davonfuhr

Sven Marx überlebte einen Gehirntumor und fuhr dann per Rad um die Welt. Sein nächstes Projekt: mit einem Blinden zu den Paralympics.

Freie Fahrt: Erst reiste Sven Marx auf dem Fahrrad um die Welt, jetzt spult er mit einem Blinden auf diesem Tandem zu den Paralympics in Japan.

Freie Fahrt: Erst reiste Sven Marx auf dem Fahrrad um die Welt, jetzt spult er mit einem Blinden auf diesem Tandem zu den Paralympics in Japan.

Foto: Thomas Schubert

Als die höchsten Pässe kamen, bat Sven Marx seine Frau abzusteigen. Sie sollte sich die Zumutung ersparen. Er empfahl ihr, ein Taxi nehmen, um hinter dem 2300 Meter hohen Alpengipfel auf ihn zu warten. Marx selbst wuchtete sich allein im Sattel seines Tandems sitzend die Kehren hinauf. Unaufhaltsam trat er in die Pedale eines Fahrrads, das ihn im nächsten Frühjahr nach Japan bringen soll.

Einmal über die Alpen – das war für den Krebspatienten eine Testfahrt im Sommerurlaub. Was für die meisten Radfahrer eine sportliche Höchstleistung bedeutet, zählt für Marx als Übung. Der erste Probelauf für eine 15.000 Kilometer lange Tour nach Tokyo, hinweg über das Altai-Gebirge und durch die Wüste Gobi.

Nach der Tumoroperation: Weltreise durch 34 Länder

Anstatt seiner Frau tritt mit ihm bald ein Blinder in die Tandem-Pedale. Das Ziel des Duos: die Eröffnung der Paralympics in Japan. „Am 7. März 2020 wollen wir in Berlin starten und am 25. August da sein“, kündigt Marx die zweite Fahrt seines Lebens an.

Die erste führte ihn einmal um die Welt. Von April 2017 an durchquerte er in 17 Monaten 34 Länder und legte dabei 32.000 Kilometer zurück. Mit dem Abenteuer begann für den früheren Tauchlehrer aus Weißensee ein neues Leben. Ein großer Aufbruch knapp zehn Jahre nach einem Tiefschlag, von dem sich nur wenige Schicksalsgefährten erholen.

Die Diagnose damals war niederschmetternd: ein Gehirntumor. Die Heilungsaussichten: ungewiss. Nachdem Chirurgen bei einer Operation 2009 große Teile des Geschwürs entfernt hatten, begann eine Zeit der langsamen Genesung. Monatelang lag Marx auf der Intensivstation mit künstlicher Beatmung. Selbst einfachste Bewegungsabläufe waren ein Akt. Der gelernte Dachdecker litt an Lähmungserscheinungen, Fortbewegung geriet zur Qual. Trotzdem begann er die Schritte in ein Leben nach dem Krebs.

Erst 100 Kilometer, dann die große Reise

„Irgendwann stellte ich fest: Radfahren fällt mir leichter als laufen“, erinnert sich Marx. Also tat der Genesende, was ihn voran brachte. Er fuhr. Er stemmte sich gegen den Wind, der ihm über dem Lenker entgegen blies. Erst kurze Strecken durch Pankow, dann längere. Bald gelangen Ausflüge ins Berliner Umland, dann wuchs die Reichweite auf 100 Kilometer. Und schließlich erwachte in ihm dieser Wunsch. Die Lust auf eine Tour, bei der man so bald nicht ans Ziel kommt. „Ich dachte mir: Wenn ich 100 Kilometer schaffe, kann ich reisen.“

Mitten in Mexiko: Acht Reifenpannen an einem Tag

Im Frühjahr 2017 fuhr Marx einfach los und gelangte erst im Herbst des folgenden Jahres wieder am Ausgangspunkt seiner Reise an. Unterwegs sein, das war sein neuer Lebenssinn. Wo immer es möglich war, schlief er im Zelt. Was kaputt ging, reparierte er größtenteils selbst.

„An einem Tag hatte ich kurz nacheinander achtmal einen Platten“, erzählt er von einem Streckenabschnitt in Mexiko. Dort gab es eine Pflanzenart, die Stacheln abwarf. Ihnen auf der Straße auszuweichen – ein Ding der Unmöglichkeit. Als in Kanada das Gehäuse der Gangschaltung brach, war Marx zum Glück nur 100 Kilometer von der einzigen Vertragswerkstatt des Herstellers in Nordamerika entfernt.

„Losfahren ist ein Privileg“

Mit einem Blinden auf einem Tandem zu den Paralympics fahren – darüber ist sich Marx im Klaren – wird vielleicht noch schwerer. Diesmal müssen sich jeden Tag zwei Männer überwinden, nicht nur einer. Sein neues Gefährt, das ihm ein Hersteller zur Verfügung stellt, ist voll beladen und mit Wasserflaschen bestückt rund 100 Kilogramm schwer, aber besitzt dafür auch eine elektrische Unterstützung zum Anschieben auf losem Untergrund und am Berg.

Der Begleiter heißt Jürgen Pansien und meldete sich nach einer Radiosendung über die erste Extremfahrt von Sven Marx. Aber warum unternimmt man eine 15.000 Kilometer lange Fahrt mit einem Blinden?

„Das Losfahren hat mir sehr geholfen. Losfahren ist ein Privileg. Ich habe mir überlegt: ,Wer kann das nicht?’“, erklärt der Extremradfahrer den Gedankengang. Sein Schluss: „Ein Blinder kann es nicht. Zumindest nicht allein.“ Also suchte er für die Tour nach Tokyo einen Gefährten ohne Augenlicht.

Blinder Weggefährte meldete sich nach Radiosendung

Nach dem Radioauftritt kam plötzlich eine E-Mail: „Hallo, ich bin Jürgen“, stellte sich der künftige Weggefährte vor. Nach kurzem Gespräch war klar: Der zweite Platz des Tandems ist besetzt. Beide treten in die Pedale – und Marx lenkt.

Bis zur Abreise im kommenden März bleibt noch Zeit zum Üben. Der Ausflug mit seiner Frau Annett in den Alpen diente dem Abenteurer eher als Techniktest. Gemeinsam mit Jürgen Pansien wird er probieren, wie es menschlich klappt. Die Grundvoraussetzung der Reisefreude ist jedenfalls erfüllt.

Aber selbst wer häufig als Radtourist in Deutschland unterwegs ist, muss sich auf den Straßen jenseits der Bundesrepublik auf völlig andere Verhältnisse einstellen. Gut ausgebaute Radwege enden abrupt hinter den Grenzen. Dafür wächst die Rücksichtnahme anderer Verkehrsteilnehmer, weiß Marx.

Besonders beeindruckt habe ihn bei seiner Weltreise der respektvolle Umgang mit Radfahrern in Japan. „Autofahrer halten dort beim Überholen einen riesigen Abstand ein“, nennt der Reisende die angenehmste Überraschung. In Südostasien, wo das Fahrrad lange als Volksvehikel galt, ging es wiederum ungemütlich zu. Hier gerate man zwischen Motorrädern und Autos schnell in Bedrängnis.

Radwegeplanung in Berlin ist nicht die Lösung

Und was hält Marx von der Verkehrspolitik in Berlin? Viele Experimente mit speziell markierten oder abgetrennten Radwegen scheinen ihm unsinnig: „Das verschlingt Millionen. Und man lernt trotzdem nicht, sich auf der Straße zu arrangieren.“

Ein Mann, der seiner Tumorerkrankung auf den Straßen dieser Welt davon fuhr – diese Geschichte brachte dem 52-Jährigen rund um den Globus Fans ein. Er hatte eine Audienz beim Papst. Und an der Wand seiner eigenen Fahrradwerkstatt „Berlin Bike Tour“ in Prenzlauer Berg hängt eine Urkunde des Regierenden Bürgermeisters Michael Müller. Immer wieder hält Marx Vorträge, aktualisiert seinen Online-Blog und erzählt die Geschichte seiner Genesung durch Reiselust im Radio.

„Ich will zeigen: Es geht weiter“

Wenn Sven Marx anderen Schwerkranken und vom-Schicksal-Gebeutelten eine Botschaft mit auf den Weg geben will, dann ist es diese: „Es bringt nichts, dem alten Leben nachzutrauern. Das bekommt man nicht wieder. Ich will zeigen: Es geht weiter. Aber wie weit, das weiß kein Mensch.“

Sven Marx hält am Mittwoch, 4. September, ab 18:30 Uhr einen Vortrag im Kino Toni, Antonplatz 1, 13086 Berlin-Weißensee. Karten: 12 Euro