Friedhofsparks

Spielplätze zu voll: Berliner erholen sich zwischen Gräbern

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Zuflucht vor überfüllten Spielplätzen in Prenzlauer Berg: Tina, Tanja und Nicole betrachten der Friedhofspark an der Pappelallee als Segen für gestresste Familien. Ihren Kindern bringen sie Benimmregeln bei.

Zuflucht vor überfüllten Spielplätzen in Prenzlauer Berg: Tina, Tanja und Nicole betrachten der Friedhofspark an der Pappelallee als Segen für gestresste Familien. Ihren Kindern bringen sie Benimmregeln bei.

Foto: Thomas Schubert / Berliner Morgenpost

Friedhöfe bringen Nachbarn in Pankow Raum zum Entspannen. Alltagsfluchten in den Pappelpark offenbaren die Platznot der Familien.

Berlin.  Eine Engelsfigur hebt die Arme über Heinrich Rollers Grabstein zum bleiernen Himmel. Es ist ein schwülwarmer Julitag. Hauswände in Prenzlauer Berg scheinen die Hitze endlos zu speichern. Alle Spielplätze im Helmholtzkiez sind bevölkert mit kleinen Leuten, ausstaffiert mit schlabbrigen Sonnenmützen. Wo ist Schatten? Wo ist Ruhe? Wo gibt es noch Platz im Sandkasten und auf der Wiese?

Die Antwort darauf ist der Friedhofspark an der Pappelallee, kurz: Pappelpark. Ein Friedhof zur Erholung für die Lebenden. An sich kein Geheimtipp mehr, seit Hipster in den 2000er Jahren mit Feiern zwischen Grabsteinen für Unmut sorgten. Aber dass der bekannteste Freizeit-Friedhof im Bezirk Pankow jetzt nach monatelanger Schließung wieder eröffnet hat, wissen eben noch nicht alle.

Fritz schaukelt nicht weit von der Engelsfigur am Grab von Heinrich Roller sorglos durch die schwüle Luft, angestoßen von seiner Tagesmutter Frida aus Spandau. Ja, auch dort kennt man den Friedhofspark an der Pappelallee im fernen Prenzlauer Berg. Dass die Freireligiöse Gemeinde Berlin als Eigentümerin und der Bezirk monatelang über die Modalitäten des Betriebs verhandeln mussten? Dass die Tore deshalb geschlossen waren? Frida versteht es bis heute nicht.

Friedhofspark in Prenzlauer Berg: Familien flüchten vor überfüllten Spielplätzen

„Alle anderen Parks sind bei schönem Wetter überfüllt. Da ist dieser Friedhof eine Ruheoase für Fritz“, lobt die Rentnerin das kleine Paradies voller Kreuze. „Hier sind auf beiden Seiten Zäune – da gibt es keine Gefahr, dass der Junge auf die Straße läuft. Seine Mama ist begeistert. Und hofft, dass man den Park noch erweitern kann.“

Das aber wird auch mit dem neuen Einvernehmen mit der Freireligiösen Gemeinde nicht zu erreichen sein, meint die für Grünflächen zuständige Stadträtin Manuela Anders-Granitzki (CDU). Schon die Abwendung des Verlusts dieses Erholungsort gilt als Erfolg. „Dem Bezirksamt ist es sehr wichtig, im hochverdichteten Bereich von Prenzlauer Berg wieder ein kleines Stück wohnortnahes Grün zugänglich machen zu können“, erklärt die Stadträtin zur Wiederöffnung. Für die Freigeistige Gemeinschaft Berlin bleibe die Begegnung mit der Nachbarschaft ein wichtiger Inhalt ihrer Arbeit. Immer wieder hatte die Pankower Grünen-Fraktion um Sprecher Axel Lüssow auf eine Wiedereröffnung des Pappelparks nach der überraschenden Schließung Anfang des Jahres gedrängt.

Freireligiöse Gemeinde Berlin: „Dieser Park ist Teil unserer Identität.“

Bis zum Juni dauerten die Verhandlungen zwischen dem Grünflächenamt und der Eigentümergemeinde des Friedhofs an – und es ging laut Stadträtin Anders-Granitzki um nicht unerhebliche Details. Etwa die Verkehrssicherheit der alten Bäume auf dem Gelände – und vor allem über „gärtnerische Leistungen“, die Eigentümer und Grünflächenamt regeln müssen.

Dass die die Neuregelung gelungen ist, bestätigt Anne-Kathrin Pauk von der Freireligiösen Gemeinde. Man sei bei den Vertragsverhandlungen nun „auf Augenhöhe behandelt“ worden. Meinungsverschiedenheiten, etwa über die Finanzierung der Parkpflege, seien nun so weit ausgeräumt, dass Besucher den Friedhof wieder benutzen können. Dies geschehe ganz im Sinne der Gemeinde, wie Pauk betont: „Dieser Park ist Teil unserer Identität.“

Bezirksamt Pankow gab Friedhof 1995 als Erholungsfläche frei

Nun dürfen Fritz und andere Kinder also wieder zwischen Gräbern krabbeln. Wobei die Pietät gewahrt bleiben muss – das ist den Eigentümern wichtig und wird in einem Regelwerk an den Zäunen des 1847 angelegten Stadt-Friedhofs zwischen Pappelallee und Lychener Straße auch zur Kenntnis gegeben. Seit 1995 hat das Bezirksamt Pankow dieses denkmalgeschützte Grabfeld als öffentliche Parkanlage mit Spielplatz freigegeben.

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Der Beginn eines schwierigen Verhältnisses – denn nicht immer fanden Nachbarn die richtige Balance. Nicht immer gelang die Erholung mit Wahrung der Totenruhe. Immer wieder musste die Gemeinde angesichts überschwänglicher Geburtstagspartys um Mäßigung bitten – und protestierte gegen geschmacklose Festivitäten.

„Da liegen Skelette drunter“ – Eltern erklären Kindern die Totenruhe

„Wir sagen unseren Kindern, dass sie keine Grabsteine hochklettern sollen. Und es wäre schön, wenn sich andere auch daran halten“, sagt Tina, die mit ihren Freundinnen Tanja und Nicole das leise Rauschen der Linden im Pappelpark genießt. Ihre Erkenntnis: Um dem spielenden Nachwuchs Pietät beizubringen, dafür ist es gut, deutlich zu sagen, um was für einen Ort es sich hier handelt. „Da liegen Skelette drunter.“ So ein Hinweis wirkt. Da hält auch ein tobendes Kind inne.

Dass der Pappelpark überhaupt wieder geöffnet hat – für Tanja ein wahrer Segen. „Auf den Spielplätzen am Helmholtzplatz ist es immer viel zu voll. Und es fehlt an Schatten“, verweist sie auf ein Infrastruktur-Problem, das nicht nur subjektiv bemerkbar wird.

Im Leise-Park in Prenzlauer Berg rebellierten die Hundehalter

Tatsächlich deckt sich diese Aussage mit den Studien des Grünen-Naturexperten Axel Lüssow. Er hatte den Bezirk bei der Schließung des Pappelparks auf die laut Umweltatlas „sehr schlechte“ Versorgung des Helmholtzkiezes mit öffentlichen, wohnungsnahen Grünanlagen hingewiesen und vor einem „Verlust von Grünanlagen“ im kargen Prenzlauer Berg gewarnt. Allerdings war eine endgültige Schließung des Pappelparks wohl nie zu befürchten, heißt es aus dem Bezirk. Nur während der Neuverhandlungen von Verträgen für die Parkbetreuung ruhte der Betrieb.

Dass die Parknutzung von Friedhöfen das Feld für Konflikte eröffnet, zeigte sich 2019 bereits in der Verbannung von Hunden aus dem Leise-Park – einem idyllischen Park-Friedhof an der Greifswalder Straße, wo Protestrufe der Halter laut wurden. Ohne Erfolg. Bis heute sind hier Hunde tabu.

Friedhof im Pankower Florakiez wird inoffiziell als Freizeitort genutzt

Als besonders konfliktbeladen erweist sich ganz aktuell die inoffizielle Erholungsnutzung einer Ruhestätte im Pankower Florakiez. Vielleicht das krasseste Beispiel dafür, dass der einwohnerreichste Bezirk Berlins mit konventionellen Freiflächen längst nicht mehr auskommt. Der Friedhof Pankow II an der Gaillardstraße ist seit 2004 formell geschlossen – allerdings steht ein Teil der Gräber noch in Pflege. Bis 2034 gilt hier die Totenruhe.

Was Besucher allerdings nicht davon abhält, hier zu entspannen und sogar Sport zu treiben. Jogger zwischen Grabplatten anzutreffen, ist keine Seltenheit, wie Nachbarn im Florakiez wissen. Ein „würdiges Totengedenken“, beklagt der SPD-Abgeordnete Sebastian Meisgeier, sei hier nicht möglich.

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„Leider wird dieser Friedhof zunehmend als Hundeauslaufgebiet frequentiert, welches auch zu vermehrten Verunreinigungen und Müllablagerungen führt“, bestätigt Stadträtin Anders-Granitzki (CDU) erhebliche Probleme. Selbst zwischengelagerte Grabplatten werden an der Gaillardstraße mit Graffiti beschmiert. Für ständige Kontrollen hat das Ordnungsamt aber keine Kapazitäten, wie die Verantwortliche zugibt. So bleibt es an den Friedhofsbesuchern, zu erkennen, dass es ein Mindestmaß an Würde braucht, um im Reich der Toten tief durchzuatmen.

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