Stadtentwicklung

Immer mehr Kinder: Spielplatzmangel in Pankow spitzt sich zu

Prognosen sagen 460.000 Einwohner für 2030 voraus. Aber die Spielplätze wachsen kaum mit. Private Anlagen sollen den Mangel ausgleichen

Auf jeden Einwohner in Berlin müsste ein Quadratmeter Spielplatzfläche kommen. In Pankow reicht das Angebot nur für 0,6 Bewohner.

Auf jeden Einwohner in Berlin müsste ein Quadratmeter Spielplatzfläche kommen. In Pankow reicht das Angebot nur für 0,6 Bewohner.

Foto: Christoph Soeder / dpa

Berlin. Nirgends in Berlin leben so viele Kinder wie in Pankow – mehr als 70.000 minderjährige Einwohner sind im Nordost-Bezirk gemeldet. Und nicht von ungefähr strebt das Bezirksamt eine Auszeichnung als kinderfreundliche Kommune an. Aber bei der Versorgung von Spielfläche pro Anwohner bleibt Pankow weit hinter dem Standard des Landes Berlin zurück.

Ein Quadratmeter Nettospielfläche pro Kopf steht Berlinern demnach zu. Knapp 410.000 Pankower müssten sich also auf einer Fläche von 410.000 Quadratmetern vergnügen können – es sind aber nur rund 283.000, wie die Senatsverwaltung für Umwelt mitteilt. Das würde für Marzahn-Hellersdorf komfortabel reichen, nicht aber für den besonders bevölkerungsreichen Berliner Norden.

Abgefragt hat das Verhältnis der Pankower SPD-Abgeordnete Tino Schopf, der das Defizit schon länger mit Sorge beobachtet. Das Problem ist aus seiner Sicht nicht nur die derzeit fehlenden 126.000 Quadratmeter an Spielfläche, sondern auch der Sanierungsstau bei Spielplätzen in Pankow. Und die Tatsache, dass der Bezirk bis zum Jahr 2030 je nach Prognose auf bis zu 460.000 Einwohner wächst. Ein Plan, wie die Zahl der öffentlichen Spielplätze mitwachsen sollen, ist zwar durchaus vorhanden. Aber ein fundamentales Problem steht der Umsetzung im Weg.

Pankow sichert Grundstücke für Spielplätze – hat aber zu wenig Planer

„Konkret kann derzeitig nicht dargestellt werden, welche Grundstücke zu welchem Zeitpunkt als Spielplatz baulich hergestellt werden. Für eine verbindliche Planung fehlen sowohl Personal als auch die Finanzierung der Baumaßnahmen“, lässt das Pankower Straßen- und Grünflächenamt über Staatssekretär Ingmar Streese mitteilen. Man sei allerdings schon seit Jahren bemüht, „dass landeseigene Grundstücke für den Fachzweck öffentliche Spielplätze aus den Liegenschaftsfonds gesichert werden“.

Die Dringlichkeit zum Bau neuer Freizeitanlagen hängt mit der weiterhin hohen Geburtenrate und dem starken Zuzug durch die Errichtung neuer Stadtquartiere zusammen. Dabei geht die Abteilung des zuständigen Stadtrats Vollrad Kuhn (Grüne) davon aus, dass sich der Mangel noch verschärft. „Mit Annahme, dass die Bevölkerung bis 2030 auf circa 452.000 anwachsen wird, würde sich das derzeitige Defizit an Nettospielfläche von 126.490 auf 169.155 Quadratmeter Nettospielfläche erhöhen“, lautet die pessimistische Prognose. Mit der fehlenden Spielfläche in dieser Größenordnung läge man in Höhe der Einwohnerzahl von Prenzlauer Berg.

„Wenn der Bezirk so stark wächst, muss die soziale Infrastruktur mitwachsen“

Für den SPD-Mann Tino Schopf ist aufgrund solcher Auskünfte die Zielsetzung klar: Das Bezirksamt Pankow muss jetzt Wege finden, wie man die Zahl der Spielplätze von derzeit 216 deutlich erhöht – auf über 400. „Wenn der Bezirk so stark wächst, muss die soziale Infrastruktur mitwachsen“, fordert Schopf. Kinder bräuchten für eine gesunde Entwicklung Raum zur freien Entfaltung. Weil der Bezirk künftig wohl noch mehr als bislang mit seiner „überproportional kinderreichen Bevölkerung“ umgehen muss, brauche es eine Anpassung bei der Stadtplanung. „Das muss bei allen künftigen Bauvorhaben zwingend berücksichtigt werden“, meint Schopf.

Doch das Bezirksamt Pankow weist darauf hin, dass die Selbstverpflichtung des Landes mit den Richtwerten von Spielplatzfläche pro Kopf nur ein Teil der Gleichung ist. Wert legen müsse man „besonders auf die Nachweispflicht der privaten Spielplatzflächen. Diese tragen in hohem Maße zur wohnortnahen Versorgung der Spielorte für Kinder bei.“ Was im öffentlichen Raum fehlt, könnte auf privatem Grund also kompensiert werden.

Für die Sanierung von Pankower Spielplätzen fehlt es an Geld und Personal

Trotzdem muss die öffentliche Hand Verantwortung übernehmen – so sieht es Uwe Scholz von der Initiative „Ja! Spielplatz“. Und tatsächlich gibt es laut Scholz erste Schritte in die richtige Richtung. „Der Bezirk Pankow kauft seit vielen Jahren langsam aber stetig Flächen für öffentliche Kinderspielplätze an, und das ist auch richtig so, weil die vorhandenen Plätze nicht nur benutzt, sondern oft übernutzt werden“, sagt der Vater aus Weißensee.

„Es gibt einfach viele Kinder bei uns, und das ist toll. Richtig schlimm ist, dass mehr als die Hälfte der vorhandenen Spielplätze im Großbezirk stark sanierungsbedürftig sind.“ Es fehle dem Bezirk an Personal, an Geld, aber auch an Kraft, um diese Misere dauerhaft zu beenden, warnt Scholz. Stadtrat Kuhn bezifferte den Sanierungsstau zuletzt auf über 40 Millionen Euro.

Tatsächlich konzentriert sich das Bezirksamt Pankow vor allem darauf, dass vorhandene Spielplätze nicht weiter verfallen. Im Ortsteil Karow beispielsweise sind die Anlagen so marode, dass es derzeit keinen Spielplatz gibt, auf dem mehr als ein Gerät intakt wäre – Pankows CDU hatte diesen Missstand schon mehrfach beklagt.

Spielplatz-Grundstücke in Weißensee per Vorkaufsrecht gesichert

„Höchste Priorität im Bezirk hat vorerst der Erhalt und die dringende Sanierung der bestehenden Spielplätze“, schreibt das Bezirksamt. Doch auch beim Neubau meldet man aktuelle Beispiele. Für das Gebiet an der Langhansstraße in Weißensee gebe es konkretere Planungsabsichten. „Hier soll in den nächsten Jahren ein öffentlicher Spielplatz auf dem landeseigenen Grundstück Goethestraße 9,11/Lehderstraße 73 errichtet werden, und der Spielplatz in der Pistoriusstraße 95 wird derzeitig gebaut. Weiterhin wurde das Vorkaufsrecht für zwei Grundstücke in Angriff genommen, welche die defizitäre Versorgungssituation in diesem Stadtquartier verbessern sollen“, heißt es in der Erklärung.

Zumindest den Vorwurf, für Spielplätze von morgen keine Grundstücke aufzukaufen, wird man dem Bezirksamt Pankow nicht machen können – egal welche Prognose bis 2030 eintritt.