Beschädigtes Biotop

Wasserschwund: Berliner Badesee muss sich zehn Jahre erholen

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Auch über die Fontäne des Weißen Sees verdunstet Wasser - laut Bezirksamt Pankow fehlen 15.000 Kubikmeter.

Auch über die Fontäne des Weißen Sees verdunstet Wasser - laut Bezirksamt Pankow fehlen 15.000 Kubikmeter.

Foto: Thomas Schubert / Berliner Morgenpost

5 Millionen Euro zahlt Pankow für die Behebung von schweren Umweltschäden. Auch durch Wildbaden verliert der Weiße See weiter Wasser.

Berlin. Pankows Problem-See besorgt die Verantwortlichen auf vielen Ebenen: Die Gefahr, dass Schwimmer ertrinken wiegt ähnlich schwer wie die Erosion der Uferzonen. Reparatur von Vandalismusschäden verschlingt Steuergelder, Schwäne brüten aus Sicherheitsgründen nun hinter Bauzäunen. Und der abgesunkene Wasserpegel erhöht die Gefahr für Algenbefall und den Kollaps des Ökosystems.

Im Pankower Umweltausschuss liefern all diese Leiden des Weißen Sees Gesprächsstoff. Einerseits verweisen hier die Amtsleiter auf einen schlechten Ist-Zustand. Anderseits liegt die große Lösung greifbar nahe: Rund 5,2 Millionen Euro hat der Bezirk dank Fördergeld aus einem Klimaschutz-Programm des Bundes und Ausschüttungen aus dem Vermögen des DDR-Partei-Apparats bereitgelegt. Ab 2023 soll der Park am Weißen See erst im Bereich des Nordufers mit dem Klima-Geld, dann an Süd-Ufer mit ehemaligen SED-Mitteln von seinen Schäden genesen. Schäden, hervorgerufen durch Übernutzung.

Neue Wege, klimafreundliche Parklaternen, die sogar dem Wohl von Insekten dienen - solche Maßnahmen sind noch vergleichsweise leicht zu verwirklichen. Ein sehr viel schwieriger Fall ist der Weiße See an sich. Denn auch mit einem neu gebohrten Grundwasserbrunnen und einer aufwendigen Säuberungsanlage für das mit Schadstoffen belastete Brunnenwasser wird der Verlust von Millionen Litern Wasser nur langsam auszugleichen sein.

Weißer See in Pankow: 15.000 Kubikmeter Wasser einfüllen dauert bis zu zehn Jahre

„Wir versuchen den See wieder auf Normalstand zu bringen. Dazu fehlen noch etwa 15.000 Kubikmeter“, nennt Grünanlagen-Experte Wolf Sasse die Herausforderung. Sieben bis zehn Jahre könnte es laut aktuellen Prognosen dauern, ehe dieses Ziel mit Hilfe des Brunnens und anderer Zufuhrmöglichkeiten erreicht ist. Womöglich erweist es sich wegen der starken Verdunstung in Dürresommern auch als so ehrgeizig, dass man einen niedrigeren Normalpegel benennt.

Eine wichtige Maßnahme für das Ökosystem sei die Einpflanzung eines neuen Uferbewuchses, sagt Sasse. Zurückkehren sollen also jene Gewächse, die durch jahrelange Verlandung des Sees fast völlig verloren gingen. „Ziel ist es, die starke Belastung des Sees etwas zu reduzieren. Uferstreifen brauchen Schilfzonen, die früher da waren. Das ist keine Schikane, sondern wichtig, um den See zu erhalten“, betont der Fachmann.

Mögliche Folge des Wasser-Mangels: Weißer See könnte umkippen

Wenn es nicht gelingt, den See mit Uferbewuchs und frischem Wasser zu stabilisieren, könnte eine starke Algenbildung schlimmstenfalls dazu führen, dass der See umkippt. „Dann wird man hier gar nicht mehr baden können“, befürchtet Sasse.

So gesehen wird der Bezirk Pankow versuchen, das Baden zumindest im Strandbad Weißensee zu bewahren, wenn man das Nordufer zupflanzt. Dort wiederum befinden sich derzeit rege genutzte illegale Badestellen. Auch der 17-Jährige, der im Juni im Weißen See ertrank, soll von hier aus ins Wasser gestiegen sein. Inzwischen erinnert ein kleines Mahnmal an den schweren Bade-Unfall – er steht in einer Serie von Unglücken, die sich seit mehreren Jahren hinzieht.

Umweltamt Pankow plant Neubepflanzung der Bade-Ufer mit Schilf

Oswald Wachenbrönner, der Wirt des Restaurants „Milchhäuschen“ und andere Anrainer gehen davon aus, dass eine Versperrung dieses Ufers sowohl der Sicherheit als auch dem Umweltschutz dienen würde. Bürgerinitiativen, die striktere Maßnahmen fordern, gehen davon aus, dass durch illegales Baden Wasser aus dem See getragen wird. Wasser, das sich etwa in der vollgesogenen Badekleidung befindet.

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Ufer, vollgepflanzt mit neuem Schilf – diese Vorstellung kollidiert aber mit einer anderen Ansage aus dem Bezirksamt Pankow: Dass die Ufer des Weißen Sees für alle Bürger frei zugängliche Zonen bleiben sollen, wenn sie Abkühlung suchen. Dass Regeln nicht durchgesetzt werden dürfen durch Barrieren. Gerüchte, wonach die Ufer des Weißen Sees mit Wackersteinen versperrt werden sollen, wie etwa am Biesdorfer Baggersee, werden im Umweltausschuss bislang dementiert. Es sind aber offenbar andere Varianten im Gespräch.

Illegales Wildbaden im Pankower Gewässer widerspricht Zielen der Parksanierung

Denn wie sollte die Sanierung von Seeufern gelingen, wenn dort ohne Sperrungen unerlaubtes Wildbaden stattfindet? „Wir brauchen nicht über eine 5 Millionen Euro teure Sanierung des Parks zu reden, wenn dort nicht Ordnung geschaffen wird“, warnt Ralf Gräfenstein, Sprecher einer Bürgerinitiative, die sich in Weißensee für Naturschutz einsetzt. Und vor allem die Belästigung von Wasservögeln durch Partys und rücksichtslose Schwimm-Einlagen beklagt. „Es besteht Gefahr durch freilaufende Hunde und Wildbader. Es muss sanktioniert und für Verständnis geworben werden“, meint Gräfenstein. „Die Mehrheit der Weißenseer steht dahinter.“

Auch SPD-Politiker Mike Szidat, der Vorsitzende des Pankower Ordnungsausschusses, will geregelte Verhältnisse schaffen lassen, damit die Wirkung der Park-Sanierung nicht verpufft. „Wir stecken viel Geld in den See und stehen vielleicht nach zwei Jahren wieder am Anfang“, beschreibt er die Problematik.

Vorfall im Frühjahr: Kameras sollen Schutz von Schwänen am Weißen See garantieren

Mit einem Schwerpunkteinsatz des Pankower Ordnungsamts und der Berliner Polizei in der vergangenen Woche hat am Weißen See eine Kontroll-Offensive begonnen, bei der Regelbrüche nun auch mit Bußgeldern belegt werden – so versichert es die zuständige Stadträtin Manuela Anders Granitzki (CDU). Nachdem Parkbesucher im Frühling Steine statt Eiern im Nest von brütenden Schwänen entdeckten, will sie mögliche Angriffe auf Vögel mit Video-Überwachung unterbinden. Hier heißt es: „Wir stehen mit Bürgern in Kontakt, um womöglich eine Wildtier-Kamera zu installieren. Es muss aber rechtlich geprüft werden, ob es Datenschutz-Hürden gibt.“

Bezirk Pankow beantragt Fördergeld - Kriterien füllen 300-seitigen Katalog

Eine zweite wichtige Hoffnung: Die Bestätigung der Gelder aus dem Klimaschutz-Programm durch den Bund. Hier muss der Bezirk laut Stadträtin aufwendige Nachweise erbringen, dass das Geld tatsächlich klimapolitischen Innovationen zugute kommt. Aktuell ist der Bezirk bei dem Antragsverfahren um mindestens fünf Jahren im Verzug.

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Man müsse bei der Parksanierung „Richtlinien für nachhaltiges Bauen“ beachten, sagt dazu Wolf Sasse. Festgehalten seien sie in einem 300-seitigen Katalog. Wie man einen übernutzten Berliner See neu befüllt, ist darin aber wohl noch nicht enthalten.

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