Umweltproblem

Wasser zu teuer: Kollaps des Weißen Sees nicht zu stoppen

Pankow wollte Tausende Kubikmeter einleiten, um Schäden am Biotop in Weißensee zu verhindern. Doch der Preis ist womöglich zu hoch.

Mehr Ufer, weniger Wasser: Alexander Schüller, der Pächter des Strandbads Weißensee, sieht die Spuren der Verdunstung. Und warnt vor umstürzenden Bäumen.

Mehr Ufer, weniger Wasser: Alexander Schüller, der Pächter des Strandbads Weißensee, sieht die Spuren der Verdunstung. Und warnt vor umstürzenden Bäumen.

Foto: Thomas Schubert

Berlin. Erst fielen die alten Brunnen aus, dann erhielt ein neu gebohrter Brunnen wegen einer zu hoher Schadstoffbelastung keine Freigabe. Nun droht die Behebung eines massiven Verdunstungsproblems im Weißen See an einem dritten Problem zu scheitern: Das Trinkwasser, das Pankow zum Beispiel über Rohre des Strandbads Weißensee einleiten lassen wollte, kommt den Bezirk teuer zu stehen als erhofft. Nach Informationen der Morgenpost würde die geplante Befüllung des Sees etwa 40.000 Euro kosten – es steht aber offenbar nur ein Budget von 35.000 Euro zur Verfügung.

Solange die Verhandlungen des Bezirksamts Pankow über den Wasserpreis andauern, soll das Rettungsprojekt nicht starten. Gleichzeitig hält die derzeitige Hitze schon seit Tagen an und die Austrocknung des Sees schreitet in diesem Sommer ungebremst voran. „Bäume am Ufer könnten durch den fehlenden Gegendruck des Wassers umstürzen“, befürchtet Alexander Schüller, Pächter des Strandbads Weißensee und Leidtragender des schleichenden Kollaps.

In den vergangenen Jahren sank der Pegel des Nichtschwimmerbereichs des Strandbads, der einzigen legalen Badestelle an dem See, stark ab, wodurch die Kinder fast auf dem Trockenen sitzen. Dass Familien aber für ihr Eintrittsgeld auch einen gewissen Tiefgang im Wasser erwarten, versteht sich für Schüller von selbst.

Doch es geht dem Mann, der die Anlage von den Berliner Bäder-Betrieben gepachtet hat, nicht nur um sein Strandbad, sondern auch grundsätzlich um die Gesundheit des Biotops. Deshalb willigte Schüller ein, gemeinsam mit dem Pankower Grünflächenamt und den Berliner Wasserbetrieben die Einleitung von teurem Trinkwassern über verschiedene Zuflüsse, auch im Bereich des Bads, vorzubereiten. Schon damals war klar: Wer zahlt, ist der Bezirk. Gerade als sich die Schleusen öffnen sollten, habe er aber überraschend vom Grünflächenamt erfahren, dass man die Einleitung nicht starten will. Denn es gebe Streit darum, welcher Mehrwertsteuersatz für die Abrechnung zu veranschlagen sei, nennt Schüller seinen Kenntnisstand.

Der Bezirk Pankow komme auf einen Rechnungsbetrag von 35.000 Euro, die Wasserbetriebe auf 40.000. „Eine Klärung soll wohl erst nach der Sommerpause geben“, ärgert sich der Badbetreiber. Doch die Verdunstung fällt angesichts der Hitzewelle nun besonders dramatisch aus – „wenn man handeln will, dann jetzt.“

Unbrauchbarer Tiefbrunnen am See „besonders bitter“

Bezirksbürgermeister Sören Benn (Linke), besitzt nach eigener Aussage noch keine Kenntnis von dem Finanzproblem, bedauert aber grundsätzlich, dass es in Weißensee zu unerwarteten Mehrausgaben kommt. „Es kann sein, dass sich die Kollegen bei einer Prüfung über die Kosten erschrocken haben und es nötig sehen, sich darüber noch einmal zu beraten“, sagt Benn. Er könne nicht ausschließen, dass sich die Einleitung des Trinkwassers deshalb verzögert.

Dass der neu gebaute Brunnen, der das Verdunstungsproblem ein für alle mal lösen sollte, die Prüfung auf Schadstoffe im Frühjahr nicht bestand, nennt der Bürgermeister „besonders bitter“. Denn schon die Planung und Finanzierung dieses Tiefbrunnens kostete den Pankow erhebliche Mühe und Fantasie bei der Anzapfung von Fördergeldern. Ein Aufwand, der sich als nutzlos erwies. „Offensichtlich hat niemand mit einer Kontamination an dieser Stelle gerechnet.“

Auch Benns Stellvertreter im Bürgermeisteramt, der für Grünflächen zuständige Stadtrat Vollrad Kuhn (Grüne) gab zuletzt an, dass die Schadstoffbelastung des Wassers aus dem neuen Brunnen nicht abzusehen war und der negative Befund kurz vor Inbetriebnahme der Anlage „alle überrascht“ habe. Dennoch zeigte sich Kuhn Anfang des Sommers optimistisch, den eklatanten Wasserschwund auch ohne den neuen Brunnen durch die Einleitung des Trinkwassers ausgleichen zu können. Derweil wollte man weitere Untersuchungen anstellen, um zu klären, ob sich das Verschmutzungsproblem durch den Einbau eines zusätzlichen Filters am Brunnen lösen lässt oder man einen weiteren Brunnen an einer anderen Stelle braucht.

Aus einer Anfrage des SPD-Abgeordneten Dennis Buchner geht hervor, dass es laut Staatssekretär Stefan Tidow aber noch eine zweite Beprobung an der Problemstelle geben soll. Um zu belegen, ob tatsächlich so genannte leichtflüchtige Kohlenwasserstoffe in den See zu gelangen drohen – so wie es eine erste Probe ergab.

Zum Maßnahmenpaket zur Stabilisierung des verlandenden Sees in diesem Sommer sollte übrigens auch die Drosselung der großen Fontäne in der Mitte des Gewässers gehören. Denn sie begünstigt die Verdunstung noch zusätzlich. Am Freitag war von einer Beschränkung aber weiterhin nichts zu sehen. Die Fontäne sprüht nach wie vor Wasser in die heiße Luft, am Ufer des Sees liegen dafür Teile der Böschung trocken, die anfangs des Sommers noch im Wasser lagen.

Mindestens 50.000 Kubikmeter müssten eingeleitet werden

„Selbst wenn man jetzt wie geplant 30.000 Kubikmeter einleiten würde, macht das beim Pegel höchstens 20 Zentimeter aus“, warnt Alexander Schüller. Nach seinen Studien seien eher 50.000 Kubikmeter nötig, um das gröbste Defizit auszugleichen. Das würde freilich noch wesentlich mehr kosten als der Bezirk zahlen kann.

Auch wenn Pankow den Weißen See weiterhin retten will, verweist Bürgermeister Benn auf ein langfristiges Problem, das sich mit Brunnenbohrungen und Wassereinleitungen nicht stoppen lässt: den Klimawandel. Im schlimmsten Fall könne man bei der Bewahrung von Naturorten in der Stadt durch die Erderwärmung an den Punkt kommen, dass man auch durch künstliche Eingriffe nicht mehr helfen kann.