Lebensgefahr ignoriert

Entsetzen über Wildbaden nach zwei Todesfällen in Weißensee

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Mit dem Lastenrad-Verleih zum illegalen Baden: Auch das gehört zum Sommer-Alltag in Weißensee und der Lebenswirklichkeit in Pankow.

Mit dem Lastenrad-Verleih zum illegalen Baden: Auch das gehört zum Sommer-Alltag in Weißensee und der Lebenswirklichkeit in Pankow.

Foto: Thomas Schubert / Berliner Morgenpost

Zwei junge Männer sind im Weißen See ertrunken. Trotzdem steigen Teenager ins Wasser – „der Park ist voll bis auf den letzten Platz“.

Berlin.  Es sind Anblicke, die Oswald Wachenbrönner schaudern lassen. Auch nach dem Tod des zweiten Schwimmers im Weißen See innerhalb einer Woche geht das illegale Wildbaden weiter, als sei nichts geschehen – so beobachtet es der Wirt des Restaurants „Milchhäuschen“ von seiner Terrasse. Als am vergangenen Sonnabend ein 17-Jähriger ertrank, organisierte Wachenbrönner persönlich die Rettungsaktion. Als dann an diesem Sonnabend Feuerwehr-Taucher den Leichnam eines 26-Jährigen vom Grund des Sees bargen, brach der Bruder des Toten vor Trauer zusammen.

Genauere Hintergründe des zweiten Unfalls sind noch unklar. Laut Auskunft der Berliner Polizei war der 26-Jährige an dem Tag zu Besuch im bewachten Strandbad Weißensee – dort geht man derzeit davon aus, dass der Mann außerhalb des Geländes des Bads unterging und später in den bewachten Bereich gespült wurde.

Bei Mitarbeitern des „Milchhäuschens“ in Weißensee bleiben nach den beiden Unfällen Eindrücke, die sie nicht mehr loslassen. Bei jedem Schrei herumalbernder Jugendlicher vom Ufer vermuten sie ein Unglück. Obwohl das Bezirksamt Pankow inzwischen an jedem fünften Baum Warnschilder mit der feuerroten Aufschrift „Lebensgefahr“ befestigen ließ, springen Hunderte Parkbesucher bei sengender Hitze ins Wasser. Schlingpflanzen, die einem der beiden toten Schwimmer womöglich zum Verhängnis wurden, ranken bis an die Oberfläche. Trotzdem kraulen Teenager zur Fontäne in der See-Mitte, wo gefährliche Strömungen herrschen.

Weißer See soll keine „Hochsicherheitszone werden“

Das Ordnungsamt Pankow patrouilliert zwar, belässt es aber meist bei mündlichen Verwarnungen – das schlussfolgern zumindest Wachenbrönner und sein Team aus ihren Beobachtungen. „Das kann einfach nicht wahr sein. Zwei junge Männer sind tot. Aber der Park ist immer noch voll bis auf den letzten Platz“, gibt er seinem Entsetzen Ausdruck. Selbst Mütter mit Babys stünden tief im Wasser. „Aber die Streifen des Ordnungsamts holen sie nicht raus“, warnt der Wirt.

Tatsächlich sucht das Bezirksamt Pankow in Weißensee eine Linie zwischen der Maßgabe, Bürgern bei bis zu 35 Grad die Abkühlung im Park zu ermöglichen – und der Durchsetzung des Badeverbots, das alle Ufer außerhalb des Strandbads Weißensee betrifft. Bezirksbürgermeister Sören Benn (Linke) betont auf Anfrage, dass man nicht vorhabe, „den Weißen See in eine Hochsicherheitszone zu verwandeln“ – und es unmöglich sei, „frei zugängliche Gewässer rund um die Uhr zu sichern“.

Trotzdem sagt Benn, dass man auf die „bestehende Lebensgefahr des Wildbadens zusätzlich deutlich hinweisen“ wolle. Und dass der Bezirk weitere Maßnahmen an der Fontäne prüfe, die als besonders gefährlich gilt. Die Strategie des Bezirks ist laut Benn, „ein Mix aus Aufklärung, Kenntlichmachung der Gefahrenzonen und Kontrollen“. Auch mit Anrainern wie dem Strandbad Weißensee wolle man die Partnerschaft vertiefen.

Gruppen aus Weißensee fordern Durchsetzung der Regeln vom Bezirk Pankow

Dennoch werden aus Bürgerinitiativen Stimmen laut, das Verbot gegen Wildbaden strikter durchzusetzen und die illegalen Badestellen am Weißen See im Zweifel zu sperren. „Die Situation wird durch Nichtstun geduldet – aber es braucht die Erkenntnis, dass Sicherheit und Umweltschutz wichtig sind“, sagt zum Beispiel Ralf Gräfenstein, der auf die Verdrängung von Wasservögeln durch die Übernutzung des Seeufers hinweist.

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Auch der Weißenseer Abgeordnete Dennis Buchner (SPD) fordert eine härtere Gangart und sagt: „Wer die Lippen spitzt, muss auch pfeifen: Der Bezirk muss nun entscheiden, ob er endlich das Badeverbot und Betretungsverbote für sensible Uferzonen durchsetzen will. Dazu muss ein organisiertes Einschreiten von Ordnungsamt und Polizei erfolgen. Und es müssen auch Bußgelder verhängt werden. Ich halte das für die einzige Möglichkeit, weitere schlimme Unfälle am See zu verhindern.“

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