Eine Männer-Unterhose in XXL für einen Euro oder Weihnachtsmänner für 50 Cent: Im Erdgeschoss vom Karstadt am Leopoldplatz in Berlin-Wedding versucht eine Horde Menschen noch ein letztes Schnäppchen beim Räumungsverkauf zu machen, während in den oberen Etagen bereits gähnende Leere herrscht. Der Lebensmittelbereich ist bereits seit Oktober geschlossen. Markenartikel und teure Uhren waren schon nach einer Woche weg, erzählt Sarah Kamal, die extra für den Ausverkauf angeheuert wurde.

Die Vitrinen bei Swarowski, Pandora und Fossil sind schon leergefegt. Von der einst großen Lippenstiftauswahl, dem Make-up in allen Schattierungen stehen nur noch Regale mit leeren Lippenstifthülsen. Die eleganten Dessous der teuren Edelmarken haben reißenden Absatz gefunden. Auch Damen- und Herrenmode von Brax, Pierre Cardin und Globetrotter ist nur noch durch die großen Werbebotschaften zu erahnen.

Karstadt: Extreme Rabatte locken Menschen zum Leopoldplatz

Absperrband und gähnende Leere in der Dessous-Abteilung von Karstadt am Leopoldplatz. Nur die Werbung erinnert noch an das einst große Sortiment.
Absperrband und gähnende Leere in der Dessous-Abteilung von Karstadt am Leopoldplatz. Nur die Werbung erinnert noch an das einst große Sortiment.© BM | Iris May

Was jetzt noch da ist: Resterampe. Trotzdem schwirren im Erdgeschoss Menschen umher, die geschäftig einkaufen, was noch übrig ist. An jedem Tresen bildet sich eine kleine Schlange. Die Silberkette mit Lotusanhänger hat einmal 99 Euro gekostet, jetzt ist sie für 20 Euro zu haben. Ein Mann kauft einen gefühlten Jahresvorrat an Schmuck für die Großfamilie, will jedes Stück als Geschenk verpacken lassen, aber die Verkäuferin sagt: „Wir haben keine Verpackung mehr.“

Die zweite Etage ist bis auf das Restaurant geschlossen. Vereinzelt sitzen Menschen in dem Bistro, in dem es nur noch Kuchen gibt. Der Küchenchef will sich nicht blicken lassen. Zwischen den leeren Regalen stehen Ex-Kollegen mit langjährigen Kollegen beisammen, sie fühlen sich „wie eine Familie, die auseinandergerissen wird“, kommen täglich her, um sich zu sehen. Der Umsatz sei gut gewesen, das Ganze ein Trauerspiel.

Mitarbeiterin: „Wie eine Familie, die auseinandergerissen wird“

Einige fürchten, dass sich am Leopoldplatz bald „eine ganz neue Klientel“ breitmacht. Obwohl bald alles vorbei ist, wurde den Mitarbeitern vom Konzern ein Maulkorb verpasst. Einige machen ihrer Trauer dennoch Luft. Eine Frau sagt: „Wenn man durch die leeren Räume geht, hat man einfach nur Tränen in den Augen.“ Sie erinnert sich: „Ick hab vor 34 Jahren hier angefangen, da war ick 20.“ Ein Mann, der 20 Jahre hier gearbeitet hat, schüttelt nur ungläubig den Kopf.

Die Zukunft des Karstadt-Standorts Leopoldplatz ist noch offen. Laut dem nun alleinigen Projekteigentümer, der Versicherungskammer, laufen die Planungen weiter.
Die Zukunft des Karstadt-Standorts Leopoldplatz ist noch offen. Laut dem nun alleinigen Projekteigentümer, der Versicherungskammer, laufen die Planungen weiter.© BM | Iris May

Einige der Mitarbeiter hoffen zwar noch immer, dass es „doch irgendwie weitergeht“. Doch diese Hoffnung dürfte vergebens sein. Die Schließung zum 31. Januar 2024 ist lange angekündigt. Zu rütteln ist daran nichts mehr. Erst recht nicht, nachdem Galeria Karstadt Kaufhof als nächste Folge der Signa-Pleite erneut Insolvenz beantragt hat. Unter den Mitarbeitern hieß es am Mittwoch, es könnte sogar schon zum 17. Januar alles verkauft worden sein.

Karstadt am Leopoldplatz: Versicherungskammer übernimmt Signa-Anteile

Während das Ende des Karstadt-Standorts sicher ist, sind andere Fragen zur Zukunft des Gebäudes noch offen. Neben dem insolvent gegangenen Mutterkonzern Signa gibt es im Falle des Weddinger Standorts einen zweiten Projektpartner.

Mehr zum Thema Signa:

Die Versicherungskammer ist ebenfalls an der Entwicklung beteiligt. Auf Nachfrage gibt der Konzern an, das Projekt wie geplant fortführen zu wollen. Aus diesem Grund habe man kurz vor Weihnachten bereits alle Signa-Anteile übernommen. „Mit dem Ziel, die Projektentwicklung wie geplant umzusetzen“, so der Sprecher der Versicherungskammer Ibrahim Ghubbar.

Damit ist die Versicherungskammer nun alleiniger Projekteigentümer des Karstadt-Standorts am Leopoldplatz, Signa ist raus. Man halte weiterhin daran fest, einen Mix aus Wohnen, Einkaufsmöglichkeiten sowie sozialen Angeboten zu schaffen, so Ghubbar. Ob man das Vorhaben in Eigenregie umsetzen oder aber einen neuen Projektpartner sucht, dazu wolle man sich zu diesem Zeitpunkt noch nicht äußern.

„Aufgrund der aktuellen Entwicklungen hat derzeit eine Stabilisierung der Situation rund um die Insolvenz der Signa Gesellschaften oberste Priorität“, so der Sprecher. Man müsse sich die neue Gemengelage nun erst einmal sortieren. Der „städtebaulichen Bedeutung“ des als „M25“ bekannten Projekts sei man jedoch im Klaren.

So sah die Vision Signas vom Karstadt-Gebäude in der Müllerstraße 25 aus.
So sah die Vision Signas vom Karstadt-Gebäude in der Müllerstraße 25 aus.© Baumschlager Eberle / onirism | Baumschlager Eberle / onirism

Am Dienstag hatte die Warenhauskette Karstadt Galeria Kaufhof, zu der auch der Standort an der Müllerstraße 25 gehört, bekannt gegeben, einen Insolvenzantrag gestellt zu haben. Das ist bereits das dritte Insolvenzverfahren in nur vier Jahren. Dem vorausgegangen war die Pleite des Mutterkonzerns Signa.

Nach und nach hatten in den vergangenen Wochen mehrere Unternehmen des österreichischen Handels- und Immobilienunternehmens Insolvenz angemeldet. So auch die Signa Retail Selection AG, zu der Karstadt Galeria Kaufhof gehört.

Lesen Sie mehr Nachrichten aus Mitte: