Von , Bezirksreporterin

Schon mehrfach spielten sich im Berliner Luxus-Kaufhaus KaDeWe spektakuläre Überfälle ab. Einer davon ereignete sich im Dezember 2014, nur wenige Tage vor Weihnachten – und dauert nur 79 Sekunden. In unserer True-Crime-Serie „Das dunkle Berlin“ blicken wir auf die Täter, die sich am Ende mehr als ungeschickt verhielten, und auf die große Frage nach der noch immer verschwundenen Beute.

In einem US-Film würde man von einem gelungenen „Heist“ sprechen: 79 Sekunden, mehr brauchte es nicht. 79 Sekunden, um einen der dreistesten Raubüberfälle in der Nachkriegsgeschichte Berlins zu begehen. Nicht einmal anderthalb Minuten, in denen fünf maskierte Täter in der Vorweihnachtszeit 2014 mit Äxten und Macheten die Schmuckabteilung des Kaufhauses des Westens (KaDeWe) verwüsten, traumatisierte Angestellte und mehr als ein Dutzend verletzte Kunden hinterlassen.

So brutal die Täter vorgingen, so ungeschickt gingen sie später den Strafverfolgern ins Netz. Die Ermittlungen führten tief in die Unterwelt des Berliner Clan-Milieus – mit überraschenden Fahndungserfolgen. Doch bis heute fehlt vom größten Teil der 800.000 Euro-Beute jede Spur.

Der KaDeWe-Raub: Die Fakten zum Fall im Überblick

FallKaDeWe-Raub 2014
Tatzeitpunkt20. Dezember
StatusAufgeklärt, Beute zum Großteil verschwunden
OpferMindestens 16 Verletzte, großer Sachschaden
BesonderheitenÜberfall dauerte nur 79 Sekunden

Berlin in der Weihnachtszeit: 79 Sekunden Ausnahmezustand im KaDeWe

Es ist der letzte Samstag vor Weihnachten, kurz nach 10 Uhr schlendern die ersten Kunden durch die Schmuckabteilung im Erdgeschoss des KaDeWe. Weihnachtsmusik dringt aus den Lautsprechern, die Vitrinen glitzern im Schein der Lichterketten. Verkäuferinnen zeigen Uhren und Schmuck, während Familien sich nach Geschenken umsehen.

Es ist die sprichwörtliche Ruhe vor dem Sturm. Um 10.20 Uhr stoppt an diesem 20. Dezember 2014 vor dem KaDeWe-Seiteneingang in der Ansbacher Straße ein schwarzer Audi A4 Avant. Fünf maskierte Männer springen heraus – bewaffnet mit Äxten, Hämmern und Macheten. Sie stoßen die Kunden zur Seite. Einen Security-Mitarbeiter und mehrere Kunden setzen sie mit Reizgas außer Gefecht. Binnen Sekunden herrscht Panik im luxuriösesten Kaufhaus Berlins.

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Das dunkle Berlin: True Crime aus der Hauptstadt

In ihrer Anfangszeit sorgte die Berliner Morgenpost mit der Erfolgsserie „Über das dunkle Berlin“ für Aufsehen. Nun knüpfen wir daran an – und berichten über die aufsehenerregendsten Verbrechen der Stadt. Unsere True-Crime-Serie: Das dunkle Berlin.

KaDeWe-Raubüberfall: Edeljuweliere Chopard und Rolex waren das Ziel

Gezielt stürmen die Täter in die Chopard-Schmuckabteilung im Erdgeschoss, schlagen mit äußerster Brutalität auf die Panzerglas-Vitrinen ein – hinterlassen ein Trümmerfeld. Unter ihren Hieben zerbersten die Scheiben, Splitter regnen auf den Boden. Uhren von Rolex, Goldketten, Ringe und Schmuck von Chopard und Cartier wandern in die mitgeführten Sporttaschen der Diebe. Eine Verkäuferin wird später aussagen: „Es war, als wären sie im Rausch. Jeder Schlag zielte genau, kein Zögern.“

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Überwachungskameras filmten die Täter während ihres Raubzugs im KaDeWe.© Polizei Berlin | -

Gerade einmal 79 Sekunden dauert der Überfall. Dann flüchten die Männer zurück in ihren Audi-Fluchtwagen. Als die Polizei Minuten später eintrifft, sind sie längst verschwunden. Zurück bleiben Scherben, ein beißender Geruch von Reizgas und verstörte Kunden, die kurz zuvor noch Weihnachtsgeschenke suchten. Die Bilanz: 15 geklaute Rolex-Uhren und Chopard-Diamantschmuck im Wert von rund 817.000 Euro.

Es war, als wären sie im Rausch. Jeder Schlag zielte genau, kein Zögern.

Augenzeugin

KaDeWe-Raub: Erste Spuren – Clan-Strukturen im Visier

Trotz Großfahndung können die Täter entkommen. Das KaDeWe wird nach dem Coup für knapp zwei Stunden geschlossen; Ersthelfer der Feuerwehr versorgen geschockte und durch Reizgas verletzte Kunden und Passanten. Mindestens 16 Personen mussten mit Reizungen der Atemwege und der Schleimhäute ärztlich behandelt werden, eine Kundin erlitt einen Asthmaanfall. Bei einigen Mitarbeitern kommt es zu psychischen Belastungsstörungen.

Die Ermittler sichern Videoaufnahmen und Spuren. Sie zeigen, wie die Täter mit stoischer Kälte zuschlagen. Es gibt Fingerabdrücke, Reifenspuren, Augenzeugenberichte – und die Täter begingen noch einen entscheidenden Fehler. Zwar tarnten sie sich mit Masken vor den Kameras, die das Innere und den Außenbereich des Kaufhauses überwachten – sie verwendeten aber ein auffälliges, getuntes Fluchtauto. Die Polizei startet eine großangelegte Suche. Bereits zu diesem Zeitpunkt prüfen die Ermittler auch Verbindungen ins Clan-Milieu der Hauptstadt. Tatsächlich finden sich Parallelen: Das Vorgehen erinnert an frühere Überfälle.

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Ermittler stehen nach dem Überfall vor dem KaDeWe.© picture alliance | Paul Zinken

KaDeWe-Raubüberfall: Getuntes Auto wird jugendlichen Dieben zum Verhängnis

Wenige Monate nach dem Überfall führt die Öffentlichkeitsfahndung nach dem Fluchtfahrzeug zum Erfolg. Ein Informant meldet sich mit konkreten Hinweisen. In Hilden (Nordrhein-Westfalen) wird die Polizei fündig: Dort steht ein schwarzer Audi mit gestohlenem Kennzeichen, auf den die Beschreibung passt. Ein 27-Jähriger aus Berlin, Hussein M., hat ihn dort zur Verschrottung abgegeben. Er wird am 18. März 2015 festgenommen – ein Glückstreffer, denn bei den Vernehmungen sagt der Mann gegen Mitglieder des Al Z.-Clans aus und gibt die Namen von Mittätern preis. Die Ermittler haben jetzt konkrete Spuren, die in die Parallelwelten der Berliner organisierten Kriminalität führen.

Im April 2015 schlägt die Polizei mit einem SEK-Großaufgebot zu. 220 Beamte, darunter 60 Kräfte des Spezialeinsatzkommandos, durchsuchen zeitgleich Wohnungen und Geschäftsadressen in Neukölln, Hermsdorf, Lankwitz und Gropiusstadt. Die Ausbeute: sichergestellte Schusswaffen, Munition, Schmuck, Bargeld, ein Porsche – und acht Festnahmen, darunter die beschuldigten Cousins Jehad und Khalil Al-Z. Berlins damaliger Innensenator Frank Henkel (CDU) zeigt sich hochzufrieden: „Dieser Schlag gegen die organisierte Kriminalität zeigt, dass der Staat entschlossen gegen die Unterwelt vorgeht“.

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KaDeWe-Raubüberfall: Jehad Al-Z. – „Papa wir haben das KaDeWe gemacht“

Rückblende auf den 20. Dezember 2014: Unmittelbar nach dem erfolgreichen Raubzug machen sich die Täter auf den Weg nach Neukölln zu einem Mietshaus, in dem Zaki Al-Z. und Jehad Al-Z. wohnen: Vater und Sohn. Was dann passiert, geht aus den LKA-Ermittlungsakten zur Befragung von Ali H., Spitzname „Das Krokodil“, Tatbeteiligter und später wichtigster Kronzeuge hervor: „Als wir in die Wohnung kamen, hat Jehad [Al-Z., Anm. d. Red.] als Erstes die Beute auf den Tisch gelegt und gesagt: ‚Papa, wir haben das KaDeWe gemacht.‘“ Dann soll Zaki Al-Z., der Patriarch der Familie, seinen Anteil verlangt haben. 50 Prozent. Es sei schließlich seine Idee gewesen.

Der erste KaDeWe-Prozess gegen die drei 26 bis 29 Jahre alten Männer – Hussein M., Jehad und Kalil Al-Z. – beginnt im November 2015 vor dem Landgericht Berlin. Hussein M., der das Fluchtauto stellte und von der Fünferbande nach dem Aufteilen der Beute zum Feiern in ein Berliner Edelbordell eingeladen wurde, kommt mit zwei Jahren auf Bewährung davon. Jehad Al-Z. muss als Anführer des KaDeWe-Überfalls sechs Jahre und acht Monate in Haft. Kalil Al-Z. wird mangels Beweisen freigesprochen.

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Jehad Al Z. – einer der Täter – während des Prozesses vor Gericht.

Jehad Al Z. – einer der Täter – während des Prozesses vor Gericht. Bild: © picture alliance | Paul Zinken

Wenig später räumte der Bruder von Jehad, Hamza-Al Z., die Tat ein: „Ich schlug auf die Vitrinen ein.“ Der damals 20-Jährige wird im Oktober 2016 zu einer Bewährungsstrafe von zwei Jahren und neun Monaten verurteilt. Ein weiterer Täter, Aladin Ö., der einräumt, Reizgas versprüht zu haben, wird zu einer Haftstrafe verurteilt, die auf Bewährung ausgesetzt wird.

KaDeWe-Raubüberfall: Der Familienpatriarch schweigt, als sein Urteil fällt

Ali H., der „Mann mit der Machete“, wird zusammen mit Mehmet A. ins Zeugenschutzprogramm aufgenommen. Beide Männer hatten neben dem KaDeWe-Raub von Zaki und seinem Cousin Adnan Al-Z. – den zwei mächtigen Männern des Al-Z.-Clans – den Auftrag für einen Rachemord erhalten; laut eigenen Aussagen aber im letzten Moment Skrupel bekommen und dem Opfer nur in die Beine geschossen.

Als sie selbst daraufhin bedroht werden, gehen sie zur Polizei und liefern wertvolle Hinweise, die zur Verurteilung des 57-jährigen Familienpatriarchen Zaki Al-Z. im Dezember 2017 führen. Zaki Al-Z. räumt ein, ein Beutestück aus dem Überfall, eine Uhr, für 8000 Euro verkauft zu haben. Der Verbleib der Rest der Beute bleibt – bis auf später aufgetauchte Einzelstücke – verschwunden. Zaki Al-Z. wird vom Berliner Landgericht wegen Beihilfe zum schweren Raub im Zusammenhang mit dem KaDeWe-Raub sowie versuchte Anstiftung zum Mord zu einer Freiheitsstrafe von sechs Jahren und elf Monaten verurteilt.

Aus unserer True-Crime-Serie „Das dunkle Berlin“

KaDeWe-Raubüberfall: Dreister Coup – und wo ist die Beute?

Nach den Verurteilungen in den KaDeWe-Prozessen bleibt nur eine Frage offen: Wo ist der Großteil der Beute? Mehr als anderthalb Jahre nach dem Raubüberfall taucht ein Stück über Umwege wieder auf. Im Sommer 2016 versucht ein Portugiese in einem Pfandhaus in Charlottenburg, ein Collier zu beleihen. Da er keine Eigentumsnachweise vorlegen kann, weist ihn der Angestellte ab und zeigt ihn an. Der 38-Jährige gibt daraufhin an, das Schmuckstück seiner Freundin gestohlen zu haben, die die Chopard-Diamantenkette für einen Unbekannten aufbewahrte.

Die beschuldigte Freundin Esra S., Geschäftsführerin des Wilmersdorfer Restaurants „Grand QBA“, beharrt darauf, das Collier, das als KaDeWe-Beutestück identifiziert wird, beim Aufräumen des Lokals gefunden zu haben. Der von Chopard angegebene Verkaufswert des Colliers: 277.650 Euro. Vor Gericht verfängt die Erklärung von S. nicht. Sie wird wegen Begünstigung und Versteckens von Raubgut zu einer Geldstrafe in Höhe von 1350 Euro verurteilt.

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Eines der Schmuckstücke, das aus dem KaDeWe entwendet wurde.© Polizei Berlin

KaDeWe-Raubüberfall: 43-Jähriger erhält 18 Monate Haft wegen Hehlerei

Neun Jahre nach dem Raubüberfall taucht schließlich erneut ein Fundstück aus der KaDeWe-Beute auf: 2023 versetzt der 43-jährige Rahib E. die zum Collier passenden Chopard-Ohrringe bei einem Pfandleiher in Wien. Er bekommt 4000 Euro für die 154.000 Euro wertvollen Schmuckstücke – und wenig später Besuch von der Polizei. Der Pfandleiher hatte die Ohrringe zur Reparatur an einen Juwelier übergeben, der sie als Beutegut erkannte. Bei der Befragung gibt Rahib E. an, die Ohrringe auf der Toilette des „Grand QBA“ gefunden zu haben. Wenig glaubwürdig, entscheidet das Wiener Landgericht, und verurteilt ihn zu 18 Monaten Haft wegen Hehlerei.

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Übrigens muss sich niemand bemüßigt fühlen, nun den Weg nach Wilmersdorf auf sich zu nehmen, um sich nach weiteren „Fundstücken“ umzusehen. Das Restaurant wurde inzwischen geschlossen. Der Verbleib der übrigen Beute aus dem gleichermaßen brutalen wie spektakulären KaDeWe-Weihnachtsraubzug bleibt bis heute ein ungelöstes Rätsel.