Die Worte waren überraschend: „Viele mögen zwiespältige Gefühle haben, weil wir die Nachrichten aus den USA gesehen haben. Aber ich möchte sagen, dass heute ein Tag der Hoffnung ist.“ Mit dieser Aussage eröffnet Fjodor Krascheninnikow seine Rede vor mehreren Hundert Demonstranten am Potsdamer Platz. Der russische Publizist und Politologe musste 2020 nach einer Verurteilung wegen „Beleidigung der Staatsgewalt“ Russland verlassen und arbeitet heute im Exil in Litauen

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Ein Tag nach dem diplomatischen Eklat zwischen US-Präsident Trump und dem ukrainischen Präsidenten Selenskyj ziehen die Demonstranten durch die Berliner Innenstadt. „Es ist viel wichtiger als je zuvor, dass wir uns wirklich zeigen, dass wir dagegen sind, dass wir nicht aufgeben, dass wir unsere zivilisierten Werte schützen und uns wirklich auch da positionieren“, erklärt die Demonstrantin Lena, während sie ein Schild mit der Aufschrift „Russians Against The War – with Ukraine“ hochhält.

Demonstrantin Lena mit ihrem Protestplakat "Russians Against The War - With Ukraine" bei der Demonstration am Potsdamer Platz.
Demonstrantin Lena mit ihrem Protestplakat „Russians Against The War – With Ukraine" bei der Demonstration am Potsdamer Platz.© Florentine Lippmann | Florentine Lippmann

Der Protestzug bewegt sich vom Potsdamer Platz über die Stresemannstraße in Richtung Brandenburger Tor. Die blau-gelben Farben der Ukraine sind zu sehen, daneben die weiß-blau-weißen Flaggen der russischen Opposition. Ein junger Mann trägt ein Porträt von Alexej Nawalny, dessen erster Todestag erst kürzlich begangen wurde.

Exil-Russen vereint im Kampf gegen Krieg und Unterdrückung

Oleg, 42, lebt seit 2014 Jahren in Berlin. „Was gestern in Washington passiert ist, war ein Schock für uns alle“, sagt er. „Trump hat der Ukraine praktisch ins Gesicht gespuckt. Das ist genau das, was Putin will – Spaltung und Zwietracht im Westen.“ Er fügt hinzu: „Ich bin aus Russland geflohen, weil ich nicht mehr in einem Land leben wollte, das einen Angriffskrieg führt. Und jetzt sehe ich, wie die größte Demokratie der Welt sich von einem Autokraten manipulieren lässt.“

Anti-Putin-Demo der russischen Opposition in Berlin
Anti-Putin-Demo der russischen Opposition in Berlin.© FUNKE Foto Services | Reto Klar

Die Demonstration wurde von Julia Nawalnaja, der Witwe des verstorbenen Oppositionsführers, gemeinsam mit anderen prominenten Exil-Russen organisiert. Der Zeitpunkt ist symbolisch: Drei Jahre Krieg in der Ukraine, ein Jahr seit Nawalnys Tod, zehn Jahre seit der Ermordung von Boris Nemzow. Alle Fäden, so die Überzeugung der Demonstranten, laufen bei Wladimir Putin zusammen.

Dima, ein 35-jähriger Softwareentwickler aus Moskau, nimmt ebenfalls an der Demonstration teil. „Wir stehen vor einer Zeitenwende“, sagt er. „Wenn Trump nach seinem Treffen mit Selenskyj wirklich die Unterstützung für die Ukraine zurückfährt, dann wird Putin das als Sieg feiern. Und wissen Sie, was das bedeutet? Noch mehr Krieg, noch mehr Unterdrückung, noch mehr Tote.“

Die Angst vor dem Verlust westlicher Unterstützung wächst täglich

Auf dem Boulevard Unter den Linden versammeln sich immer mehr Menschen. An der Spitze des Zuges ist Julia Nawalnaja zu sehen, flankiert von Ilja Jaschin und Wladimir Kara-Mursa, beide selbst ehemalige politische Gefangene.

Anti-Putin-Demo der russischen Opposition in Berlin
„Stop Putin!“ Steht auf dem Banner unter dem Rednerpult.© FUNKE Foto Services | Reto Klar

Oleg weiter: „Wissen Sie, was das Schlimmste ist? Dass Trump nicht versteht, was auf dem Spiel steht. Es geht nicht nur um die Ukraine. Es geht um die Frage, ob Autokraten wie Putin in Zukunft einfach machen können, was sie wollen.“ Er warnt: „Wenn die Ukraine fällt, ist Europa als nächstes dran. Berlin ist dann nicht mehr sicher.“

Die Veranstalter haben am Brandenburger Tor eine Bühne aufgebaut. Als Fjodor Krascheninnikow erneut das Wort ergreift, richtet sich die Aufmerksamkeit der Menge auf ihn. „Wir haben uns hier versammelt, um einander zu unterstützen, unsere Hoffnung und unseren Kampf“, ruft er den Demonstranten zu.

Der gemeinsame Kampf für Freiheit kennt keine Grenzen

„Ich bin seit zwei Jahren in Berlin und habe an vielen Demonstrationen teilgenommen“, erzählt Dima. „Aber heute fühlt es sich anders an. Bedrohlicher. Als ob wir nicht nur gegen Putin demonstrieren, sondern auch gegen die Gleichgültigkeit des Westens kämpfen müssen.“ Er zeigt auf sein selbstgemaltes Schild mit der deutlichen Aufschrift „Fuck Putin Fuck Trump“.

Der 35-jährige Softwareentwickler Dima aus Moskau macht mit seinem deutlichen Protestplakat "Fuck Putin Fuck Trump" seine Ablehnung beider Präsidenten unmissverständlich klar.
Der 35-jährige Softwareentwickler Dima aus Moskau macht mit seinem deutlichen Protestplakat "Fuck Putin Fuck Trump" seine Ablehnung beider Präsidenten unmissverständlich klar.© Florentine Lippmann | Florentine Lippmann

Angemeldet war die Demonstration mit 3000 Teilnehmern. Nach Angaben der Berliner Polizei startete der Demonstrationszug mit rund 800 Menschen. Zwischenfälle gab es keine.

Auf den Plakaten steht „Stop Putin, Stop Trump“ oder „Don‘t betray Ukraine“

Viele der Demonstranten trugen Plakate, die Putin als Diktator kritisieren oder ihm vorwerfen, ein Mörder zu sein. Einige schwenkten Europafahnen, andere hielten Fotos von politischen Gefangenen in Russland hoch. Viele Transparente nahmen auch Bezug auf die aktuelle Situation: „Stop Putin, Stop Trump“ war darauf zu lesen oder „Don‘t betray Ukraine“. Andere warnten vor „Victim blaming“ gegenüber der Ukraine, der Täter-Opfer-Umkehr, wie in Trumps Vorwürfen gegenüber Selenskyj.

In einer Erklärung betonen die Veranstalter: „Putin ist verantwortlich für diese Verbrechen. Darum gehen wir auf die Straße – gegen Morde, gegen Putin, gegen den Krieg, für den Frieden, für die Freiheit, für das Recht, ohne Angst zu leben.“