Donald Trump gegen Wolodymyr Selenskyj: Noch nie wurde die Welt Zeuge, wie ein Gespräch im Oval Office vor laufenden Kameras derart aus dem Ruder lief. Noch nie wurde ein Staatschef aus dem Weißen Haus geworfen wie nun Selenskyj. Was steckt dahinter? Die Antworten auf die wichtigsten Fragen.
Was sind die Absichten von Donald Trump?
Es ist nicht auszuschließen, dass US-Präsident Donald Trump und sein Vize JD Vance von vornherein das Ziel hatten, den ukrainischen Staatschef Wolodymyr Selenskyj auf offener Bühne zu brüskieren. Nach dieser Lesart wollten die Amerikaner einen derart hohen Druck erzeugen, dass Selenskyj einknickt und einen schnellen „Friedens-Deal“ mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin akzeptiert. Das heißt: die für Amerika lukrative Ausbeutung von Bodenschätzen in der Ukraine, keine Nato-Mitgliedschaft für das Land, Abgabe von Gebieten und die vage Aussicht auf einen Waffenstillstand und ein sich daran anschließendes Friedensabkommen.
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Trump hatte sich bereits als großen Triumphator gesehen – der Mann mit dem diplomatischen Zauberstab, friedensnobelpreisverdächtig. Nach diesem Drehbuch blieb für Selenskyj nur Unterwerfung und Huldigung des Chefs der Supermacht. Dass der Ukrainer auf US-Sicherheitsgarantien pochte, galt als „respektlos“. Eine Majestätsbeleidigung.
Doch unabhängig davon, ob der Ukrainer in eine Falle gelockt werden sollte oder das Gespräch im Oval Office zu einem verbalen Boxkampf eskalierte: Trump hat sich von der multilateralen Weltordnung verabschiedet, die von Amerika seit Gründung der Vereinten Nationen 1945 lang hochgehalten wurde. Der US-Präsident sieht hingegen das Völkerrecht als Hemmschuh, das kleinen Staaten zu viel Einfluss verschafft. Für ihn werden Spannungen durch die Absprache von Großmächten beigelegt. Dahinter steckt eine krude Machtlogik: Der Stärkere diktiert, der Schwächere hat sich zu fügen. Bündnisse zwischen Partnern, demokratische Werte sind für ihn ebenso überflüssig wie Verträge oder internationale Organisationen.

Aus diesem Grund will Trump einen Deal mit Putin. Der erste Schritt zur Beendigung des Ukraine-Krieges sollte ein Gespräch zwischen US-Außenminister Marco Rubio und seinem russischen Amtskollegen Sergej Lawrow in Saudi-Arabien sein. Die Vertreter der angegriffenen Ukraine und der EU blieben außen vor.
Trumps Charme-Offensive Richtung Putin hat aber noch einen anderen Zweck: Er will Russland aus der Achse mit China herauslösen. Der wirtschaftliche, militärische und politische Aufstieg der Volksrepublik ist für Amerika die größte Herausforderung. Doch das Kalkül ist naiv: Die strategische Allianz zwischen Moskau und Peking ist unverbrüchlich. Beide Länder sind Autokratien. Sie arbeiten gemeinsam am Ziel, den Niedergang des Westens zu beschleunigen. Trump spielt ihnen dabei in die Karten.

In welcher Lage befindet sich die Ukraine?
Der Eklat in Washington ist das Worst-Case-Szenario für die Ukraine. Im Gegensatz zum diplomatischen Hochseilakt von Frankreichs Präsident Emmanuel Macron und dem britischen Premier Keir Starmer – viel Schmeichelei und ein paar sanfte Nadelstiche gegen Trump – trat Selenskyj Trump mit offenem Visier auf. Der Ukrainer war bereit, einen Teil seiner Bodenschätze für die Amerikaner zu opfern. Er hätte vermutlich auch dem Verzicht einiger Territorien für eine Übereinkunft mit Putin zugestimmt. Aber ohne militärische Sicherheitsgarantien der USA war für ihn das Risiko zu groß, dass Putin eine Waffenruhe für die nächste Invasion nutzt.
Es besteht nun die Gefahr, dass Trump die Militärhilfe für die Ukraine auf null fährt. Amerikanische Assets wie Patriot-Flugabwehrraketen oder Satellitenaufklärung sind für das angegriffene Land existentiell wichtig. Die Europäer können dies nicht voll kompensieren. Das erhöhte die Chancen für Putin, die Ukraine zu besiegen. Er könnte sich ermutigt sehen, seine imperialen Ambitionen auch mit Blick auf Nato-Territorium – etwa die baltischen Staaten – auszudehnen. Westliche Geheimdienste warnen seit Langem davor.
Aktuelle News zum Ukraine-Krieg
Was ist die Strategie von Wladimir Putin?
Trumps Erwartung, dass Putin an einer Waffenruhe oder einem Abkommen mit der Ukraine interessiert sein könnte, ist die naive Hoffnung eines größenwahnsinnigen Möchtegern-Friedensstifters. Der Kremlchef will die Ukraine besiegen. Ein pro-westliches, wirtschaftlich prosperierendes Land in der Nachbarschaft könnte auch für die Bürger seines Landes attraktiv sein. In einem im Juli 2021 veröffentlichen Essay hat der Kremlchef glasklar formuliert, dass Russen und Ukrainer „ein Volk“ seien. Will heißen: Die Ukraine hat kein Existenzrecht.
Doch Putins Maximal-Strategie reicht noch weiter. Er will die 1999 begonnene Nato-Osterweiterung rückgängig machen. Amerikanische Truppen und Atomwaffen sollen von Europa abgezogen werden. Ziel ist eine große russische Einflusszone in Europa.

Putin befindet sich auf einem Rachefeldzug gegen den Westen. Der Zusammenbruch der Sowjetunion und die Hegemonie der Vereinigten Staaten nach dem Mauerfall 1989 waren für ihn die „größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts“. Der multikulturelle Westen ist für ihn „dekadent“ und global auf dem absteigenden Ast. Putin und Chinas Staatschef Xi Jinping arbeiten an einer multipolaren Welt, in der Moskau und Peking wichtige Kraftzentren bilden – mit starker Ausstrahlung auch auf den „globalen Süden“. Sie haben nun unverhofft einen neuen Helfer: Donald Trump.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
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Insofern verwundert es nicht, dass Moskau die neue US-Außenpolitik begrüßt. „Die neue Regierung verändert rapide alle außenpolitischen Strukturen. Das stimmt größtenteils mit unserer Vision überein“, sagte Kreml-Sprecher Dmitri Peskow am Sonntag im russischen Staatsfernsehen. Zwar hätten beide Länder noch einen weiten Weg vor sich. Aber wenn der politische Wille Trumps und des russischen Präsidenten Wladimir Putins beibehalten werde, „kann der Weg dorthin schnell und erfolgreich sein“, sagte der Kreml-Sprecher.
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Was muss Europa jetzt leisten?
Der Schlagabtausch zwischen Trump und Selenskyj bedeutet für Europa den Beginn einer neuen Ära. Die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas hat dies auf die Formel gebracht: „Heute ist klar geworden, dass die freie Welt einen neuen Anführer braucht. Es liegt an den Europäern, diese Herausforderung anzunehmen.“
Die Lage ist extrem ernst. Wenn Amerika als strategischer Partner und ultimativer Sicherheitsgarant ausfällt, muss Europa versuchen, die Lücke wenigstens ansatzweise zu schließen. Und zwar schnell. Da Russland-Freunde wie der ungarische Premier Viktor Orbán und sein slowakischer Amtskollege Robert Fico ausscheren, kann die EU nicht geschlossen agieren. Es bedarf einer europäischen Koalition der Willigen rund um Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Polen, Italien, die baltischen Staaten und die Skandinavier.
Dieser harte Kern der EU plus Großbritannien muss sich unverzüglich politisch organisieren. Vor allem in militärischer Hinsicht stehen die Europäer vor gewaltigen Aufgaben. Putin hat die russische Wirtschaft auf Kriegsproduktion getrimmt – der Bedarf reicht weit über die Ukraine hinaus.
Die Europäer müssen viele Milliarden für das Militär lockermachen, wollen sie Putin wirklich abschrecken. Die Rüstungsbeschaffung sollte zentral koordiniert und nicht von jedem Land national gesteuert werden. Dadurch werden Synergien erhöht, und es lässt sich viel Geld einsparen. Da Trump zum Risikofaktor geworden ist, darf auch die Ausweitung des Atomschirms der Franzosen und der Briten auf Europa kein Tabu sein. Der disruptive Kurs des US-Präsidenten schafft Chaos. Er bietet aber auch Chancen, dass Europa endlich erwachsen wird.







