Krisenstimmung in Europa nach der Abkehr des US-Präsidenten Donald Trump von seinen Verbündeten: Nach dem Eklat im Weißen Haus und Forderungen aus dem Trump-Umfeld nach einem amerikanischen Nato-Austritt scheint nichts mehr sicher - auch der Schutz durch die US-Atomwaffen ist plötzlich fraglich. Der wahrscheinlich nächste Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) will als Konsequenz eine gemeinsame atomare Abschreckung Europas sondieren. Bekommt Deutschland jetzt doch Zugriff auf europäische Atombomben – zum Schutz vor Russland? Worum es geht, welche Hürden es gibt. Stimmen und Fakten zur brisanten Debatte.

Atomwaffen: Was will Friedrich Merz?

Deutschland und Europa müssten sich darauf einstellen, dass Donald Trump das Beistandsversprechen des Nato-Vertrages nicht mehr uneingeschränkt gelten lässt, sagt Merz. Das Schicksal Europas sei den Amerikanern weitgehend gleichgültig, deshalb müsse man Schritt für Schritt Unabhängigkeit erreichen von den USA. Merz will wegen der Entwicklung mit den Atommächten Großbritannien und Frankreich auch darüber reden, ob es eine nukleare Teilhabe, einen gemeinsamen Atomwaffen-Schutzschirm für Europa geben kann – ein Thema soll das auch in den Koalitionsverhandlungen mit der SPD sein. Angesichts der veränderten Lage müsse das Thema jetzt noch einmal neu und gemeinsam erörtert werden. Merz sieht aber „heute keine Veranlassung“ darüber nachzudenken, ob Deutschland eigene Atomwaffen besitzen sollte.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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Neue Nahrung erhalten die Befürchtungen über ein Ende der US-Atomgarantien durch die Forderung des Trump-Vertrauten Elon Musk, der den Austritt der USA aus der Nato fordert. Musk teilte einen Post des rechtskonservativen Kommentators Gunther Eagleman bei X, in dem dieser schrieb: „Es ist Zeit, die Nato und die UN zu verlassen.“ Musk kommentierte: „Ich stimme dem zu“.

Wie sind die Reaktionen auf den Merz-Vorstoß?

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron nimmt den Ball auf, schlägt jetzt einen „strategischen Dialog“ über einen Schutzschild mit den europäischen Partnern vor, die nicht über Atomwaffen verfügen. Das würde auch Frankreich stärker machen. „Wir haben einen Schutzschild, sie nicht“, sagt Macron, „Sie können nicht länger von der nuklearen Abschreckung der USA abhängen.“ Der Chef der europäischen Christdemokraten, Manfred Weber (CSU), sieht das ähnlich, er unterstützt den Merz-Plan. Weber sagte unserer Redaktion: „Wer nach Washington blickt, der muss verstehen: Europa ist alleine und wir müssen uns jetzt eigenständig bewaffnen“.  Der EVP-Partei- und Fraktionsvorsitzende nannte die Ankündigung von Merz „ein starkes und wichtiges Signal“. Das entsprechende Angebot Macrons sei von Berlin viel zu lange ignoriert worden. Der EU-Sondergipfel am Donnerstag müsse klare Entscheidungen fällen, forderte Weber. „Zudem müssen wir jetzt die ersten Schritte zur europäischen Armee gehen.“

Besuch von Unions-Kanzlerkandidat Friedrich Merz (r.) im Élysée-Palast in Paris beim französischen Präsident Emmanuel Macron.  Merz möchte mit Macron auch über einen europäischen Atomschutzschirm sprechen.
Besuch von Unions-Kanzlerkandidat Friedrich Merz (r.) im Élysée-Palast in Paris beim französischen Präsident Emmanuel Macron. Merz möchte mit Macron auch über einen europäischen Atomschutzschirm sprechen. © dpa | Sarah steck/Présidence de la République

Bundeskanzler Olaf Scholz hatte Forderungen nach einer europäischen Atomwaffen-Lösung bislang abgelehnt und davor gewarnt, die US-Regierung könne sich dann erst recht zum Rückzug ermutigt fühlen. Der SPD-Außenpolitiker Ralf Stegner sagte unserer Redaktion, er glaube nicht, dass sich die SPD auf den Plan von Merz einlassen könnte. Selbstverständlich sei eine enge Zusammenarbeit mit Frankreich und Großbritannien notwendig, ebenso die Stärkung der Verteidigungsfähigkeit und die Präsenz an der Nato-Ostgrenze. „Aber wir brauchen bestimmt keine weitere nukleare Aufrüstung, schon gar nicht über eine atomare Bewaffnung Deutschlands, das ist ein Irrweg“, sagte Stegner.

Es müsse vielmehr darum gehen, die atomare Aufrüstung weltweit zu stoppen und dafür zu sorgen, dass die Zahl der Atomwaffen wieder sinke. Linke-Chef Jan von Aken nannte den Merz-Vorstoß einen „gefährlichen und zugleich überflüssigen Weg“. Eine europäische Atombewaffnung gebe es bereits mit den britischen und französischen Arsenalen, sagte er unserer Redaktion. „Es gibt keinen Grund, warum Deutschland jetzt aktiver Teil dieses Systems nuklearer Abschreckung werden soll.“ Van Aken meinte weiter: „Das lässt sich nur damit erklären, dass Friedrich Merz Ambitionen auf deutsche Atomwaffen hat, und das ist angesichts der deutschen Geschichte ein völliger Irrweg.“

Britischer Raketentest von Atom-U-Boot gescheitert
Im Kriegsfall wäre es eine Atom-Rakete: Die britische Marine schießt bei einem Test eine Rakete vom Typ Trident II von einem U-Boot ab. CDU-Chef Friedrich Merz will im Fall seiner Wahl zum Bundeskanzler auch mit Großbritannien über gemeinsame nukleare Abschreckung sprechen. © picture alliance/dpa/PA Media | Lockheed Martin

Haben Frankreich und Großbritannien überhaupt genug Atombomben?

Frankreich besitzt nach aktuellen Daten des Stockholmer Friedensforschungsinstituts Sipri etwa 290 Atomsprengköpfe. Der Großteil ist für den Raketen-Abschuss von U-Booten vorgesehen, mit 50 Sprengköpfen auf Marschflugkörpern sollen im Ernstfall Rafale-Kampfbomber beladen werden. Großbritannien stützt sich auf ein eng mit den USA verbundenes System mit etwa 220 Sprengköpfen, die nur für den Einsatz von See aus gedacht sind. Von den vier mit Trident-Atomraketen ausgestatteten U-Booten  sind stets zwei auf Patrouillenfahrt. Gemessen an den 5900 Atomsprengköpfen Russlands und den 5200 der USA sind beide Arsenale klein. Sie reichen wahrscheinlich für die Abschreckung eines Gegners, aber im Konfliktfall hätten Frankreich und Großbritannien wenig Eskalationspotenzial. Paris und London verfolgen beide eine rein nationale Atomstrategie, in der der Schutz von Verbündeten keine Rolle spielt. Frankreich ist auch nicht Teil der Nuklearen Planungsgruppe der Nato, um die vollständige Kontrolle über die eigenen Atomstreitkräfte zu behalten.

Wie funktioniert der Atom-Schutzschirm der USA?

Deutschland und die meisten europäischen Staaten sind nur durch die erklärte Bereitschaft der USA wirksam geschützt, zur Verteidigung der Nato-Partner notfalls auch Atomwaffen einzusetzen. Das bedeutet maximales Risiko für einen möglichen Angreifer. Leise Zweifel an der Atomschirm-Garantie gab es immer wieder – durch Trumps abrupten Kurswechsel ist das Vertrauen der Europäer nun aber massiv gesunken.

Kopf der Interkontinentalrakete, Atomrakete, Titan Missile Museum, Green Valley, Tucson, Arizona, USA, Nordamerika
Der Kopf einer US-Interkontinentalrakete im Titan Missile Museum in Tucson, Arizona.© picture alliance / imageBROKER | Erich Schmidt

Nach dem Ende des Kalten Krieges haben die USA den Großteil ihrer 7000 Atomwaffen aus Europa abgezogen, doch im Konzept der „erweiterten Abschreckung“ sollen die Bündnispartner durch das amerikanische Arsenal geschützt sein – das besteht vor allem aus strategischen Langstreckenraketen und Atomwaffen etwa auf U-Booten. Außerdem verfügen die USA über etwa 100 Atombomben in Europa.

Etwa 20 Sprengköpfe befinden sich in Deutschland, einsatzbereit in unterirdischen Bunkern des Fliegerhorst Büchel in Rheinland-Pfalz. Weitere Depots liegen in Belgien, den Niederlanden, Italien und der Türkei. Die Atomwaffen in Deutschland würden im Ernstfall – nach Freigabe durch den US-Präsidenten - von Tornado-Kampfjets der Bundeswehr ins Zielgebiet geflogen und abgeworfen. Die USA tauschen die Sprengköpfe in Europa derzeit gegen die modernere Version B61-12 aus, die Ziele präziser treffen können. Der Bund lässt den Standort Büchel für über eine Milliarde Euro modernisieren. Um die nukleare Teilhabe zu sichern, hat die scheidende Bundesregierung in den USA 35 moderne Tarnkappen-Kampfjets vom Typ F-35 für rund zehn Milliarden Euro bestellt.

Wie könnte eine europäische Lösung aussehen?

Im Raum steht ein mehrfach erklärtes Angebot von Frankreichs Präsident Macron, mit Berlin über die nukleare Abschreckung zu reden. Ernsthafte Gespräche gab es bisher aber nicht, Kanzler Olaf Scholz hat auch kein Interesse gezeigt. Das Problem: Die Mitsprache Deutschlands hätte nach jetzigem Stand enge Grenzen, im Ernstfall würde der französische Präsident allein über den Einsatz von Atombomben entscheiden.

Trident II Rakete
Das getauchte U-Boot USS Tennessee der US-Marine schießt bei einem Test eine Rakete vom Typ Trident II ab. Im Ernstfall würde diese Rakete einen Atomsprengkopf tragen.© picture alliance / Phil Sandlin/AP/dpa | Phil Sandlin

Hinzu kommt inzwischen die Befürchtung, dass 2027 die rechtspopulistische Marine Le Pen die Präsidentschaftswahlen in Frankreich gewinnen könnte – dann stünden Beistands-Absprachen auf wackligen Füßen. Für die Kooperation mit Frankreich bräuchte es erstmal ernsthafte Gespräche und politische Bewegung in Paris. Von Großbritannien ist ein Gesprächs-Angebot bislang nicht bekannt, die Diskussion müsste hier also ganz neu beginnen.

Denkbar ist auch, dass sich EU-Staaten zusammentun, um gemeinsam ein neues Atomwaffen-Arsenal aufzubauen. Eine solche große europäische Lösung würde allerdings technisch und politische viele Jahre für die Umsetzung brauchen. Und die Frage wäre: Wer sollte im Ernstfall den roten Knopf drücken?

Muss Deutschland selbst Atommacht werden?

Das gilt unter Fachleuten als kaum realistisch: Es wäre militärtechnisch ambitioniert, benötigt würden hohe Milliarden-Investitionen, selbst unsere EU-Nachbarn wären irritiert. Verteidigungsexperten spekulieren gelegentlich, die US-Regierung könnte einen Teil ihrer ausgemusterten, aber noch nicht zerstörten Atomwaffen zur Verfügung stellen. Anzeichen gibt es dafür bisher nicht, auf diesem Weg ließe sich aber ein eigener Schutzschirm in wenigen Jahren herstellen. Aber: Die Bundesrepublik hat sich im Atomwaffen-Sperrvertrag zum Verzicht auf Atombomben verpflichtet, ein Ausstieg würde weltweit als Signal zum Wettrüsten verstanden.