Das Treffen zwischen Trump und seinem ukrainischen Kollegen war mit Spannung erwartet worden. Der Republikaner hatte Selenskyj bereits in den vergangenen Wochen mit teils haarsträubenden Beschimpfungen überzogen und ihn Diktator genannt – unmittelbar vor dem Besuch des Ukrainers hat er aber seinen Ton gemildert. Eigentlich wollten die Ukraine und die USA ein Rohstoffabkommen unterzeichnen. Es kam aber alles anders. Hier der Gesprächsverlauf eines bizarren Machtpokers.
Eskalation nach 40 Minuten
Selenskyj traf am Vormittag (Ortszeit) im Weißen Haus ein. Trump begrüßte ihn mit Handschlag und sagte zu dem Ukrainer, dass dieser sich herausgeputzt habe. Selenskyj war wie üblich mit einem Pullover bekleidet. Dann ging es für die beiden ins Oval Office, wo sie sich ersten Fragen der Presse stellten. Rund 40 Minuten lang verlief das Gespräch in angemessener Atmosphäre.
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Trump machte deutlich, dass die Ukraine in Friedensverhandlungen mit Russland Kompromisse machen müsse und dass die Friedenssicherung für ihn zweitrangig sei. „Ich mache mir keine Sorgen um die Sicherheit. Ich sorge mich darum, den Deal abzuschließen“, so Trump mit Blick auf ein Friedensabkommen.

Selenskyj pochte unter anderem auf Garantien zur Absicherung eines möglichen Friedens. Er betonte, dass die europäischen Verbündeten dabei auf die Rückendeckung der USA angewiesen seien.
US-Vizepräsident JD Vance wurde lauter, unterbrach seinen Gast häufiger und versuchte Selenskyj in die Ecke zu drängen. In herablassendem Ton belehrte er Selenskyj, dass die Armee der Ukraine Rekrutierungsprobleme habe. Und dann spielte Vance die Respekt-Karte: „Denken Sie, dass es respektvoll ist, in das Oval Office der Vereinigten Staaten von Amerika zu kommen und die Regierung anzugreifen, die versucht, die Zerstörung Ihres Landes zu verhindern?“
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„Sie riskieren einen Dritten Weltkrieg“
Die Atmosphäre heizte sich immer weiter auf – schließlich kippte die Stimmung. Der Begriff „Respekt“ wirkte wie das zwischen Vance und Trump verabredete Stichwort. Trump wechselte in den Angriffs-Modus: „Sie setzen das Leben von Millionen Menschen aufs Spiel. Sie riskieren einen Dritten Weltkrieg“, sagte Trump unter anderem lautstark zu dem Ukrainer. Er warf ihm Undankbarkeit vor. „Ihr Land steckt in großen Schwierigkeiten. Ich weiß, dass Sie nicht gewinnen werden. Sie werden das hier nicht gewinnen. Sie haben eine verdammt gute Chance, da heil rauszukommen, wegen uns.“
Selenskyj saß mit verschränkten Armen neben Trump, versuchte sich zu verteidigen – wurde aber immer wieder unterbrochen. Er monierte, dass nach der russischen Annexion der Halbinsel Krim im Jahr 2014 niemand wirksam Kremlchef Wladimir Putin aufgehalten habe.

Und dann stimmt Vance in die Schimpftirade ein
Auch US-Vizepräsident J.D. Vance stimmte in Trumps Tirade mit ein. „Herr Präsident, Herr Präsident, bei allem Respekt. Ich finde es respektlos von Ihnen, ins Oval Office zu kommen und zu versuchen, vor den amerikanischen Medien zu verhandeln“, sagte Vance. „Gerade jetzt, wo Sie herumlaufen und Wehrpflichtige an die Front zwingen, weil Sie Personalprobleme haben, sollten Sie Präsident (Trump) dafür danken, dass er versucht, die Situation zu verbessern.“
Trump über die Ukraine: „Ihr seid dort begraben. Eure Leute sterben“
Trump setzte nach: „Ich denke, es ist gut für das amerikanische Volk zu sehen, was vor sich geht. Deshalb habe ich das (Gespräch) so lange laufen gelassen. Ihr müsst dankbar sein. Ihr habt die Karten nicht in der Hand. Ihr seid dort begraben. Eure Leute sterben. Euch gehen die Soldaten aus.“
Trump: „Ich denke, wir haben genug gesehen“
Trump schickte die Presse schließlich aus dem Oval Office und sagte: „Ich denke, wir haben genug gesehen.“ Das sei großartiges Fernsehen gewesen. Es ist unklar, wie es hinter den Kulissen weiterging. Klar ist, dass Trump kurze Zeit später seinen wütenden Beitrag auf Truth Social veröffentlichte.
Dieser verließ das Weiße Haus nicht sofort – er blieb noch rund eine Stunde dort. Selenskyj wollte nach dem Eklat wohl noch weiter verhandeln –Trump nicht. US-Medien zufolge sollen Selenskyj und seine Begleiter nach dem Eklat im Oval Office in einem anderen Raum gewartet und noch darauf gehofft haben, doch noch einmal zu dem US-Präsidenten vorgelassen zu werden. US-Außenminister Marco Rubio und Trumps Sicherheitsberater Mike Waltz sollen den Ukrainern aber klargemacht haben, dass sie jetzt gehen müssten und eine weitere Unterredung mit Trump kontraproduktiv sei, wie etwa der Sender CBS berichtete. Schließlich stieg Selenskyj in ein vor dem Westflügel geparktes Fahrzeug und fuhr darin davon.
Selenskyj stellt sich Interview bei Fox News
Ein paar Stunden später erschien der ukrainische Präsident zum im Vorfeld des Debakels vereinbarten TV-Interview mit Fox News. Dort betonte er, dass ein Rohstoff-Deal zwischen den USA und der Ukraine nicht ausreiche, um Friedensverhandlungen mit Russland aufzunehmen. Ein solcher Deal sei zwar „der erste Schritt zu Sicherheitsgarantien. Aber das ist nicht genug.“

Moderator Bret Baier fragte Selenskyj in dem rund 20 Minuten langen Gespräch mehrmals, ob sich dieser bei Trump entschuldigen wolle. „Nein. Ich respektiere den Präsidenten, und ich respektiere das amerikanische Volk (...) und ich denke, dass wir sehr offen und sehr ehrlich sein müssen.“ Ob er denn bedauere, wie der Termin im Weißen Haus gelaufen sei? „Ja, ich denke, das war nicht gut.“ Er wolle die Freundschaft und Partnerschaft zu den USA nicht verlieren. „Natürlich“ könne das Verhältnis zwischen Washington und Kiew wieder gekittet werden, sagte der ukrainische Staatschef.
Baier konfrontierte den Präsidenten auch mit Andeutungen des republikanischen Senators Lindsey Grahams, dass die USA möglicherweise nur mit einem neuen ukrainischen Führer verhandeln könne. Damit legte Graham dem Ukrainer einen Rücktritt nahe. Selenskyj betonte, dass das eine Frage sei, über die einzig das ukrainische Volk entscheide.
Trump: „Er kann wiederkommen, wenn er für Frieden bereit ist.“
Auch der US-Präsident hatte offenbar das Bedürfnis, das Geschehene aus seiner Sicht noch einmal einzuordnen. Zunächst schrieb er auf seiner eigenen Social-Media-Plattform „Truth Social“ ein kurzes Statement, in dem es hieß, dass Selenskyj die USA im Oval Office nicht respektiert habe. „Er kann wiederkommen, wenn er für Frieden bereit ist.“

Kurz darauf sprach er vor dem startbereiten Hubschrauber, der ihn in sein Anwesen Mar-a-Lago bringen sollte, zu Reportern. „Das war kein Mann, der Frieden schließen wollte, und ich bin nur interessiert, wenn er das Blutvergießen beenden will“, sagte Trump. Selenskyj habe bei dem Treffen „zu hoch gepokert“. Konkret warf Trump dem Ukrainer vor, dieser wolle „weitermachen und weiterkämpfen, weiterkämpfen, weiterkämpfen“. Trump wolle „jetzt einen Waffenstillstand.“ Selenskyj habe „die Karten nicht in der Hand“. Er solle nicht über Putin und all die „negativen Sachen“ sprechen. „Er muss sagen: Ich will Frieden.“
US-Außenminister verlangt Entschuldigung
Trumps Außenminister Marco Rubio, der beim Schlagabtausch am Nachmittag mit versteinerter Miene neben Vance gesessen hatte, forderte von Selenskyj eine Entschuldigung. Beim Sender CNN sagte er, der ukrainische Präsident solle sich dafür entschuldigen, „dass er unsere Zeit für ein Treffen verschwendet hat, das so enden würde, wie es endete“. Rubio stellte zudem Selenskyjs Bereitschaft infrage, eine Waffenruhe-Einigung in dem seit drei Jahren andauernden russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine zu erzielen. „Man bekommt den Eindruck, dass Selenskyj vielleicht gar kein Friedensabkommen will. Er sagt, dass er es will, aber vielleicht will er es nicht, und diese aktive, offene Untergrabung der Friedensbemühungen ist für alle Beteiligten sehr frustrierend.“

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
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Die „Washington Post“ berichtete am Freitagabend (Ortszeit), dass es innerhalb der US-Regierung Erwägungen gäbe, sämtliche laufenden Militärhilfen an die Ukraine sofort einzustellen.
mit dpa





