Hertha nach zwölf Spielen

Zwischenfazit bei Hertha BSC – Das lässt Gutes erwarten

Hertha BSC hat nach dem ersten Saisondrittel schon 20 Punkte. In der Vergangenheit reichte das am Ende stets mindestens zu Platz sechs.

Mathematisch betrachtet liegt das Ende des ersten Saisondrittels in der Bundesliga zwischen dem 11. und dem 12. Spieltag. Bei Hertha BSC würde das bedeuten, zwischen der 1:4-Klatsche gegen Gladbach und dem souveränen 3:1 in Hannover. Zwischen Dämpfer und Europapokalträumen.

Pal Dardai hat jenes dichte Nebeneinander der unterschiedlichen Deutungen seiner Arbeit gewohnt besonnen beschrieben: „Letzte Woche war Krise, diese Woche ist wieder Champions League. Das ist doch alles Quatsch“, sagte Herthas Cheftrainer. Der Fußball hat das Problem, dass die Entwicklung einer Mannschaft ein Langzeitprojekt ist, ihre Bewertung allerdings meistens unter Kurzzeitbedingungen entsteht.

Wenn man nun aber die gesamte bisherige Saison nimmt und nach zwölf Spieltagen der Einfachheit halber vom ersten Drittel spricht, dann gibt es nur wenig Grund zum Ärgern für den Ungarn. Dann muss man sogar sagen, dass die Blau-Weißen eine formidable erste Etappe hingelegt haben.

Mit 20 Punkten steht Dardais Team auf Platz vier, der ja am Ende tatsächlich für die Champions-League-Qualifikation berechtigen würde. Herthas Manager Michael Preetz sagt dazu: „Wir sind keine Mannschaft, die um die ersten sechs, sieben Plätze mitspielt. Aber wir nehmen gern die Erkenntnisse aus den ersten zwölf Spielen mit.“

Gegen Teams auf Augenhöhe und auswärts wird gepunktet

Und die sehen so aus: Hertha spielt nunmehr nicht nur einen ansehnlichen, ballorientierten Fußball, sondern auch einen erfolgreichen – zumindest dann, wenn Teams mit dergleichen Kragenweite die Gegner sind. „Wir haben gegen jede Mannschaft, die mit uns auf Augenhöhe ist, gepunktet. Das ist eine sehr gute Entwicklung“, sagt Preetz. Gegen Augsburg, Stuttgart, Köln, HSV, Ingolstadt und Hannover wurde gewonnen, gegen Bremen und Frankfurt je ein Punkt geholt.

Verloren hat Hertha nur gegen Topsechsteams (BVB, Wolfsburg, Schalke, Gladbach) – und auch da war es, außer gegen Gladbach, knapp. „Das hat mit unserer Handlungsschnelligkeit zutun. Auf dieser Ebene können wir mit unserer Spielintelligenz mithalten“, sagt Dardai.

Ein wesentlicher Unterschied zur enttäuschenden Vorsaison liegt in dem Umstand, dass alle vier Zugänge in dieser Spielzeit kaum Anlaufzeit benötigten. Vladimir Darida und Mitchell Weiser sind wichtige Stützen der Elf, Vedad Ibisevic ebenso, wenn er nicht gerade gesperrt ist. Und der aktuell verletzte Niklas Stark hat schon angedeutet, dass er eine Bereicherung ist.

Taktisch hat Dardai mehr Möglichkeiten

Trotz Verletzungssorgen hat Dardai somit viele Optionen. „Für mich wird es immer schwieriger zu entscheiden, wer spielt“, sagt der 39-Jährige. Zudem kann er taktisch variabler agieren lassen. Ob mit Doppelspitze oder Ein-Mann-Angriff, ob mit „schiefem Dreieck“, wie er das varibale, zentrale Dreier-Mittelfeld nennt, oder mit klassischem Spielmacher, ob mit Viererkette oder sogar mit Dreierkette in der Abwehr – Dardai hat nun das Personal.

Ein weiterer Grund dafür, ein positives Zwischenfazit ziehen zu können, ist die neuerliche Auswärtsstärke. Vergangene Saison war Hertha das viertschlechteste Team auf fremden Plätzen mit nur 13 Punkten in 17 Partien. Jetzt, nach sieben Spielen in der Ferne, kann sich Dardais Elf mit zehn Zählern das vierbeste Auswärtsteam nennen.

Sorgenkinder Stocker und Brooks

Aber es gibt auch ein paar Probleme: Valentin Stocker, in der vergangenen Rückrunde Herthas Bester, ist außer Form. Dazu steht bald eine echte Torwartdebatte ins Haus. Noch kuriert Thomas Kraft seine Schulterverletzung aus. Seinen Stammplatz hat er derweil aber an Rune Jarstein verloren. Da wird einiges zu moderieren sein.

Zudem hofft Dardai, die Wankelmütigkeit seines talentiertesten Innenverteidigers in den Griff zu kriegen. John Brooks stand gegen Hannover seit langer Zeit mal wieder in der Startelf, und Dardai sagt: „Wenn er so spielt, hat er ein Riesenpotenzial. Aber er muss das jede Woche zeigen. Ich habe ihm gesagt: Wehe, du lässt jetzt nach.“ Brooks reist in dieser Woche nicht zur US-Nationalelf, sondern zur dortigen U23.

Europapokal als Langzeitprojekt

Das allerdings schmälert nicht den Eindruck, dass jenes erste Saisondrittel Gutes erwarten lässt. Seit der Einführung der Dreipunkteregel 1995/96 stand Hertha zuvor bereits vier Mal mit 20 Zählern oder mehr nach zwölf Spieltagen da. Und stets landete der Hauptstadtklub am Ende der Saison unter den ersten Sechs in der Tabelle (siehe Grafik). Das würde in dieser Spielzeit die Qualifikation für die Europa League bedeuten.

Preetz sagt: „Natürlich ist die Lust auf mehr da“, und meint damit die 20 Punkte. Für ihn ist das Erreichen des internationalen Geschäfts ein Langzeitprojekt, für das es in dieser Saison ein paar Grundsteine zu legen gilt. Er sagt: „Wir freuen uns, aber wir wollen jetzt nicht die Arbeit einstellen.“