Hertha-Keeper

Rune Jarstein - "Ich will die Nummer eins bleiben"

Rune Jarstein möchte Thomas Kraft im Hertha-Tor dauerhaft ablösen. Das birgt zwar Konfliktpotenzial, ist für den Klub aber eine gute Sache.

Foto: Martin Rose / Bongarts/Getty Images

Die Angelegenheit ist delikat, und Pal Dardai löst sie in der ihm eigenen, besonnenen Art: „Ich mache Rune kaputt“, sagte Herthas Cheftrainer, nachdem feststand, dass die ungarische Nationalelf im EM-Play-off auf Norwegen treffen wird (12. und 17. November).

Ein kleiner Scherz. Aber Dardai war ja bis Sommer Ungarns Nationaltrainer und hat noch ein paar Aktien an der Sache. Sein Torwart bei Hertha, Rune Jarstein, hat allerdings ein Interesse dran, Dardai in die Suppe zu spucken. Der Norweger will gern zur EM.

Aber da ist ja auch noch Zsolt Petry, der am ungarischen EM-Traum als Torwarttrainer unter Dardai mitgewirkt hatte und seit Sommer Herthas Schlussleute betreut. Auch hier stoßen klubintern Interessen aufeinander. Das ist für Jarstein sogar noch ein wenig schwieriger als mit Dardai: Denn ohne den neuen Berliner Torwarttrainer Zsolt Petry hätte es den neuen Rune Jarstein bei Hertha niemals geben.

Torwarttrainer Petry verhinderte einen Wechsel im Sommer

„Im Sommer hatten Hertha und ich den Plan, dass ich gehe. Ich war kurz davor, bei einem neuen Klub zu unterschreiben“, erzählt Jarstein. „Aber dann kam Zsolt Petry. Er mochte mein Spiel und wollte, dass ich bleibe.“ Vom Tisch war der Wechsel.

Jarstein sitzt in einem für Interviews hergerichteten Raum auf Herthas Geschäftsstelle und riecht nach Gras. Das Shirt ist an der Schulter vom Rasen grün, das Knie auch. Es ist Mittwoch. Draußen hat der 31-Jährige eben das Frühtraining beendet. Drinnen sagt er: „Ich habe eine zweite Chance bei Hertha bekommen.“

Eigentlich ist es eine doppelte zweite Chance. Erstens, dass Jarstein bleiben und zweitens, dass er endlich spielen darf. Seit vier Partien fehlt Herthas Stammtorwart Thomas Kraft wegen einer komplizierten Schulterverletzung. Er trainiert nun zwar wieder mit der Mannschaft, sagt aber: „Ein kleiner Schmerz ist noch da. Es ist weiter Vorsicht geboten.“

Kraft-Ersatz auch in Ingolstadt

In Ingolstadt am Sonnabend und sehr wahrscheinlich auch im Pokal gegen den FSV Frankfurt am Dienstag wird deshalb Rune Jarstein im Berliner Tor stehen. Dardai vermeidet es zwar bisher, sich öffentlich festzulegen, weil er weiß, dass im Thema Sprengkraft steckt. Aber der 39-Jährige lobt auch den Ersatzmann: „Rune hat es bisher sehr gut gemacht.“

Wenn es nach Jarstein geht, wird ihn bald ohnehin niemand mehr einen Ersatzmann nennen. Hatte er sich nach seinen ersten Spielen als Kraft-Vertreter noch zurückgehalten, äußert er nun erstmals offen: „Ich will die Nummer eins bleiben. Das war mein Ziel, als ich kam. Ich habe nun ein paar Spiele gemacht und das Gefühl, dass sie gut waren. Ich fokussiere mich jetzt darauf, im Tor zu bleiben.“

Man könnte dies als Fehdehandschuh deuten, den Jarstein seinem Kollegen Kraft da hinwirft. Aber wenn man den Norweger ein bisschen kennt, weiß man, dass dies für ihn keine persönliche Angelegenheit ist – sondern eine rein berufliche. Es geht darum, sich zurückzuholen, was er hatte.

Dardai forderte den 31-Jährigen auf, seine Ausstrahlung zu verbessern

Im Januar 2014 kam Jarstein von Viking Stavanger nach Berlin. In jedem seiner Klubs zuvor war er die Nummer eins. Dazu stand er bei der norwegischen Nationalelf im Tor und sollte bei Hertha die seit Langem vermisste Konkurrenz für Kraft sein.

Aber Berlin entpuppte sich als Karriereknick. An Kraft kam er nicht vorbei und verlor seinen Stammplatz im Nationalteam. „Das zu verstehen, war schwierig für mich. Aber jetzt spiele ich bei Hertha. Und mein Ziel ist es, bald wieder für Norwegen aufzulaufen“, sagt Jarstein.

Es ist zu vermuten, dass das Bild, das man in Berlin bisher von Rune Jarstein hatte, gerade neu zusammengesetzt wird. Zurückhaltend, bestenfalls ein bisschen misstrauisch, präsentierte er sich fast zwei Jahre lang. Einer, der nicht auffällig wurde – weder durch besondere Leistungen im Training noch durch öffentliche Forderungen. Dabei verfolgt ihn in Norwegen ein ganz anderer Ruf: „Dort schrieben immer alle, dass ich ein starkes Temperament habe. Dass ich aufpassen müsse“, sagt Jarstein.

Aber genau das Impulsive ist es, was Pal Dardai von Jarstein wollte: „Ich habe zu Rune gesagt: Du spielst gut, im Training oder wenn du mal in der U23 ausgeholfen hast. Aber deine Mannschaften verlieren. Du muss eine solche Ausstrahlung haben, dass dein Team gewinnt“, erzählt Dardai. Jarstein hat den Rat befolgt. Nun hört man ihn auf dem Schenckendorffplatz Anweisungen brüllen – wie Kraft es immer tat. „Ich glaube, dass es jetzt besser ist“, sagt er.

Leistungssteigernde Wirkung wie beim Hamburger SV

Dass es nun diesen neuen, selbstbewussten Rune Jarstein gibt, der offen äußert, seinen Posten nicht mehr freiwillig räumen zu wollen, ist für Hertha eine gute Sache. Zwar steckt darin Konfliktpotenzial mit Kraft, aber auch eine ähnlich leistungssteigernde Wirkung wie beim HSV: Dort animieren sich René Adler und Jaroslav Drobny gerade zu starken Auftritten. „Ich glaube, wenn man zwei gute Torwarte hat und beide spielen wollen, werden beide davon besser“, sagt Jarstein.

Bei Hertha glauben manche, dass Jarstein auch nach Krafts Genesung im Tor bleiben wird. Dardai äußert sich dazu aber erst, wenn er muss.

Gegen Ingolstadt hat der Ungar nach der Sperre von Vedad Ibisevic sowieso eher ein Stürmerproblem. Das wird Jarstein zwar nicht lösen, aber er könnte: Bis er 15 war, spielte er stets eine Halbzeit als Torwart, die andere im Angriff. Und er sagt: „Immer wenn ich vorne reinging, habe ich getroffen.“