Große Saison-Analyse

Hertha BSC und die Lehren einer verkorksten Saison

Hertha BSC analysiert die ernüchternde Spielzeit. Trainer Pal Dardai macht Mentalitätsprobleme in seiner Mannschaft aus und kündigt personelle Veränderungen an. Klar ist, dass er bleiben soll.

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Eine Zigarre und eine, vielleicht auch zwei geöffnete Flaschen Rotwein. Das war die Belohnung, die sich Pal Dardai gönnte, nachdem sein Auftrag erfüllt war. Der Ungar hat Hertha BSC vor dem Gang in die Zweitklassigkeit bewahrt. Neben Rauchwerk und berauschenden Getränken wird es freilich auch noch eine Prämie im sechsstelligen Bereich vom Klub geben. Ein Dankeschön.

Aber trotz dieses kurzen Moments des Innehaltens nach dem 1:2 gegen Hoffenheim am letzten Spieltag der Saison, das gerade so für das Erreichen des Klassenziels und Platz 15 gelangt hat, sieht Dardai sich ab sofort nicht mehr als Retter. Er befindet sich vielmehr im Übergang: Weg von der Rolle des Verhinderers des schlimmsten Falls, die er Anfang Februar übernommen hatte. Hin zum Gestalter. Um das Morgen zu planen, müssen allerdings die richtigen Schlüsse aus dem Gewesenen gezogen werden. Und Dardai ist bereits mittendrin.

Charakterschwäche einiger Profis

Am Sonntagmorgen hat sich der 39-Jährige mit einer Ansprache an seine Mannschaft gewandt. Er habe sich bedankt, dass die Profis „bis Mitte April in jedem Spiel an ihr Limit gegangen sind.“ Aber darin steckte bereits die erste Aufarbeitung. Denn Mitte April hatten die Berliner nach dem 0:0 gegen Köln sieben Punkte Vorsprung auf den Relegationsplatz 16. Am Ende war es nur noch die um neun Treffer bessere Tordifferenz gegenüber dem HSV.

„Nach dem Köln-Spiel ist etwas passiert“, sagte Dardai und meinte damit einen Spannungsabfall bei seinen Profis, den er als Mentalitätsproblem wertet: „Ob bei den Führungsspielern oder als Team: Einige haben gedacht: Wir haben es geschafft“, so Dardai. „Aber in unserer Situation kann man es nur gemeinsam schaffen. Wenn ein paar Spieler nicht mitmachen, hat man Probleme.“

Letztlich hat Dardai erlebt und nun ausgesprochen, woran auch sein Vorgänger Jos Luhukay immer wieder verzweifelt ist: Diese Mannschaft ist eine wankelmütige, bei der die Charakterfrage nicht positiv beantwortet werden kann.

Zu den Vorzügen Dardais gehört es aber, dass er unangenehme Wahrheiten ausspricht und meistens ehrlich zu sich und den Spielern ist: An diesem Dienstag hat er die Profis zum Einzelgespräch bestellt. „Jeder kriegt meine Meinung. Was war gut? Wo gibt es Probleme? Mit wem planen wir“, sagte Dardai. Es wird Veränderungen im Kader geben, und wenn es nach Pal Dardai geht, erhebliche.

Der Coach möchte neue Spieler holen

Nun ist zwar noch nicht endgültig verbrieft, dass Dardai auch in der kommenden Spielzeit Trainer bei Hertha BSC sein wird. Aber eine Einigung zwischen Klub und dem bisher als Jugendcoach angestellten Ex-Profi sowie seinem Co-Trainer Rainer Widmayer wird in Kürze erwartet. Dardai befindet sich dabei in einer komfortablen Verhandlungsposition: Manager Michael Preetz hat am Sonnabend bereits bestätigt, was seit Wochen intern beschlossen war: Dardai soll bleiben.

„Natürlich ist das ein geiler Job“, hat Dardai gesagt, als er gefragt wurde, ob er überhaupt bleiben wolle. Aber er verwies auch auf die enorme Belastung für sich und seine Familie in den vergangenen dreieinhalb Monaten. Bei den Gesprächen wird es für Dardai daher weniger um das Salär gehen, als vielmehr um die Perspektive, in der kommenden Spielzeit eine gute Mannschaft ins Rennen schicken zu dürfen, um ruhiger arbeiten zu können.

Das aktuelle Team hält Dardai für zu schwach und charakterlich fragwürdig, wie seine Aussagen belegen. Dardai wünscht sich neue Spieler. Einen Umbruch wie im vergangenen Sommer allerdings, als neun Neue kamen, wird sich Hertha nicht leisten können. Das ist das Spannungsfeld, in dem sich Trainer und Manager nun befinden.

Hegeler, van den Bergh und Ronny auf der Streichliste

Für eine Erneuerung muss Hertha vorhandene Profis abgeben. Aber einzig der Vertrag von Marcel Ndjeng läuft aus. Bei allen anderen, die Hertha loswerden will, muss Einigung mit den Profis erzielt werden. Wahrscheinlich steht Jens Hegeler auf jener Liste. Der Mittelfeldspieler enttäuschte und wurde von Dardai zuletzt nicht mehr in den Kader berufen.

Dazu ist Johannes van den Bergh ein Streichkandidat. Zudem wäre man in Berlin sicher froh, wenn der kaum bundesligataugliche Spielmacher Ronny einen neuen Arbeitgeber fände. Über den ebenfalls enttäuschenden Stürmer Salomon Kalou sagte Dardai: Er sei zwar mit dessen Einsatz zufrieden gewesen, allerdings nicht mit dessen Torausbeute. Aber: „Ein Spieler aus dem Ausland braucht immer Zeit. Eigentlich wird das zweite Jahr immer besser.“

Die Streichliste dürfte noch länger sein, denn der Bedarf an neuen Kräften ist groß. Aus der Analyse der Saison (siehe Grafik) geht hervor, dass Hertha vor allem an einer mangelnden Spielkultur gelitten hat: Keine Mannschaft hatte weniger Ballbesitz (42 Prozent). Nur Bremen spielte häufiger Fehlpässe (33 Prozent) als die Berliner (30). Zudem verbuchten die Blau-Weißen ligaweit die wenigsten Torschüsse und erzielten aus dem Spiel heraus die zweitwenigsten Tore (21). Die Spielgestalter Alexander Baumjohann und Tolga Cigerci haben beide fast die komplette Saison gefehlt. Hertha braucht auf dieser Position dringend Verstärkung.

Langkamp: „Diese Saison war überhaupt nicht gut“

Zudem konnten weder Dardai noch Luhukay das Team zwischen Offensive und Defensive ausbalancieren. Unter Luhukay kassierte man durchschnittlich zwei Gegentore pro Spiel. In Dardais Zeit wurde Hertha zur drittbesten Defensive, verlor aber vorn völlig die Durchschlagskraft (nur zwölf Tore). Von den Spielern am deutlichsten sprach es Sebastian Langkamp aus: „Diese Saison war überhaupt nicht gut. Wir werden sicherlich unsere Schlüsse daraus ziehen müssen.“

Zwei Sätze hatte Dardai nach dem finalen Spiel in Hoffenheim gesagt: „Wir müssen diese Saison schnell abhaken und vergessen.“ Und: „Wir müssen daraus lernen.“ Ein Widerspruch zunächst, aber er trifft es. Hertha muss versuchen, das negative Grundgefühl dieser Spielzeit abzustreifen, ohne dabei die Lehren aus der Saison zu ignorieren. Nur dann gibt es in einem Jahr wieder Zigarre und Rotwein.