Hertha BSC

Mitchell Weiser ist Herthas Spaßmacher

Mitchell Weiser spielt sich bei Hertha BSC in den Mittelpunkt, weil er Dinge wagt, die sich andere nicht trauen.

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Ein bisschen neidisch ist er ja schon. Nicht, dass sich Mitchell Weiser beschweren möchte, „aber die Sportler in den USA“, sagt der Hertha-Profi und NBA-Fan, „können einfach mehr sie selbst sein. Da kann man auch mal extravagante Sache sagen, und die Leute finden das cool. In Deutschland wird man direkt abgestempelt.“

Er selbst hat in dieser Hinsicht schlecht Erfahrungen gemacht. Im Februar postete Weiser ein Bild von sich und seinem damaligen Mitspieler David Alaba im Tanga. Eine spaßig gemeinte Aktion, die zwar gut zu Weisers Lausbubengrinsen passte, bei seinem Arbeitgeber FC Bayern aber genauso schlecht ankam wie in der Öffentlichkeit.

Seine Erfolgsserie soll heute in Hannover fortgesetzt werden

Inzwischen haben sich die Motive auf Weisers Social-Media-Accounts deutlich verändert. Einerseits, weil er das Bayern-Trikot im Sommer gegen ein Hertha-Dress getauscht hat, vor allem aber, weil er mehr denn je durch seine Leistungen für Schlagzeilen sorgen will.

Das gelingt dem 21 Jahre alten Außenbahnspieler momentan gut: In den jüngsten fünf Pflichtspielen bereitete er drei Tore vor und erzielte einen Treffer selbst. Eine Erfolgsserie, die Weiser am Freitagabend bei Hannover 96 (20.30 Uhr, Sky und im Liveticker bei immerhertha.de) fortsetzen will.

Rechtsverteidiger als Spielmacher

Weiser spielt sich bei Hertha mehr und mehr in den Mittelpunkt. Ein Umstand, der auch deshalb bemerkenswert ist, weil er taktisch betrachtet eine Randerscheinung ist. Seit der Verletzung von Peter Pekarik läuft Weiser als rechter Verteidiger auf, und trotzdem ist er derart präsent, dass ihn Trainer Pal Dardai unlängst als „kleinen Spielmacher“ bezeichnete.

Und: Weiser beweist Nehmerqualitäten. Am vierten Spieltag brach er sich den kleinen Zeh des rechten Fußes. „Ein bisschen spüre ich davon immer noch“, sagt er knapp acht Wochen später. Anfangs trug er nur noch Badeschlappen, weil der geschwollene Fuß nicht in seine Schuhe passte, doch Weiser biss auf die Zähne. „Im Spiel“, sagt er, „hilft das Adrenalin.“ Den Rest besorgte eine schmerzstillende Spritze, zumindest eine Halbzeit lang.

Hoffen auf eine Nominierung für die deutsche U21

Weisers Einsatz – „Das spricht für seinen Charakter“, sagte Manager Michael Preetz – hinterließ dabei genauso viel Eindruck wie seine Leistungen. Mittlerweile wird er sogar als Kandidat für die Nationalelf gehandelt. Ein Thema, das Weiser zum Lachen bringt. Er würde gerne erst mal den Sprung in die U-21-Auswahl schaffen, sagt er.

Deren Trainer Horst Hrubesch wurde am vergangenen Wochenende schon im Olympiastadion gesichtet. Heute benennt er den Kader für die anstehenden EM-Qualifikationsspiele.

Aber: Weiser bremst. „Bis jetzt läuft es gut und ich glaube, dass ich auf der Position Zukunft habe. Gegen Gladbach habe ich allerdings auch ein paar Fehler gemacht.“ So wie beim 0:1, als er den Torschützen Oscar Wendt aus den Augen verlor.

Er weiß sich einzuschätzen – Weisers Ansprüche an sich selbst sind enorm. Bis zum Sommer hießen seine Teamkollegen schließlich noch Arjen Robben, Franck Ribéry und Philipp Lahm, sein Trainer Pep Guardiola, täglich umgab ihn Weltklasse.

Mannschaftsintern gilt Weiser als Phänomen

Als Sofortlösung galt Herthas erster Zugang des Sommers trotzdem nicht, eher als verheißungsvoller Mann für die Zukunft. Seine ersten Auftritte auf dem Schenckendorffplatz: unauffällig, zurückhaltend, beinahe schüchtern. Fast scheint es, als sammle er all seine Energie für die Momente auf dem Rasen. Mannschaftsintern gilt er als Phänomen, weil er sich abseits des Rasens tiefenentspannt gibt, auf dem Spielfeld aber explodiert. Ein Wechselspiel, das momentan perfekt funktioniert.

Seine Defensivaufgaben erfüllt der Rechtsfuß solide, und sein Vorwärtsdrang zählt zu Herthas stärksten Waffen. Anders als Pekarik interpretiert er seine Position ausgesprochen offensiv. Auffällig dabei: Weiser hat keine Scheu vor dem Risiko.

Er sucht nach kreativen Lösungen, selbst unter Druck und auf engstem Raum. „Vielleicht ist das Instinkt“, sagt er, „vielleicht Talent. Auf jeden Fall habe ich keine Angst, Fehler zu machen.“ Sein Credo: Lieber einen kurzen Fehlpass spielen als den Ball uninspiriert nach vorn zu dreschen. Man müsse auch mal kreative Dinge versuchen, sagt Weiser. Auf dem Rasen kommt das deutlich besser an als bei Instagram.

Der 21-Jährige passt gut ins Konzept von Trainer Pal Dardai

Mit seiner Mischung aus Einsatzwillen und Spielwitz verkörpert Weiser genau den Fußball, den Trainer Pal Dardai in dieser Saison spielen lassen will.

Ob er sich schon als Führungsspieler sieht? „In der Kabine bin ich eher ein Spaßmacher“, sagt Weiser und fängt an zu grübeln. Er ist erst 21. Fast seine komplette Karriere liegt noch vor ihm, sein Entwicklungspotenzial ist immer noch groß. „Ein Führungsspieler“, sagt er dann doch, „ist jeder, der seinen Mitspielern hilft.“ Wenn es danach geht, ist Weiser bei Hertha auf einem sehr guten Weg.