Bundesliga

Hertha hat gegen Hoffenheim den Matchball auf dem Fuß

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Jörn Lange

Foto: Matthias Kern / Bongarts/Getty Images

Für die Berliner geht es in Hoffenheim um nicht weniger als den Verbleib in der Fußball-Bundesliga. Warum Trainer Pal Dardai vor dem 34. Spieltag mehr denn je als Psychologe gefordert ist

Er kann schon ein gemeiner Sauhund sein, der Sport – das wissen Athleten genauso gut wie ihre Fans. Gemeinsam dürfen sie (bestenfalls) ekstatische Höhenflüge erleben. Wenn sich aber Fortuna auf die Seite der Konkurrenz schlägt, entfaltet sich die Tragik nicht selten in Vollendung.

Besonders bitter sind dabei die Pleiten, die man am wenigsten erwartet; solche, bei denen sich sich das Blatt plötzlich wendet, obwohl der eigene Triumph gerade noch wie eine Formsache erschien.

Der eigene Triumph, das ist im Fall von Hertha BSC der Verbleib in der Fußball-Bundesliga. Kein besonders glamouröser Erfolg, aber zweifelsohne ein eminent wichtiger. Die Chancen, dieses Minimalziel zu erreichen, stehen seit Wochen gut für die Berliner. Trainer Pal Dardai spricht vor den Spielen seines Teams meist von einem „Matchball“, muss die Zahl der verbleibenden Matchbälle aber seit nunmehr fünf Spielen beharrlich herunterzählen.

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Vor der Partie bei der TSG Hoffenheim am Sonnabend (15.30 Uhr) ist der Ungar bei eins angekommen und fordert von seinen Spielern: „Die Null muss stehen.“ Tatsächlich wäre die Umsetzung dieses alten Huub-Stevens-Credos enorm hilfreich. Mit einem Punkt wäre der Klassenerhalt perfekt. Endlich.

Keine Zweifel an Stabilität

Hertha verfüge noch immer über eine „sehr, sehr gute Ausgangsposition“, betont Dardai. Das stimmt zwar, aber mit Matchbällen ist es so eine Sache. Leidgeprüfte Sportler und deren Anhänger wissen: Zu viele von ihnen sollte man nicht vergeben. Denn nach der x-ten vergebenen Chance wächst die Gefahr, dass im eigenen Körper plötzlich ein zartes Pflänzchen der Verunsicherung sprießt, das zu einem körperlähmenden Gewächs aus Mutlosigkeit und Verzweiflung mutiert.

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Bei Tennisspielern, für die Matchbälle qua Berufswahl zum Tagesgeschäft gehören, lässt sich dieses Phänomen ständig beobachten. Beispiel Sabine Lisicki: Als die Berlinerin im April während ihres Fed-Cup-Einsatzes in Sotschi einen Matchball vergab, brach sie kurz darauf ein und ging im Entscheidungssatz sang- und klanglos unter. Ihr männlicher Kollege Tommy Haas brachte 2013 sogar das Kunststück fertig, in einem vierten Satz zwölf Matchbälle zu vergeben.

Diese rekordverdächtige Marke wird Hertha zwar nicht mehr toppen. Ob die bisher fünf vergebenen Matchbälle spurlos am Team vorbeigegangen sind, scheint für Außenstehende trotzdem fraglich. Nicht so für Michael Preetz. „Die Mannschaft ist sehr stabil“, sagt Herthas Manager, das hätten die Spiele in den vergangenen Wochen belegt. Selbst die maue Nullnummer gegen Frankfurt wertete Preetz als Beleg dafür, dass das Team „mit Druck umgehen kann“. Die Balance aus defensiver Stabilität und eigenen Torchancen habe schließlich gestimmt. Eine der wohlwollenderen Interpretationen des letzten Heimspiels der Saison.

Normalität als Hilfestellung

Auch Dardai betont, die Mannschaft sei gut genug, um selbstsicher zu sein. Seine Hilfestellung gegen mentale Blockaden? Heißt schlicht Normalität. Ruhe und Konzentration – diese Mittel hätten sich schließlich auch in den Spielen gegen Hamburg und Paderborn bewährt, in denen Hertha die „wirklichen Big Points“ (Preetz) holte.

Also wurde „normal“ trainiert und, anders in den zwei Wochen zuvor, sogar wieder vermehrt gelacht auf dem Schenckendorffplatz. „Wir haben versucht einen bisschen Spaß reinzubringen“, sagt Dardai. Er weiß: Jetzt zu verkrampfen, könnte fatale Folgen haben. Und in der aktuellen Situation zu besonderen Maßnahmen zu greifen, würde den Spielern ihre Lage wohl erst recht vergegenwärtigen.

Stattdessen beschäftigt sich Dardai lieber mit handfesten Problemen – etwa der Suche nach einem Ersatzmann für den gelbgesperrten John Brooks. „John Heitinga hat sich richtig angeboten“, schwärmt Dardai. Endgültig entschieden habe er sich noch nicht. Alles andere als ein Startelf-Einsatz des Niederländers wäre jedoch eine Überraschung.

Gegner Hoffenheim hat an Qualität verloren

Gewissheit herrscht indes auf der linken Abwehrseite. Marvin Plattenhardt, der sich gegen Frankfurt eine Hüftprellung zugezogen hatte, meldete sich am Donnerstag fit. Zudem darf Flügelspieler Roy Beerens (Sprunggelenksverletzung) nach fünf Spielen Pause auf ein Comeback hoffen.

Der Spielplan meint es gut mit Hertha. Gegner Hoffenheim hat die eindrucksvollen Offensivqualitäten der Hinrunde längst verloren. Seit der Winterpause weisen nur drei Teams eine schlechtere Bilanz auf. In den jüngsten acht Spielen gelangen den Kraichgauern gerade sieben Treffer. Ein Mutmacher für die Berliner, die eine Niederlage mit zwei oder mehr Toren vermeiden müssen, um nicht auf die Mithilfe der Konkurrenz angewiesen zu sein.

Hinzu kommt der Fakt, dass Hoffenheim die Europa-League-Plätze endgültig verpasst hat. Anders: Für die TSG geht es um nichts mehr. Für Hertha hingegen geht es um nicht weniger als die Rettung. Ob diese nun beim sechsten Matchball gelingt, dürfte Dardai reichlich egal sein. Er glaubt daran, dass seine Mannschaft ähnlich gefestigt ist wie Tommy Haas 2013. Damals bekam der Deutsche im fünften Satz einen 13. Matchball. Den nutzte er.