Es war klar, dass diese eigentümliche Saison am Ende noch eine kuriose Pointe bereithält. Wenn es einen Dramaturgen für die aktuelle Spielzeit von Hertha BSC gegeben hat, hat er ganze Arbeit geleistet und einen kinoreifen Spannungsbogen entworfen.
Langsam ging es los. Der Zuschauer lernte die neuen Protagonisten erst kennen. Danach trat schnell der Konflikt hervor: Es würde für die Berliner nur ums Überleben gehen. Der Hauptanteil der Geschichte handelte davon, wie Hertha den Konflikt zu lösen versuchte. Dabei blieb auch mal einer auf der Strecke (Trainer Jos Luhukay).
Gekonnte Dramaturgie der Saison
Und dann sah es plötzlich so aus, als bekäme der Betrachter einen neuen Helden präsentiert (Pal Dardai) und das Happy End, auf das er gewartet hatte. Aber kurz bevor der Abspann kommt – das ist die gute alte Schule der Dramentheorie – gib es jetzt noch einmal die unerwartete Rückkehr des Bösen und eine Entscheidungsschlacht um Sein oder Nichtsein. Hertha braucht am Sonnabend, am letzten Spieltag der Saison, noch einen Punkt gegen Hoffenheim, um der Relegation und dem möglichen Abstieg zu entgehen. Alles ist angerichtet für das große Finale.
In dieser spannenden Geschichte über Leben und Tod eines Vereins in der Bundesliga hat John Heitinga bisher keine Rolle gespielt. Nicht mal Nebendarsteller war er. Dabei hatte man dem Niederländer die Hauptrolle zugedacht, denn die hatte er zuvor oft gespielt. Es eilte dem Verteidiger nämlich der Ruf voraus, ein Star zu sein.
Das war im vergangenen Sommer. Heitinga kam ablösefrei vom Premier-League-Absteiger FC Fulham nach Berlin, und nicht wenige Zuschauer fragten sich, wie das überhaupt möglich war. Es ging ja nicht um eine Hochglanzproduktion, die bei Hertha in der Planung war, sondern eher um ein Low-Budget-Projekt. Aber dazu später mehr.
Von Luhukay ausgemustert
Wenn einer schon mal in einem WM-Finale (2010) gestanden und 87 Länderspiele bestritten hat, wird viel von ihm erwartet. Luhukay sah in Heitinga den neuen Anführer. Neben dem Platz sollte der 31-Jährige die Rolle des „Elder Statesman“ von Levan Kobiashvili übernehmen: Integrativ wirken und Erfahrungen weitergeben. Auf dem Platz sah Luhukay Heitinga als neuen Abwehrchef. Er selbst formulierte diesen Anspruch nie: „Ich bin hier nicht der neue Anführer“, sagte Heitinga zu Saisonbeginn. Er sollte recht behalten.
Zwölf Saisonspiele bestritt Heitinga für Hertha. Zunächst neben Sebastian Langkamp in der Innenverteidigung, als Fabian Lustenberger noch nicht fit war. Später neben Lustenberger, als Langkamp die komplette Hinrunde ausfiel. Dann fehlte auch Lustenberger wieder, aber Heitinga verlor ab dem zwölften Spieltag dennoch seinen Stammplatz und bekam ihn danach nie wieder zurück.
Hertha hatte zu diesem Zeitpunkt enorme Defensivprobleme und stellte die drittschlechteste Abwehr der Liga (19 Gegentore in zehn Spielen). Luhukay musste etwas ändern. Heitinga hatte sich als zu langsam für die Bundesliga erwiesen, Probleme im Spielaufbau und schlechte Zweikampfwerte für einen Innenverteidiger (52,7 Prozent).
Zudem ging er vielen direkten Duellen aus dem Weg und führte nur 93. Für Luhukay war Heitinga deshalb keine Option mehr. Der Niederländer ließ ihn ab dem 13. Spieltag keine einzige Minute mehr auflaufen. Und auch unter Luhukays Nachfolger Pal Dardai kam Heitinga nur zweimal zum Einsatz: In Stuttgart wurde er zur Halbzeit ausgewechselt und in Dortmund spät eingewechselt. Ansonsten saß er bisweilen nur auf der Tribüne.
Dardai lobt: „John hat überragend trainiert“
Doch gute Geschichten leben von überraschenden Wendungen. Und diese hier hat eine: Weil John Brooks gegen Hoffenheim wegen der fünften Gelben Karte gesperrt fehlen wird, kehrt der tief gefallene, verhinderte Held Heitinga aller Wahrscheinlichkeit nach doch noch einmal zurück ins Rampenlicht – und gibt die Hauptrolle.
Gegen die torgefährliche TSG (47 Treffer) kommt es für Hertha nämlich vor allem darauf an, den Klassenverbleib zu verteidigen. Es reicht ja auch eine Niederlage, um die Relegation zu vermeiden, wenn sie nicht höher als mit einem Tor Differenz ausfällt. Dardais Team kann in dieser Spielzeit nicht sehr viele Dinge gut. Aber kompakt verteidigen kann es, seit der 39-Jährige übernommen hat.
Damit das so bleibt, wird nun Heitinga gebraucht. „John hat überragend trainiert“, lobte Dardai am Dienstag. „Er hat Charakter und viel Erfahrung. Ich kann nichts Schlechtes über ihn sagen“, so der Trainer. Er ließ noch offen, ob Heitinga tatsächlich spielen wird, aber es würde verwundern, wenn nicht: „John hat eigentlich alles, um uns in unserer Situation zu helfen“, sagte Dardai.
Leistungsbezogener Vertrag
Man würde Heitinga gern selbst befragen, aber er redet seit geraumer Zeit nicht mit den Medien. Neben dem Platz ist er der angedachten Rolle als Herbergsvater gerecht geworden und kümmert sich um die Kollegen Salomon Kalou und Roy Beerens. Nun wäre auf dem Platz doch noch einmal die Gelegenheit, die Rolle des Anführers auszufüllen.
Finanziell ist diese Saison für Heitinga ohnehin schon ein Desaster: Er hat einen stark leistungsbezogenen Vertrag – geringes Grundgehalt, hohe Prämien, wenn er spielt. Bisher hat er Hertha also wenig gekostet. Beim großen Finale dieser Geschichte soll er dennoch wertvoll werden.





